Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 6 (8.2.1895)
- Date
- 1895-02-08
- Page
- Seite 66 (sequence 6)
- Language
- German
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66 Gin Gaon unserer Zeit. Von Dr. D. Leimdörser, Prediger in Hamburg f er Stolz des Judenthlinis, die Hoheit Israels — geo» Jacob — war zu allen Zeiten nach Psalm 47, 5, das geistige Erbgut unserer Väter, welches zu pflegen und auf die kvmineuden Geschlechter zu verpflanzen die heiligste Aufgabe der erwählten und berufenen Führer in Israel gewesen. Es gab eine Epoche in der Geschichte des Mittelalters, in der solche Führer, ausgerüstet mit dem Geiste Gottes, geschmückt mit der Krone der Gelehrsamkeit, an die Spitze hoher Schulen gestellt, bei Alt und Jung, bei Jude und Nichtjude ein gar hohes Ansehen genossen und mit dem Ruhiucstitel „Gaon", wörtlich „Hoheit", ausgezeichnet worden sind. Seit dem elften Jahrhundert hat das Gaonat seine Bedeutung verloren, aber das Epitheton oruans eines Gaon hat sich bis zum heutigen Tage erhalten und wird angewendet, wenn es gilt, eine Größe auf dem Gebiete der rabbiuischeu Theologie zu feiern. Freilich sank diese Bezeichnung im Werthe, seitdem mau in gewissen Gegenden selbst den Erkorenen minorum gentium zweifelsohne wider seinen Willen zum „Gaon olain“ stempelte. Deßungeachtet ist diese uralte Ehrenbezeichnung auch heutzutage dort mit Fug angebracht, wo es sich um jene Männer der Thora handelt, die aus dem lveiten Meere des Talmrid Perlen von bleibendem Werthe hcrvorgeholt, unsere Wiflenschaft bereichert haben mit Werken, welche der Gegenwart und Zukunft als kostbare Fundgruben der Erkeuntuiß rmd des Wissens dienen, auch daiui, wenn jene Männer keinen hohen Rang im Leben eiimehmen, kein hervorragendes Amt bekleiden, keine glänzende Stellung oder Stelle iunehaben. Denn wahrlich, „nicht die Stelle ehrt de» Mann, wohl aber ist es der Mann, der die Stelle ehrt." Ein solcher Heros der Thora, der au Sichtbarem nichts weiter besitzt als die „vier Ellen der Halacha", als de» knappen Raum wissenschaftlichen Forschrus, ist Rabbi Jsak Hirsch Weiß, der geniale Verfasser des epochemachenden, in klassischem Hebräisch geschriebenen, fünfbündigen Werkes: Zur Geschichte der jüdischen Tradition, l)or clor rveclorscli-nv. In diesem Monat begeht dieser Nestor der Thoraforschuug, zu dem die Vertreter der jüdischen Wissenschaft mit seltener Verehrung emporschaue», seinen 80. Geburtstag. Weiß erinnert au die alten Weisen „Chachme Yiena“, die das Buch der „Gotteskäinpse" um viele goldene Blätter bereichert haben. Am 20. Schebat 5575 (1815) zu Meseritsch in Mähren — der Heimath bedeutender Talmudschüler, wo Männer wie Mordechai Benet, Wolf Boskowitz gelehrt und aus der Koryphäen, wie Steinschneider, Löw, Jellinek, Brüll u. A. hervorgingen — geboren, widmete er sich frühzeitig dem Studium der Theologie, bekleidete dann ein kleines Rabbinat in seinem Vaterland und seit den 00 Jahren des Bestandes der von Ad. Jellinek begründeten Lehranstalt für die jüdische Wissenschaft in Wien, genannt Bet-Ha-Midrasch, das Amt eines Lektors der talmudischen Disziplinen in diesem Institut. Der im Vorjahr verstorbene Wiener Oberrabbiuer s. A. hat mit seinem Scharfblick früh erkannt, welch' einen Mann er für diese Lehrkanzel berufen, in Wort und Schrift würdigte er den schöpferischen Geist eines Lehrers, in dessen Denken wir den Zusammenfluß zweier Geisteswelten der Talmndforschnng gewahren: die Pilpul istik und die wissenschaftliche Methode, den Subjektivismus der alte» Jeschiba und den Objektivismus des modernen Seminars. Dem ersteren entquillt die aufgeregte Fluth scharfsinniger Dialektik, dem letzteren der klar und ruhig dahinfließende Strom logischer Shstematik im Denken, Lehren und Schreiben. Im Talmudtraktat, Horioth 14, wird eine Polemik gebracht zwischen Simon ben Gamliel und den Rabbinen. Einer meint: „der Sinai wäre das Wichtigere"; die Anderen: „der Oker harim, der Berge entwurzelt und versetzt, stünde höher." Nach Nasch! und dem Jeruschalmi heißt und bedeutet dies Folgendes: Es giebt gelehrte Keuner und systematische Bearbeiter der Halacha, die über ein immenses Wissen verfügen, und andererseits Gelehrte, denen es mehr auf Tiefe, als ans Fülle des Wissens ankommt. Unter „Sinai" ist der Gelehrte der umfassenden Kenntnisse p“IEl 'pE zu verstehen; mit „Oker harim", dem Bergeversetzer, der scharfsinnige Dialektiker und Disputator S’p'Ul gemeint. Die Einen stellen jenen, die Anderen diesen höher. In I. H. Weiß erblicken wir einen Lehrer in Israel, der beides in sich vereint. Wer, wie Schreiber dieser Zeiten, das Glück halte, durch eine Reihe von Jahren seinen talmudischen und Schnlchan Arnch-Borträge» zu lauschen, der muß anerkennen, daß Vielwiffen und Scharssinn, Bekinth und Charisoth, nur selten sich in dem Maße bei einem Gelehrten vereinigen, wie es hier der Fall. Wer seine Werke zur Hand nimmt, dem wird es auf jeder Seite klar, daß man es mit einem von stnpender Gelehrsamkeit und staunenerregender Sachkeuntuiß zeugenden, aber auch mit einem tief kritisch angelegten Denker zu thun habe, der mit der Sonde haarspaltender Tialekük in jedes Einzelne und Kleinste, wie in das Gefüge des gesammten Traditionsstoffes eindriugt. Allein wie wesentlich anders gestaltet sich hier die Dialektik im Vergleich mit der der großen Rabbinen früherer Zeiten, oder der noch als Leiter bedeutender Talmudakadeniien wirkenden, in deren Novellen, Dezisionen und Diskussionen der Berge entwurzelnde und versetzende „Charis" die Hörer zur Bewunderung hinriß. Hier erscheint die Dialektik als unwillkürliche, wissenschaftlich geschulte, logische, objektiv klare und Präzise. Hier offenbart sich der Geist, der sich wie mit dem inneren Gehalte der Halacha, also auch mit deren Urheber, seiner Schule und Zeit, seiner Sprache und seinen Idee» befaßt. Hier tritt das Streben eines Mannes der „alten Schule" — wohl gemerkt, ohne anders als aus und durch sich selbst (wenn man von Rappoports und Frankels grundlegenden Arbeiten und von den persönlichen Anregungen Jellineks absieht), fast ohne Vorbilder, ohne Anleitung, ohne akademische Vorstudien eines Autodidakten — klar zu Tage, welcher nach dem Einfluß der Zeitideen und Völkeranschauunge» auf die jüdische Tradition und umgekehrt nach dem der letzteren auf jene forscht; welcher ferner das riesige Gebiet der Talmudistik historisch kritisch analhsirt, die Mischnalehre», die Erklärer, die Gutachter, die späteren babylonischen Schnlhäupter und die Dezisoren mit stetem Hinweis auf die Quellen Prüft und wiirdigt, die Arten und Methode», die Mittel und Wege, die Aussprüche, die Bestimmungen und die litterarischen Denkmäler Aller methodisch gründlich dnrchdriugt und so diese große Litteratur auf das Piedestal einer streng systematischen Wissenschaft erhebt. Dabei wird der vollen kritischen Beachtung der Poesie, Philosophie und Sprachforschung in den gleichen Zeitläufte» ihr ungeschmälertes Recht. In seiner Einleitung zu dem genannten Hauptwerke sagt Weiß: „Die Thoraforschuug ist in unserer Zeit der Blülhe der Wissenschasten in eine andere Phase getreten. Sie muß der historischen Kritik Stand halten. Aber es ist ein Jrrthum, wollte man glauben, dieses Ziel wäre zu erreichen, ohne auf de» Bahnen der Geistesarbeit unserer Vorgänger festen Fuß gefaßt zu haben. Wer »'cht viel gelernt und genügend Umgang niit de» Gelehrten der alten Schule gepflogen, um die Wege des Pilpnl gründlich zu begreifen, Frage und Antwort, Für und Wider, Replik und Duplik, Diskussionsstoff und