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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-02-08 · Heft 6 (8.2.1895) · p. Seite 67

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 6 (8.2.1895)
Date
1895-02-08
Page
Seite 67 (sequence 7)
Language
German
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67 Auslegnugsmanier, Reflexion unb technische Bezeichnung zn erfassen: der bringt keineswegs die Qualifikation mit zur tiefen Erforschung der traditionellen Alterthiimer. Andererseits aber ohne Quelleukenntniß, ohne Priisnng der Zeiten, ohne Vertiefung in die Geschichte, Sprache und Ideen der Schöpfer und Pfleger dieser Wissenschaft gelangen wir keinen Schritt vorwärts zur Beseitigung zahlreicher Zweifel, sowie der Wiklkiir der Ansichten. Im Interesse der Förderung objektiver Wahrheit prüfte ich die mir zugänglichen Quellen mit vornrtheilsfreier Vertiefung ohue Hinneigung nach Rechts oder Links." In der That geht solches hervor aus den zahlreichen gelehrten Abhandlungen und Monographien ans Weif;' Feder in den verschiedensten hebräischen Zeitschriften und Jahrbüchern, wie Kochbe Jizchak, Jeschur»», Biknrini, Bet-Ha-Midrasch, Haassif und ganz besonders Bet Talmud, der noch vor wenigen Jahren von Weiß und seinem gelehrten Freunde Friedmann redigirt wurde. Am glänzendsten doknmeutirt Weiß sein schöpferisches Genie auf den Gefilden der jüdischen Theologie in folgenden Hauptwerken: 1. Sifra, Kommentar zu Levitieus aus dem Anfang des Jahrhunderts nebst Erklärung liu L V mit Massvreth Ha-Talnind d. i. Stellennachweis und Varianten in beiden Talmnden. 1862. 2. Mechilta, der älleste hat. und agad. Kommentar zn Exodus mit historisch-kritischer Einleitung. 18G5. •>. Studie» zur Sprache der Mischna. 1807. 4. Das fünfbändige Hauptwerk Doiclor wetlorsclunv, 1877—1891, welches von der israelitischen Alliance in Wien, Lord Rothschild und Claude Montesiore in London snbvenlionirt wurde. Von den vielen gelehrten Monographien gelten die des Raschi, Raben» Tain und Maimonides als die vorzüglichsten. Unter der Presse befinden sich — wie ich eben vernommen — Weiß' Memoiren „Sichronolh", welche, über die zeitgenössische jüdische Littcratnr werthvolle Notizen enthaltend, zur Orientirnng der Wissenden erheblich beitragen dürsten. Von bedeutenden christlichen Gelehrten seien Delitzsch und Renan genannt, die Weiß' Forschungen als bahnbrechende bezeichnet und in ihren Schriften benutzt haben. Z» dem'LkhrstnhI diescSMannes strömten denn auch anS Qesterreich- Ungarn, ans Deritschland und Rußland alte und junge Lernbeflissene und Kandidaten der jüdischen Theologie in großer Zahl, denen der edle Mann nicht nur Lehrer und Förderer der Studien, sondern zugleich ein treuer, väterlicher Berat her gewesen. Er verstand es, in strengem aber zugleich liebeathnnndem Ton Ziele, Mittel und Wege anzugeben n»d, obgleich er selbst nicht auf Rosen gebettet, oft mit Entbehrungen ringend, manches Mißgeschick Golt ergeben mit seiner fromme» und weisen Gattin, der Tochter des Oberrabbiners Ber Oppenheim in Eibenschütz n»d Schwester des gelehrten sel. Thorner Rabbiners, in der Familie und im Leben getheilt ertragen hat: half er doch mit Rath und That, wo und wie er unr konnte, erwies er den Söhnen der Arme», von denen er annahm, daß von ihnen einst Thora ansgehen werde, viele Wohlthaten. Er zog fast alle seine Jünger, von denen etliche ansehnliche Rabbinerümter bekleiden, in sein bescheidenes Haus, um ihnen zn beweisen, daß der anregende Umgang „Schimusch tahnitlc chailnimiin" bei Weitem fördernder wirkt als Studium und Vortrag. Unvergeßlich bleiben uns die bei dieser Gelegenheit vorgeuonnnenen Uebnngeu in der halachischen und auch agadischeu Exegese, besonders vor und nach der altherkömmlichen Behandlung eines TalinndlheinaS am Sabbalh hagadol und Sabbath Tschuba, die Weiß vor einem Gelehrteupnbliknm alljährlich ineistcrhast durch- und aussührte. Wie als Gelehrter und Lehrer, so wirkt Weiß auch als Mensch erhebend und veredelnd ans seine Mitmenschen, und seine offene, schlichte, etwas schroff erscheinende, aber iu Wirklichkeit milde und warm theilnehmende Persönlichkeit hat ihm, wie die Verehrrmg also auch die Liebe seiner Kollegen im Lehramt — zu denen einst Güdemann, Jellinek, Schmiedl und Szrrnlo, später P. F. Frankl und I. Müller, und von Anfang an bis heule Friedmann gehört — und vieler weiter Kreise von Gelehrten und Laien in und außer Wien erworben. Von dem greisen Rabbi Hamnuna wird erzählt, daß er beim Ausstichen von der heiligen Thora das Bibellvort Lev. 18 angewendet haben soll: „Mipne s'ba takmn, vor dem Greisenalter sollst du dich erheben!" Das will die Hochachtung des als „Sabba, Greis" bezeichneten Weisen vor der noch höher als zeitliches Greisenthum stehenden uralten, göttlichen Weisheit der Thora darthun. Und wenn Onkelos z» demselben Bibelvers oipri 'HLL erklärend hmznfügt xmixi ”OD D“lp jtt „Auch vor dem Thoragelehrten sollst du dich erheben!" »», wahrscheinlich das folgende: „Achte das Angesicht des Alten" nicht als einen Pleonasmus gelten zn lassen: so folgt, daß der Hinweis auf I. H. Weiß, dem die Vorsehung die beiden Kronen der Thora und des Greisenalkers aufs Haupt gesetzt, uns lehre: den Nestor der Thoraforschnng und zugleich den greisen Mann nach Zurücklegung der in voller Rüstigkeit für nns Alle so sehr genützten Jahre seines Lebensauch des achten Jahrzehnts der „Geburt" nach Gebühr zu ehren. Möge Gott ihn uns und der Wiffenschaft in ungetrübter Gesundheit und in voller Geistesfrische noch lange Zeit erhalten! Unseren Glaubensgenoffen in Oesterreich und seiner Hauptstadt aber, die in unfern Tage» Beweise von der Erprobung der Mischen Wissensmacht in Händen haben, die sich überzeugen, wie ein jüdischer Theologe kraft seiner Wissenschaft den heißen Kampf für die Ehre des Judenthums im Reichsrathe aufnimmt und nicht erfolglos ans ihm hervorgeht, erwächst umso mehr die Pflicht der Ehrung solcher Männer der Thora und der jüdischen Wissenschaft, welch' letztere mitten aus Vem wild brausenden Gewoge feindseliger Stnrmflnthen als eine allen Giftpfeilen des Völkerhasses Widerstand leistende Felsenburg zum Himmel ragt, zeugend für die Wahrheit, wirkend für das Heil Israels! Ueber A. Bernstein Won Karl Emil Franzos. Jl. (Schluß.) M^ch sagte oben, dies Alles sei mir für meinen Zweck wichtig, dem Dichter gerecht zu werden. Und doch war bisher von dem Dichter noch gar nicht die Rede?! O doch! — nicht in, aber zwischen den Zeilen dieses Aufsatzes steht bereits der Nachweis, daß Bernstein eine dichterisch veranlagte Natur war. Man überblicke den ungeheuren Kreis seiner Thätigkeit, dies Einbohren in die verschiedensten Gebiete, dies kühne Anfassen fast aller Probleme, die den Menschengeist beschäftigen können, dieses lebenslange, opfervolle Mühen im Dienste religiöser und politischer Ideale, und wird sich sagen müssen: derlei kann nur ein Phantasie- Mensch leiste», nie und nimmer ein Verstand es-Mensch. Eine Thatkrast von dieser Stärke, dieser Art der Bethätigung kann nur aus der Phantasie kommen. Ein Mensch, bei dein der Verstand stärker gewesen wäre als die Phantasie, hätte es gar nicht leisten können, noch mehr, er hätte es gar nicht leisten wollen. Der hätte gesagt: „Es ist mir nützlicher, wenn ich mich beschränke. Ich bin Leitartikler einer großen Zeitung, der täglich schreiben muß; da

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