Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-02-01 · Heft 5 (1.2.1895) · p. Seite 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 5 (1.2.1895)
Date
1895-02-01
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3224737-3228094-3228100--51480-3272228
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

4 gelassen. Diese Einwanderer sind amerikanische Bürger geworden, aber jie verkehren in einer fremden Mischsprache, Auf dieses Chicagoer Ghetto u^endet der diesjährige 0 2. Iah resbericht unserer Präparan den schule das Wort an: „Das eben ist der Fluch der bösen That, daß sie fortwährend Böses muß gebären." Das Ghetto, in welches grausame ^^0(911119 die Juden in früheren Jahrhunderten gezwungen, errichten die Bedauernswerthen sich selbst, auch da, wo sie vollkommene Freiheit der Bewegung haben. Unsere schon in ihrer äußeren Erscheinung mit ihren großen Bogenfenstern lichtbringende Präparandenschule, welche mit einem Kindergarten, Werkstätten, Laboratorien und Zeicheuräumen ausgestattet ist, hat sich die zwar duldsame aber systematische Ausrottung dieses Jargons zum Ziel gesetzt, welchen diese Einwanderer in dieses freie Land mitbringen. Diesem Ziel wird namentlich in der Unterabtheilung uochgestrebt, die oberen Klassen suchen die Jugend für neue Zweige der Industrie zu erziehen, damit sie nicht dem landesüblichen Schwitzsystem anheimfällt, das die technische Uubeholfenheit dieser Ankömmlinge ausbeutet. Der russische Jude ist vermöge seiner durch Jahrhunderte hindurch von den Vorfahren entwickelten Intelligenz zu einem besseren Loos geboren. Die Kinder der Ankömmlinge, oft im Wachsthum verkümmert und nach vielen Richtungen schlecht equipirt, können unsere öffentlichen Schulen nicht besuchen. Mit berechtigtem Stolze heißt es in dem soeben von Rabbiner Joseph Stolz als Sekretär des Komitees und von Prof. Gabriel Bamberger als Direktor der Schule erstatteten Jahresbericht dieses Mal im Hinblick auf die zahlreichen der Präparandie während der letzten Weltausstellung abgestatteten Besuche seitens hervorragender! Schulmänner aus der ganzen Welt: „Wir lehren Europa ein neues! pädagogisches System für den Anfangsunterricht." Die Delegirten des russischen Ministerums der Volksausklärung, Kowalewsky und Fürst Wolkonsky, besuchten die Anstalt während der Weltausstellung, und der von ihnen im Namen des russischen Ministers schließlich abgestattete Dank enthält die Bemerkung, daß die in der Anstalt ge- 1 arbeiteten Modelle „von russischen Lehrern sehr bewundert werden". Eine nachträgliche Genugthuung für die russischen Emigranten, deren Kinder so schnell Lehrmeister der alten Heimath werden durften. Der Delegirte Ulrich Hug aus Zürich bemerkt, daß auch in der Schweiz in Folge; seines Berichts über diese Handwerkerstätten in Chicago die Lehrerschaft; sich diesem System mit Enthusiasmus zuwende. — Das Budget der Anstalt, welche 25 Lehrer und Lehrerinnen beschäftigt, zu denen noch ein , Ingenieur und der verdiente Schularzt, Dr. Samuel Weber, als Lehrer! der Physiologie kommt, beläuft sich auf 21,000 Dollars, zu denen der! Baron Hirsch Fonds 2000 Dollars beigetragen hat. Die Schule be- > nüiht sich in allen ihren Theilen, selbst im Kindergarten, das patriotische j Gefühl auzuregen und hat daher an den Nationalfesttagen und an! Liucolrrs und Washingtou's Geburtstag besondere Festlichkeiten veri anstaltet. An den jüdischen Festtagen, Peßach (7 Tage), Sukkoth j \2 Tage), Schewuoth (1 Tag), Roschhaschonoh (2 Tage) und Jom Kippur! ist die Schule geschlossen. An den zweiten Tagen Sukkoth und Schewuoth! waren einmal 147 Zöglinge, zum anderen 250 anwesend. Im Ganzen , beträgt die Zahl der Zöglinge 700 mit Einschluß des Kindergartens. j 250 neue Zöglinge, meist Einwanderer, wurden bei Beginn dieses! Schuljahres zugelassen.! Uon Nah und Fern.! — Ter gesellige Verein der „Gesellschaft der Freunde" wird am 10. Februar d. I. das Fest seines hundertjährigen Bestehens mit; einem Tiner in seinem Klubhause, Potsdarnerstraße 9, feiern. — Am - 20. d. verschied hier der Rabbiner Moritz Broh aus Jnowrazlaw j in Folge eines Schlagansalls. — Am 51. Januar soll in der Tonhalle! hier ein konservativer Parteitag für Berlin stattfinden Freiherr! v. Manteuffel will über den Kampf gegen den Liberalismus, Hof-! Prediger a. D. Stöcker über die sozialen Aufgaben der Gegenwart und! Dr. Klasing über die Judenfrage sprechen. — Die Wahl des Abg. Dr. Böckel für den Wahlkreis Marburg-Kirchhain-Frankeuberg-Föhl; ist seitens der Wahlprüfungskommission des Reichstages beanstandet! worden und sind weitere Beweiserhebungen über Wahlbeeinflussungen beschlossen worden. — Die philosophische Fakultät der Breslauer Universität hat der Arbeit des Dr. Paul Ri eg er, z. Z. in Berlin, „Die Lehre von den angeborenen Ideen bei Descartes" den vollen Preis zuerkannl. — Am 1. März wird das neue Tageblatt, das „Deutsche Volks recht", welches aus der Verschmelzung von „Reichs-Herold" und „Bundschuh" durch die Reichstagsabgeordneten Ahlwardt und Dr. Böckel sowie Herrn Hans v. Mosch entstehen wird, erscheinen. — Der Verein Esra bewilligte in der letzten Sitzung des Eentral-Komitees den Betrag von 10,000?\x. zur Gründung einer neuen Kolonie in der Nähe von Rechobhoth, die den Namen des Esra tragen wird. Außerdem wurde ein kleinerer Beitrag für die jüdischen Bauern in Kulunlje bestimmt. — Der Luftschiffer Berson, der im Dezember mit dem Ballon „Phönix" von Berlin aus die höchste, bisher erreichte Höhe (über 9000 Meter) über der Erde erreicht hat, ist ein galizischer Semit. Man sieht, daß die Juden sich überall hervordrängen. — In Swinemünde hat der Geflügelzucht- und Thierschutzverein einen Juden zum Vorsitzenden erwählt. Darob große Entrüstung unter den Antisemiten. — Der jüd. Dienstlnagd Therese Landau, welche seit 50 Jahren im Dienste der Familie Aaron, bezw. Amschel Hoffmann in Wolbeck steht, ist von der Kaiserin eine goldene Broche verliehen worden. — Am 19. Dezember hat Herr Rabbiner Dr. Frank aus Köln in Frankfurt a. M. und am 30. Dezember in Rotterdam mit großem Beifall Vorträge gehalten. Am 17. Februar wird er in Aachen, am 25. in Hamburg sprechen. — Der - „Antisemit", Volksbote für Mannheim-Heidelberg, ist jüngst konfiszirt worden wegen eines schmutzigen Artikels, betitelt „Sang an Adam". — Am 20. d, M. verschied nach kurzem Leiden inLembergFrau Marie Wohlfeld, geb. Hochfeld, im Alter von 70 Jahren. Der Heimgang dieser edlen Frau hat allgemeine Theilnahme erweckt. - Oberstaatsanwalt Otto Z pitze r, einem Sohne des Oberrabbiners Dr. Samuel Spitzer in Essegg, sowie seinen gesetzlichen Nachkommen wurde unter Aenderung seines Familiennamens auf „Krajesovics" der ungarische Adel mit dem Prädikat „Jloki" taxfrei verliehen. — Herr Dr. S. Mandl aus Szenics wurde zum Rabbiner in Kostet (Mähren) einstimmig gewühlt. — Der ungarische Kultusminister hat im Abgeordnetenhause erklärt, daß betreffs der Rezeption der Juden alle Rechtsfolgen der Rezeption aufrecht erhalten werden. — Der jüdische Leseverein „Zukunft" in Ezernowitz überreichte durch den Landtags-Abgeordneten Ko hu in der am 12. d. M. stattgefundenen Sitzung des Bukowinner Landtags eine Petition um Unterstützung, welche ohne Widerspruch zu erfahren vom Hause dem Fiuanz-Ausschusfe überwiesen wurde. — Die „Posener Zeitung" meldet aus Petersburg, daß drei jüdischen Handelsleuten, welche dem alten Judengesetze zufolge der Ausweisung unterlagen, auf ihre Bitten vom Zar gestattet wurde, weiter in Petersburg wohnen zu bleiben. Bei dieser Gelegenheit habe der Zar geäußert, daß aus der Residenz fernerhin kein einziger Jude, blos darum, weil er Jude ist, ausgewiesen werden dürfte. — M. Zaitow aus Kiew spendete anläßlrch der Vermählung des Zars 560,000 Rubel zur Gründung eines chirurgischen Spitales. — Wie der Petersburger Nowosti aus Odessa gemeldet wird, hat Zar Nikolaus die Vorlage des Finanzministers bestätigt, der zufolge das prozentuale Verhältniß der jüdischen Schüler der Odessaer Kommerzschule zu den nichtjüdischen Schülern dieser von einer Kaufmannschaft unterhaltenen Lehranstalt gleich dem Verhältniß der jüdischen Kaufleute zu den nichtjüdischen sein soll. — In Konst antino pel soll schon in den nächsten Tagen der seit längerer Zeit bestehende Plan zur Errichtung eines Rabbinerseminars für die türkisch-jüdischen Gemeinden durchgeführt werden. — Am 19. d. fand die Generalversammlung der Sncietö «TEUides juives in P aris statt. Den Vortrag hielt Professor Röville über Herodes und seine Dynastie. An Stelle von James Darmesteter wurde M. Bickart See, Advokat am Kassationshof, und zum Präsidenten Abraham Cahem Grand-Rabbin in Paris, erwählt. — In London ist am 23. d. M. der bekannte Komponist Edward Solo mons im 39. Lebensjahre gestorben. Er hatte mit seinen Singspielen „Elaude Duval", „Pickwick", „Der Vicar von Bray" u. v. A. große Erfolge in England errungen. — Das Ilebrew Union College in Cincinnati hat Herr Geh. Rath Professor Dr. Lazarus zum Ehrendoktor der Theologie ernannt. Druck und Berlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Reda^ion: Max Bauchwitz in Berlin.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.