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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-02-08 · Heft 6 (8.2.1895) · p. Seite 70

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 6 (8.2.1895)
Date
1895-02-08
Page
Seite 70 (sequence 10)
Language
German
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70 zugeworfen, uiib auch Heinrich stand ganz bewegunglos und blaß da und biß sich in die Unterlippe. Da fühlte ich, wie eine zarte, warme Mädchenhand meine Wange berührte — es war Alice. „Ich danke Ihnen," flüsterte sie mir zn, während ihre Auge» leuchteten, „Sie haben mich tief gerührt, und ich verstehe Sie." Und ich ergriff ihren süßen Mädchenkopf und küßte ihn in innigster Dankbarkeit. Als ich dann allein mit Heinrich war, sagte er mir in vorwurfsvaltem Tone: „Tu hättest es nicht thnn sollen, Antonia; meinetwegen und auch Deinetwegen nicht; wozu hattest Dn cs nöthig, die Leute an Deine Abkunft zu erinnern, sie, die ans ihren allen Vorurtheilen nimincr herauswachsen können. . ." Ich stand da wie von einem schweren Schlage getroffen, seine Siimnie klang mir so fremd. „Tn bist eben so roher Art, wie die Anderen auch," rief ich ihm zn, während ich fühlte, wie es mein Herz umkrampfte. Und ohne ihm Gute Nacht zuznrufen, ging ich eiligen Schrittes auf mein Zinimer zu. Und dann stand er an meiner Thür, und mit flehender Stimme bat er mich um Verzeihung. Aber er hatte mich z» tief verwundet, und ich fand kein Wort der Vergebung für ihn. (Forts, folgt.) »«» Der Judenzunge. Eine Erzählung aus Ostgalizien von Wilhelm Feldmann. (Fortsetzung.) XVII. J^ss war finster, alle Milbewohner waren im tiessten Schlafe verstinken, nur Jizchak lag mit offenen Auge», die Hände über dem Kopfe gekreuzt, auf seiner Pritsche. Er konnte nicht schlafen und athmete rasch und heftig ivie ein kranker oder schioer arbeitender Mensch. Er arbeitete schwer, in der That. Vor einigen Wochen hatte er ein prächtiges Gemach erblickt, und beschloß, sein Inneres zu betrete». Jetzt, nachdem er endlich in den Palast gelangt war, bemerkte er zu spät, daß der Bau auf dünueni Eise stehe. Das Eis kracht, und er sinkt in die kalten Flnthen. . . Schon reicht ihm das Wasser bis an den Hals, schon dringt es ihm in den Mund... er muß ertrinken, und nirgends sieht er Rettung . . . nirgends. . . So sind denn wirklich alle Mittel und Wege verloren? Das Eine ist gewiß, daß die Hoffnungen, tvelche ihn »ach Lemberg führten, falsch und trügerisch gewesen sind und ihn in einen Sumpf geführt habe», aus dem er den Ausgang nicht finden konnte. Es ist klar, daß er sich keinem ruhigen, systeniatischkii Studium werde widmen können. Aber es ist noch schlimmer. Die Wirklichkeit ist so schrecklich, so grausam, daß sie ihm das Stück trockenen Brodes, die elende Pflugschar versagt, vor welche er sich spanne» will. . . Wo ist die Wahrheit? Wo ist die Gerechtigkeit? Entrüstung, Schmerz und Neid kochten in ihm gewaltig. Aber bald hatte er diesen Jdeengang fallen lasien. Die Hände auf der Brust gefaltet, blickte er weit geöffneten Auges in die dunkle Nacht und nach dem Fenster. Plötzlich schaute ein bleicher, am Nachthimmel hinziehender Stern in die elende Stube. . . Gedankenlos starrte Jizchak ihn an, aber rasch war er verschwunden. Ha! Wieder hatte er sich in den Jrrgänge» eines ziellose», unnöthigen Nachdenkens verloren. Und er muß jetzt etwas Praktisches, Zweckentsprechendes finden, etwas beschließen, denn das Leben ist kein Ferienidyll, kein Scherz. O, er erinnert sich jenes Wäldchens, jener holden Scherze sehr wohl. . . Dort — was liegt daran — daß muß vergeffen werden; man muß diese süßen, wonnigen Erinnerungen aus seinem Herzen reißen. . . Wozu sich also mit dem Gedankeir an sie noch quälen? Fort mit diesem Bilde! Was also beginnen? Hartnäckig kehrte immer der Gedanke wieder. Du hast noch etwas Geld . . . kehre nach Zapiecko zurück, so lange du gesund bist und noch nicht alles verloren ist. Lange kämpfte er mit dieser Idee. Aber wie wird es dort, in seiner Vaterstadt sein? Dort wissen Alle, daß er geflohen, daß er ei» Abtrünniger ist. Sie werden ihn verstoßen, verfluchen und forttreibcn. Doch das wäre das Geringste. Wenn er dort nur leben könnte! Im gewohnten Kreise, in der Klaus oder ani Tische eines Reichen — nicht, anderwärts wird man ihn nicht zulassen, sind es doch lauter Fanatiker und Finsterlinge. — Also in Lemberg bleiben . . . lvenu dies möglich wäre? Vielleicht findet sich ein Ausweg, ein Auhaltspnnkt, wenn auch noch so gering und schwankend. . . . Die Gestalten des Sekretärs und des Kultusprüsidenten tanchtcn jetzt vor ihm auf. Diese hatten gerathen, ein Handwerk zu ergreifen. . . Sei es denn . . . ein Handwerk! In diesem Augenblick wurde die Thür geöffnet, und eine Gestalt warf sich neben Jizchak zu Bode». „Seid Ihr es, Chaim?" frug er, in der Vermuthung, daß es sein Stubengenosse, der Arbeiter sei, welcher immer so spät von seinen Wanderungen heinikehrte. „Ja," war die Antwort. „Ich bitte Euch," begann Jizchak, sich näher schiebend, „sagt mir, wie sind hier die Bedingungen eines Handwerkers." „Was liegt Euch daran," wurde er voir Jener» angeschnauzt. „Ich möchte Handwerker werden." „Seid Ihr vom Teufel besesseu oder dumm geworden?" „Was nützt das Reden? Gebt lieber Ausknnst!" „Ihr hättet ja Philosoph werden soflen," lachte Jener. „Laßt das, mir ist gar nicht zum Lachen." „Aber ich bin lustig ... Ich bin mit einigen Freunden zusainniengetroffen, ha, ha, ha, und zum ersten Mal seit vielen Wochen habe ich ei» verständiges Nachtmahl verschluckt. „Wo könnte ich eine gute Beschäftigung finden?" „Junger Mann! Handwerker wollt Ihr werden? Hört, wenn der Teufel alle Handwerker holen wollte, ich würde ihnen keinen Seufzer auf den Weg mitgeben. Wie ich zwölf Jahre alt war, haben mich meine Alten zu einem Meister in die Lehre gegeben. Jeder durfte mich stoßen, Jeder an de» Haare» zausen; der Meisterin mußte ich den Fußboden scheuern, de» Gesellen die Stiefel putzen. Solch' eine Praxis muß Jeder durchmachen, Jeder, höchstens, daß Ihr in eine große Anstalt gehen und noch daranfzahlen wollt . . . Habt Ihr denn Geld?" „Ein wenig, einige Gulden . . ." „Habt Ihr einige Gulden? hm . . hm . . " „Was weiter?" ermunterte Jizchak den schweigenden Nachbar, „Entweder machen sie Dich nach zehn Jahren zum Gesellen, oder Dn bleibst Dein Lebelang „Lehrjnnge". Du arbeitest sechzehn, fünfzehn Stunden täglich im Schmutz und Gestank. Denn warum? Schaut Dich Jemand an? Spricht Jemand menschlich mit Dir? Wirst Du als Mensch angesehen? Wenn Du wenigftens bei

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