Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 5 (1.2.1895)
- Date
- 1895-02-01
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
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3 hielt der Vorsitzende, Herr Heilbronn, einen Vortrag. Derselbe sprach über die Geschichte der Makkabäer und den Talmud in interessanter Weise. Der Vortrag war für die Anwesenden sehr belehrend, und wurde nach Schluß desselben dem Vortragenden allgemeiner Beifall gespendet. Nach einer kleinen Pause wurde sodann Herrn Ginzberg das Wort ert heilt. Derselbe sprach über den „Kaufmann von Venedig". Auch dieser Vortrag war sehr belehrend und fand lebhaften Beifall. Herr Ginzberg las nach Beendigung seines Vortrags noch einige Briefe von Heinrich Heine über sein Verhältniß zum Judenthum vor. Hierauf theilte der Vorsitzende noch mit, daß der nächste Vereinsabend am 2. Februar stattsindet, und damit schloß die Sitzung. Der Verein, welcher ja noch im Entstehen begriffen ist, jedoch burd) fleißiges Wirken schon ziemlich sich «emporgeschwungen hat, wird sich nunmehr ebenfalls dem Verband anschließen, um hervorragende Redner zu gewinnen. Wir wollen demselben auch für die Zukunft das Beste wünschen. Oesterreich - Ungarn. O Wien, 28. Januar. In der abgelanfenen Woche unternahmen die hiesigen Christlich-Sozialen unter Führung des Prinzen Alois Liechtenstein einen Ausflug nach Linz, der wie gewöhnlich mit einem heillosen Skandal endigte. In Linz selbst wollte man von der Versammlung nichts wissen, auch der Klerus nicht, auf den sie hauptsächlich gerechnet. Im Gegentheil hatte der Bischof von Linz für den Abend der Versammlung die Geistlichkeit zu sich geladen, um so die Betheiligung derselben an dem Meeting zu verhindern. — Wie neulich die Aerzte, so haben jetzt die Apotheker, anläßlich der Angriffe der antisemitischen Abgeordneten im Landtage, die tiefste Entrüstung kuudgegeben, an der Hand amtlicher Ausweise des Statthalters wurden die hämischen Beschuldigungen Luegers und Genossen widerlegt. — Bei der Wahl eines Bezirksvorstehers im X. Bezirke drang mit großer Stimmenmehrheit der liberale Kandidat gegen die Antisemiten durch. — Auf dem letzen Hofballe zeichnete der Kaiser Herrn Professor Oser, sowie die Herren Samuel Grätz, Regierungsrath von Hahn u. v. A. durch huldvolle Ansprachen aus. — Der Kvmmissair Adolf Terveles wurde zum Finanz- Oberkommissair in Prag ernannt. — Der Polizeikommissair Moritz Stuckart erhielt vom Fürsten von Bulgarien das Ritterkreuz des St. Alexander-Ordens. — Der Vorstand der hiesigen israelitischen Kultusgemeinde hat die Errichtung eines Kinderasyls beschlossen, durch welches das körperliche und geistige Wohl und die religiös-sittliche Erziehung armer verwaister israelitischer Kinder gefördert werden soll. Die Anstalt wird zunächst fünfzig Pfleglinge aufnehmen Die Stiftung wird den Namen „Mannheimer Kinderasyl" führen. — Am 6. d. M. verschied hier nach schwerem und schmerzlichem Leiden Frau Agathe Schalit, geb. Meisels, in jungen Jahren. Die Verstorbene war eine edle und begabte Frau. In ihrer Novellensammlung „Aus dem Osten" hat sie vor zwei Jahren Beweise einer hervorragenden litterarischen Begabung abgelegt. H Budapest, 25. Januar. Das neue Ministerium, welches sich dem Parlament als Erben des zurückgetretenen Ministeriums vorstellte, wird, wie es heute Kultusminister Wlassitsch im Abgeordnetenhause ankündigte, im Magnatenhause gelegentlich der im Monat Februar fiattfindenden Verhandlung der unerledigten Vorlagen Modifikationen beantragen, durch welche „die Integrität der Grundprinzipien" nicht angetastet wird. Es ist nun fraglich, was der Minister unter der „Integrität der Grundprinzipien" versteht, und ob er wohl der Ansicht ist, daß das Fallenlassen des einzig angefochtenen Uebertrittsparagraphen die Integrität der Grundprinzipien nicht antastet? — Der Ministerpräsident, bei dem eine Abordnung der orthodoxen Judenschaft erschien, gab in der Erwiederung auf die Begrüßungsallsprache die Versicherung, dahin zu wirken, daß in unserm Vaterland Jeder ohne Unterschied der Konfession in seiner Person einen aufrichtigen Freund und Gönner finden werde, und gab auch seiner Freude darüber Ausdruck, daß die Juden eifrige und begeisterte Stützen der Staatsidee und des nationalen Strebens sind. — Die hiesige Universität beantragte die Ernennung der Augenärzte Goldzieher, Szily und Feuer zu außerordentlichen Professoren. Ul. Budapest, 25. Januar. Zum ersten Male ist am 19. d. M. die neuernannte Regierung vor dem Reichstage erschienen, in deren Namen Baron DesideriusBänffy in kurzen Umrissen jene Gesichtspunkte skizzirte, welche für seine Wirksamkeit maßgebend sein werden. Seiner Antrittsrede entnehmen wir folgende Stelle: „Als Erben und Anhänger des Programms der zurückgetretenen Regierung Hallen wir deren Richtung und Prinzipien aufrecht; in erster Reihe halten wir die vollinhaltliche Durchführung der bereits sanktionirten drei kirchenpolitischen Gesetzentwürfe für unsere Pflicht. (Zustimmung rechts.) Wir werden dies in der Weise thun, daß die Verletzung der Interessen und Gefühle der einzelneil Konfessionen möglichst vermieden werde. Wir erklären, daß wir die Integrität der in den bisher unerledigten zwei kirchenpolitischen Vorlagen über die freie Religionsübung und über die Rezeption der jüdischen Religion enthaltenen Grundprinzipien festhalten. (Zustilnmung rechts)" — Im Magnatenhause erklärte der Ministerpräsident B.-nffy, er werde die Beschwichtigung der Gemüther vor Augen halten und die Verletzung von Interessen und (Gefühlen der Konfessionen zu vermeiden suchen. Das Programm des vorigen Kadinets beibehaltend, werde er schon demnächst die Vorlagen über die freie Religionsübung und die Rezeption der jüdischeil Konfession auf die Tagesordnung setzell, wobei er bestrebt sein werde, ein Zusammenwirken der auseinandergehenden Ansichten zu ermöglichen. (Lebhafte Eljenrufe). Rußland. H. Riga, 28. Januar. Am 27. vor. Mts hat Herr Rabbiner Dr. Adolf Ehrlich unsere Stadt verlassen, um das Amt eines Rabbiners zu Tilsit zu übernehmen. Fast volle achtzehn Jahre hat er unserer Gemeindeschule vorgestanden. Unter seiner bewährten Leitung und zum großen Theil durch seine Pflichttreue und rastlose Thätigkeit hatte sich diese Anstalt aus bescheidenen Anfängen derart entwickelt, daß sie mehr denn fünfhundert armen Kindern die Segnungen eines geregelten Unterrichts gewähren konnte. Viele Jahre hindurch hat Herr Dr. Ehrlich an der hiesigen großen Synagoge als Prediger fungirt. Seine kernige und gediegene Sprache, sein schöner Vortrag, hauptsächlich aber der tiefsittliche, ernste und sinnreiche Inhalt all seiner Reden haben die Hörer allzeit erbaut und ermuthigt. Lange Zeit hat er den israelitischen Schülern des Gouvernementsgymnasiums unentgeltlich Religionsunterricht ertheilt, er hat weder Zeit noch Mühe gespart, um kn die jungen Herzen seiner zahlreichen Schüler und Zöglinge Gottesfurcht und Liebe zu ihrem Volke zu pflanzen, um sie zu guten Menschen und guten Bürgern zu erziehen. Seine anerkannte Gelehrsamkeit, besonders aber seine persönlichen Eigenschaften, seine Herzensgüte und Liebenswürdigkeit, seine Friedensliebe und Bescheidenheit haben ihm die Herzen Aller gewonnen. Seine Bereitwilligkeit, Jedermann zu helfen und zu rathen, haben ihm die Liebe und Verehrung aller Schichten der jüdischen Be- ' völkerung unserer Stadl verschafft. Diese Gefühle fanden denn auch in! den Festlichkeiten und Ovationen, die ihm zu Ehren veranstaltet wurden, j vollen Ausdruck. Die hiesige Intelligenz und die Kaufmannschaft veranstalteten dem Scheidenden zu Ehren ein solennes Festessen, das von unserm verehrten Rabbiner Herrn S. Pucher mit einer tief empfundenen Ansprache eröffnet wurde. Zugleich überreichte er ihm eine prachtvoll ausgestattete Adresse in hebräischer Sprache von dem Vorstand der großen Synagoge. Außerdem wurden ihm noch zwei Adressen in deutscher Sprache in kostbaren Mappen von der Gemeinde und von seinen srühern Mitarbeitern und einige sehr werthvolle Festgaben überreicht. Einen tiefen Eindruck machte auf alle Anwesenden die meisterhafte Abschiedsrede des Herrn Dr. Ehrlich. Man darf mit Recht behaupten, daß dieser Mann hier keinen einzigen Feind und Mißgönner hinterlassen. Selbst die Schulobrigkeit, welche in Anlaß der Reorganisation der hiesigen Gemeindeschule es für nothwendig erachtet hat, ihn durch einen russischen Seminaristen zu ersetzen, bezeugte ihm noch in jüngster Zeit in sehr angenehmer Weise ihr Wohlwollen. Als Anerkennung seiner Verdienste wurde ihm, als Ausländer, auf Vorstellung zweier Minister Allerhöchst gestattet, den Posten eines Rabbiners im ganzen russischen Reiche zu bekleiden, aber er hatte die Berufung nach Tilsit bereits angenommen. Riga wird Herrn Dr. Ehrlich allzeit ein dankbares Andenken bewahren. Amerika. Frg. Chicago, 10. Januar. In kaum 20 Jahren hat sich hier eine russisch-jüdische Einwanderungsbevölkerung von mehr als 20,000 Personen in einem kleinen Theile unserer Stadt fast abgeschlossen nieder-