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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-02-08 · Heft 6 (8.2.1895) · p. Seite 69

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 6 (8.2.1895)
Date
1895-02-08
Page
Seite 69 (sequence 9)
Language
German
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69 Nacht hörte ich meine eigenen Worte: „Ich werde es nie thun, mein > armer Papa/'! Ich hatte mich ganz verändert in dieser kurzen Zeit, all' mein! früherer Frohsinn war gewichen, und Heinrich litt darunter, ohne die j liefern Ursachen meines Kummers zu kennen. Ich bestürmte ihn mit j Fragen, ob ec mich denn nie meiner Abstammung wegen verachten ' werde und obgleich er es mir zuschwor, fühlte ich es doch, daß ich mich! selbst dadurch in seinen Augen erniedrigte. Ich verlor etwas von der Uebermacht, die ich früher über ihn besaß. Ich zürnte mir oft darüber, ich verachtete mich. Ich schrieb es unserer jüdischen Art zu, sich aus eigenem Antrieb stets zu unterwerfen. Dann konnte ich es nicht länger aushalten. Und als Heinrich mich bat, mit ihm zu seiner Mutter zu gehen, die uns zu sich geladen, 1 schlug ich freudigst ein, obwohl es strenger Winter war und sie auf ihrem einsamen, entfernten (Sitte lebte. Ich hoffte, Vergessenheit zu findeil, und ich hoffte, bei seiner Mutter zu erwirken, meinem Schwure treu bleiben zu dürfen.! Die frische Fahrt durch weite Schneefelder hatte inich erfrischt,; ich vergaß Alles, und die alte Lustigkeit kaiu über mich. Ich machte mir sogar Vorwürfe, daß ich mich all' diesen trüben Gedanken hingegeben. Das Wetter war herrlich, ein mattblauer - Himmel wölbte sich über weiße, unendliche Schneeflächen, das Sonnen-; licht warf Goldperlen darüber, und die Luft war so frisch und prickelnd. Immerzu sielen kleine, glitzernde Schneesterne herab, die uns bedeckten. Der dunkle, weißnmbrämte Tannenwald, die einsamen, schneeiiberdeckten Hütten, aus deren Kaminen ein röthlicher Rauch aufstieg, sahen wie verzaubert aus. Heinrich war reizend. Wir ganz allein in dieser ungeheuren Einsamkeit; nur die Glöckchen an den! Pferden lauteten, hier und da flog eine Krähe auf. Mir wurde ganz traumselig zu Muthe, ein unsagbares Glücksgesühl überkain!nich. j Ich lehnte mich an seine Brust und schloß die Augen. Es war süße,; leidenschaftslose Glückseligkeit in mir. Und dann hielt der Schlitten an; mit* waren augelangt. Und nun sah ich seine Mutter. Eine kleine Frau mit sehr seinen Gesichts-; zügen, die Bestimmtheit und Festigkeit ausdrückten, ja, auch jene; Würde, die bei den bedeutenderen polnischen Frauen, die an den Kümpfen ihrer Nation theilgenonnnen, nicht ohne einen Anflug einer historisch-pathetischen Pose ist. Sie war einst ihrem Manne, der eine j bedeutende politische Rolle gespielt, ins Exil nach Frankreich gefolgt,! und ihr Haus war der feinste Zusammenknnftsort gewesen jener! tapferen Männer, die ihren nationalen Leidenschaften Alles geopfert. : In ihre Stimme, in ihre Worte klang auch mit hinein wie ein ganz leiser Ton vornehmer Resignation etwas gedampft Melancholisches und Fromm-Ergebenes. Die ganze Umgebung stimmte, wie ich es gleich und auch spater wahrnahm, zu ihrer Persönlichkeit. Das alte, verlvitterte Schloß, die Zimmer, die alten, etwas verschossenen Möbelstiicke, die Bilder, die ganze Anordnung, der alte Diener, der sich noch ein Air von Jugendlichkeit und aristokratischer Eleganz gab, die Gesellschafterin in ihren nnmodischen Kleidungsstücken — Alles hatte etwas Fremdes an sich, das mir imponirte und mich zugleich niederdrückte. In diesen! Hause war überall dieser etwas dmnpfe Duft zu spüren verblichenen Glanzes; es zog mich an, und dennoch fühlte ich mich so wenig heimisch in diesen Räumen. Heinrichs Mutter war luir zuerst mit einer reservirten Höflichkeit entgegeugekommen; kaum mertbar lag etwas Mißtrauisches in der Art,!vie sie mich betrachtete, und auch etwas von Enttäuschung darüber, daß ihr Sohn ihre Hoffnungen und Träume nicht erfüllt. Als sie aber dann sah, mit welcher Liebe mich Heinrich umgab, wie glücklich er durch!nich war, als sie in seinen Mienen die innige j Bitte um Liebe für mich sah, wurde sie Würmer und nannte mich | ihr „liebes Kind". Sie fühlte dann auch etwas wie Mitleid, als ich ihr von Papa sprach; mich aber hatte dieses scheinbare Mitgefühl tief verletzt. Ich fühlte es in mir, daß es Kampf zwischen uns abgeben wird, daß eine ganze Welt zwischen uns lag. Ich wußte, daß sie eine instinktive Abneigung gegen das jüdische Mädchen empfand, die dann im Laufe der Tage immer mehr hervortrat. Und zum ersten Mal in meinem Leben lvar ich empört über die Brutalität dieses Hasses, über die fast größemvahnsinnige Ueberhebung, in welcher diese „feinern Naturen" uns gegenüber sich gefallen. Es war etwas wie Trotz über mich gekommen und ein Stolz ans meine Abstammung, wie ich ihn nie gekannt. Ganz leise und dann starker und stärker beschlich mich eine Sehnsucht nach all' den Meinen, die ich bisher so sehr verkannt. Ich wunderte mich zuerst über mich selbst; daun wieder fragte ich mich, woher diese Menschen das Recht hernahmeu, sich besser zu fühlen als wir, die sie stets iiuterdrückt und verstoßen; halten wir nicht ebenso seines Gesühl, Reinheit des Empfindens wie sie; hatten wir, die Besseren, uns nicht unfern Menschenadel in Noth und Drang stets bewahrt? Und dann quälte sie mich ab mit ihren Fragen, und ich fühlte, wie sie mich dadurch demüthigte. Und ich war empört über mich selbst, daß ich nicht den Mnth hatte, mich dem zu widersetzen, daß ich ganz hilflos dastand und ihr unterlag. Es war wie ein Martyrium, das ich ertrug, dieses ewige Martyrium der Jüdin, unterliegen zu müssen brntaleu Gewalten, wie sie auch innerlich dagegen kämpfen mag — ein trauriges Erbe ihrer Väter. Und dann kamen all' ihre jungen und alten Freundinnen und Freunde; ich sah, welche Blicke nnfeiner Neugier, des Neides sie mir znwarfen, und ihre gezwungene Höflichkeit versetzte inich in Wuth. Ich suchte meinen Stolz zu bewahren, und ich wußte, loie sie mein kühles Benehmen empören mußte. Heinrichs Mutter behandelte mich in Gegenwart dieser Herren imb Damen mit Wärme und besonderer Achtung, und obgleich ich die Gründe ihres Benehmens kannte, wollte ich ihr deswegen deiinoch in diesen Momenten Alles vergessen, was sie mir bereits angethan. Nur die kleine, reizende Komtesse Alice Liukowska hatte sich mir angeschlossen und überhäufte mich mit Herzlichkeit — auch ich hatte sie rasch liebgewonnen. Heinrich saß zusammen mit uns in einer Nische, und während die Andern mit einander flüsterten — ich wußte wovon — scherzten und lachten wir in ausgelassenster Weise. Unaugenehm war es mir. als man mich ersuchte, etwas vorzuspielen. Heinrich hatte ihnen von meinen! virtuosen Klavierspiel vorgeschwärmt. — Sie wissen ja. ivie cs damit bestellt ist. Ich spielte zuerst kühl, als ob ich nicht bei der Sache wäre, aber dann vergaß ich meine ganze Umgebung, und noch nie hatte ich die süße, zaubervotle Sonate pathetique so oerstanden als damals. Und dann entschwand mir die göttliche Musik Beethovens; von fern, ganz von fern hörte ich (ine weinende Stimme, so unsagbar ergreifend, und es war diese rührende Stimme unseres armen Volkes, das einst an den traurig dahmfließenden Wassern Babels verzweifelnd geschworen: Nie vergesse ich dich, o mein Heimathsland! Ohne daß ich es wollte, ging ich in die herrliche, uralte Melodie über, die jedes Herz zu rühren vermag: Kol nidre. Wie ferner, erstorbener Jugendtranni stieg es in mir ans; immer starker erhoben sich die Töne, bis sie in einem einzigen Ton crstarben, immer leiser und leiser, wie der Wind dahinstirbt nach großen Stürmen. Es war ganz still, als ich geendet hatte: hie und da hörte ich ein Räuspern, ein nervöses Rücken mit dein Stuhl. Ich blickte mich um und sah all' diese verlegenen Gesichter; ganz unmerkbar hatte mir Heinrichs Mutter einen zürnenden Blick

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