Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 6 (8.2.1895)
- Date
- 1895-02-08
- Page
- Seite 68 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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68 mag ein Anderer naturwissenschaftliche Experimente anstellen, Vorträge halten, Kritik an der Bibel üben, Gemeinden stiften und erhalten helfen" it. s. tu. ii. s. w. Ganz zweifellos also war Bernstein ein Mann von sehr starker Phantasie. Aber auch das Ztveite, was den Dichter macht, die Kunst und Kraft der Darstellung, war ihm in seltenem Maße gegeben. Man kann dies auch bezüglich seiner Leitartikel leicht feststellen; er hat sie ja zum Theil in Buchform gesammelt. Seine Darstellungsweise in diesen Artikeln ist lebhaft, ohne unruhig zu sein; man könnte sie eine reich illustrirte nennen; sein großes Wissen, seine Phantasie stellen dem Autor stets ein passendes Geschichtchen, eine» analogen Vorgang ans dem Natur- und Völkerleben zur Verfügung. Unablässig drängt sich uns der Eindruck ans: hier hat eine Künstler- Hand getvaltet, den Stoff gruppirt, die Form gestaltet. Damit soll nicht gesagt sei», daß diese Leitartikel vollendete Kunstwerke wären; aber die Empfindung: „Das hat ein dichterisch begabter Mann geschrieben", wird bei der Lektüre Jeder habe», der etwas von derlei Dingen versteht. Vornehmlich in dieser Eigenschaft wurzelt der Hauptvorzug dieser Aufsätze: durch glückliche Gleichniffe, durch die spannende Erzählnngsweise der Geschehnisse werden verwickelte politische Vorgänge musterhaft klargestellt; viele dieser Aussätze sind — sit venia verbo — politische Novelletten. Noch deutlicher aber enthüllt sich der dichterische Kern seines Wesens in den naturwissenschaftlichen Aussätzen. Niemand hat ihn bisher ans diesem Gebiet erreicht, weil Bernstein hierfür Eigenschaften in sich vereinigte, die sich selten ziisammensinden: die plastische Darstellungskraft des Poeten, die Gründlichkeit und Wahrheitsliebe des Gelehrten, die Klarheit des volksthümlichen Schriftstellers. Ich habe die erste Eigenschaft vorangestellt, weil sie allein es bewirkte, daß Bernstein für diese Arbeiten das ganze Volk zum Hörer gewann. Ich greife aufs Gerathewohl eine dieser Skizzen heraus: „Die Liebe und die Spektral-Analhse." Um was bandelt es sich? Um die an sich gewiß nüchterne Entdeckung Vierordts, mittelst des Spektrums am lebenden Leibe, z. B. an den Fingern, die Beschaffenheit des Blutes festzustellen. Und nun lese man, was Bernstein daraus gemacht hat. So haben wir denn als Ergebniß dieser Betrachtung festzuhalten: die Individualität dieses Schriftstellers, der ungeheuer viele Essays, Leitartikel und Korrespondenzen, eine ganze Bibliothek von Broschüren! und Büchern politischen Inhalts, aber nur einige wenige Gedichte! und Novelle» geschrieben hat, ist doch im tiefsten Kern keine didaktische, keine polemische, sondern eine dichterische Individualität. Wer dies nicht beachtet, dem bleibt das Wesen des Mannes unverständlich, weil ihm das geistige Band fehlt, das all' die Stücke und Stückchen zusaminenhült. Aber ein Dichter, der gerade auf poetischem Gebiet so Weniges i geschaffen und auf anderen so ungemein Vieles?! Das scheint allerdings seltsam, aber es scheint auch nur so. In Wahrheit begiebt sich derlei alle Tage, nur sehen wir's selten. Es giebt Dichter, die im Leben kein dichterisches Werk geschrieben haben und doch so wirkliche und wahrhaftige Dichter sind wie irgend ein Poet, der all seine Tage nur Poetisches produzirt hat. Verkennung ihres eigenen innersten Wesens oder fremder Wille oder das Schicksal! haben sie in eine andere Bahn gedrängt, aber wer kundigen Augs! ihr Lebenswerk übersieht, erkennt aus Allem, was sie haben, wie aus s dem, was ihnen fehlt, doch klar, wozu sie die angeborene Begabung ■ bestimmt hat. Womöglich noch häufiger oder doch der Welt viel sichtbarer begegnen wir einer anderen Erscheinung: ein Poet schreibt in seiner Jugend nur Poetisches, bis ihn äußere Umstände, Mangel! an Erfolg, Sorge um sich und die Seinen, Verlockungen der Welt * aus seiner Bahn bringen, ihn zu einem Mann der That oder, was I natürlich viel öfter vorkomint, zum Journalisten oder populär-wissenschaftlichen Schriftsteller machen. In diese Reihe hat Bernstein mir und Anderen gehört, so lange wir annehmen mußte», daß er thatsüchlich der Begründer der Ghetto - Novelle sei, daß er wirklich, wie sich heutzutage fast überall angegeben findet, „Vögele der Maggid" und „Mendel Gibbor" Ende der dreißiger Jahre geschrieben. Da nimmt, sagten wir uns, dieser Man», der noch als Zwanzigjähriger keinen deutschen Satz richtig geschrieben, sechs Jahre später, nach Anläufen auf den verschiedensten Gebieten und nach tastenden Versuchen in dem seiner Zeit üblichen Stil der Almanach-Erzählnng, kühnen Griffs ans einem vor ihm nie geschilderten Leben diese beiden Kleinodien heraus und wirft sie unbekümmert in die Welt. Die nimmt sie freudig ans, erkennt bald ihren vollen Werth und schreibt den Namen des Dichters in die Reihe jener starken Talente, die daneben auch deshalb zn schätzen sind, weil sie zugleich Pfadfinder in ein bisher unbelrelenes Land waren. Kein Wunder auch, daß ihm andere Talente nun dahin folgen. Er aber, der Erste, der Geschichten ans dein Ghetto des XIX. Jahunderts geschrieben, verstummt von nun ab als Dichter und wird wieder Journalist und Essayist. Welch ein Schicksal, sagten wir uns, welch ein Rüthsel, und wie schade dies ist, wie schade! Nun, dies Alles war irrig. Die beiden Novellen sind zwanzig Jahre später, in den Jahren 1857 und 1858, entstanden. Wie sich ein solcher Jrrthnm bezüglich relativ so junger Dichtungen festsetzen tonnte, werde ich ein nächstes Mal mitzntheilen haben — es ist merkwürdig genug. Für heute nur, daß es ein Jrrthnm war. Natürlich verringert sich dadurch der dichterische Werth der beiden Geschichten nicht im Geringste», nur verlieren sie jene Bedeutung, die ihnen bisher fälschlich als den zeitlich ersten Ghetto-Novellen aus der Gegenwart beigemessen worden, und A. Bernstein räumt seinen Platz als „Vater der Ghetto-Novelle", um ihn jenem unglücklichen, verschollenen Dichter zu überlassen, dein er gebührt. Aber dieser selbe Umstand, der seine Stellung in der Litteratnrgeschichte verringert erhöht das psychologische Interesse für ihn. Denn nun liegt die Sache so, daß dieser Mann von seltener poetischer Begabung in der Jugend nur dichterische Arbeiten von recht geringem Werth geschrieben, dann aber in seinem 46. und 47. Jahre diese herrlichen Geschichten geschaffen hat und hierauf ivieder verstummt ist! Das ist ein Phänomen, für welches es meines Wissens kein Beispiel giebt. Ein dritter Aussatz soll es näher beleuchten. iMIMIMlstll! gl ii!KuiMlii*.i:vy7 iwamWiX. I * 1 FEUILLETON 8 8 3 sraiimunffiuMiii 35'lüfllUilllmlH SS ... MllMMMMfMMMMMvlMMMrMMMslMMWxsjWWWMWsMM n*üinwiM:'i5y/ Vorurtheile. Novelle von Hermann Menkes. (Fortsetzung.) ^ch habe keinem Menschen etwas davon erzählt—auch Heinrich sagte ich es nicht, was ich gethan, welch ein Schwur mich nun band. Obwohl er mir unzählige Mal versichert hatte, daß er sich darüber hinwegsetze, daß ja die Liebe die einzige Religion sei, welcher wir huldigen sollen, alles Andere sei nur leere Form — wußte ich es dennoch, daß noch schwere Känipfe deswegen kommen mußten. Wie ich darunter litt, ich kann es Ihnen nicht sagen. Es lastete ans mir etivas Schweres, das niich nieder drückte, und Tag und