Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-02-01 · Heft 5 (1.2.1895) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 5 (1.2.1895)
Date
1895-02-01
Page
[Seite] (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3228094-3228100--51477-3272225
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

59. Jahrgang. Nr. 5. Lerlin, I. Februar 1895. Der Grmeindrbote. Wertcrge zur „Allgemeinen Zeitung des ZuöenLHurns". Korrespondenzen und Nachrichten.! Deutschland. £2 Berlin, 30. Januar. Den vierten der Vorträge zum Besten des SLipendiensonds der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judenthums hielt am 28. d. M. Herr Rabbiner Tr. Weisse über Judenthum und Hellenismus. Der Redner entrollte ein fesselndes Bild von den Beziehungen beider Völker itnb ihren Kulturen in Alexandrien sowohl wie auf dem Heimathsboden Judäas, er schilderte die alexandrinisch-jüdische Religionsphilosophie, deren bedeutendster Vertreter Philo war, und ihre i Einwirkungen auf die Zeilverhältnifse. Lebhafter Beifall folgte den I interessanten Ausführungen seitens des sehr zahlreich versammelten j Auditoriums. — In: Verein für jüdische Geschichte und Litteratnr sprach am 29. d. M. Herr Rabbiner Dr. B. Rippner aus < Glogau über Abbe Gregoire, einen der merkwürdigsten Vorkämpfer der; Emanzipation der Juden in Europa. Da wir den äußerst interessanten; und geistvollen Vortrag demnächst zum Abdruck bringen, verzichten wir > für heute auf eine kurze Inhaltsangabe. Tags vorher hat Herr! Dr. Rippner im Litteraturverein zu Leipzig gesprochen; heute hält er in dem Magdeburger Verein einen Vortrag. L2 Berlin, 20. Januar. Der C e n t r a l - V e r e i n deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens hielt am Montag den 28. Jan. im Boltz'schen Saale, Alte Jakobstraße 75, eine Versammlung ab, in welcher der Vorsitzende, Herr Rechtsanwalt Dr. M. Horwitz zunächst über die Neukonstituirung des Vorstandes berichtete. Sämmtliche Mitglieder des letztern sind wiedergewählt worden und haben die Wahl angenommen. Herrn Dr. med. M. Mendelsohn, welcher infolge vielfacher Berufspflichten den Vorsitz zu übernehmen verhindert war, sprach der jetzige Herr Vorsitzende für sein der Vereinssache gewidmetes erfolgreiches Wirken den herzlichsten Dank aus. Sodann erhielt Herr Nabbiner Dr. Ludwig Rosenthal aus Rogasen das Wort zu seinem Vortrage „Deutsche und Juden". Redner betonte die Bedeutung einzelner gegen die Juden gerichteter angeblich wissenschaftlicher Angriffe und die Nothwendigkeit, diese zu widerlegen. Ein solcher irrthümlicher Lehrsatz sei der, daß der Jude in seinem ganzen Wesen vom Deutschen wesentlich verschieden sei. Die Folgen einer derartigen, gerade unter den Gebildeten vielfach verbreiteten Anschauung seien verhängnißvolle. In diesem Sinne sucht der Redner nachzuweisen, daß die meisten von den Gebildeten den Juden nachgesagten Dinge vielfach auch in ähnlicher Weise als Charaktereigenschaften der Deutschen bezeichnet worden sind,! z. B. der Zug in die Ferne, die Unbeliebtheit bei andern Völkern und! Stämmen, ein übergroßer Familiensinn, die Vorliebe für die Geistes-! arbeit, der Hang zur Kritik und zur Grübelei, die Empfänglichkeit für ' fremde Geistesprodukte, die tiefe Religiosität und der Hang, Alles vom! Gesichtspunkt des Glaubens zu betrachten. Der Redner zeigte, daß viele der sowohl den Deutschen wie den Juden von politischen Gegnern nach-! gesagten Eigenschaften im Grunde schätzenswerthe Vorzüge seien. Die Vertheidigung des Judenthums müsse nicht mit geistreichen Phrasen, sondern durch beständige Vorführung von THatsachen geführt werden,! mit treuem Festhalten an der Bibel, um diese für diejenigen zu erhalten,! welche sie jetzt den Juden zurückgeben, aber künftig nicht entbehren werden! können Nachdem der Redner mit den Worten Goethes geschlossen: ' „Gottes ist der Orient, Gottes ist der Occident!" ertönte langanhaltender Beifall, dem die Versammlung auf Anregung des Vorsitzenden durch Erheben von den Sitzen noch weiteren Ausdruck verlieh. Der Vorsitzende,! Herr Rechtsanwalt Dr. Horwitz knüpfte an die Ausführungen des Vor-! tragenden die Ermahnung, stets der Ziele des Vereins eingedenk zu sein,; die sich in den zwei Worten zusammenfassen lassen: Selbstkritik und I Selbstachtung. Derselbe machte noch einige Mittheilungen über das > erfreuliche rasche Wachsthum, der Zahl der Mitglieder des Central- Vereins und den rühmenswerthen Eifer, welche sich in einzelnen Berliner j Gruppen kundgiebt. — Nach Eröffnung der Diskussion über den Vortrag! verwies Herr Dr. H. Hildesheimer auf den in den Preußischen Jahrbüchern veröffentlichten Aufsatz des Direktors des Statistischen Amtes, Dr. Boekh, wonach in Folge der Auswanderung vieler Juden das Deutschthum in den östlichen Provinzen zurückgegangen ist, und das; somit der Antisemitismus das Deutschthum, dessen Hort er zu sein vorgiebt, auf das Empfindlichste schädigt. Herr Alfred Klee stellte hierauf unter lebhaftem Beifall dar, wie sehr in den letzten Jahrzehnten den jüdischen Studenten ein charaktervolles Selbstbewußtsein gefehlt habe, wie die Verbindung „Sprevia" bemüht sei, deutsche studentische Sitte und Art zu pflegen, gleichzeitig aber auch das Gefühl der Zugehörigkeit zum Judenthum wach zu erhalten. In diesen von der Versammlung mit lebhaftem Beifall aufgenommenen Worten, besonders in dem treuen Festhalten der Jugend an den Idealen, fand der Vorsitzende eine frohe Bürgschaft für die Zukunft. Herr Redakteur Max Karfunkel berichtete über einen mteressanten Vorgang, der sich kürzlich innerhalb der studierenden Kreise abgespielt hat, unb beleuchtet dann die Gemeinsamkeit von Deutschen und Juden in dem Wesen des „Volkes der Denker", Nachdem Herr Dr. Rosenthal dies noch durch den Hinweis auf die gemeinsame Neigung ergänzt hatte, sich von fremden Litteraturen beeinflussen zu lassen, schloß der Vorsitzende die Versammlung mit dem Wunsche, daß alle deutsche Juden im Central-Verein ein Heim finden möchten. * Berlin, 28. Januar. Dr. med. L. Landau, Privatdozeut der Frauenheilkunde an der Berliner Universität, ist znm Professor ernannt worden. Leopold Landau, 1848 in Warschau geboren, erhielt seine! Schulbildung auf dem Elisabeth-Gymnasium zu Breslau, von bem er | 1867 zur Universität entlassen wurde. Seine medizinischen Studien machte er in Breslau, Würzburg und Berlin. 1870 legte er die Doktorprüfung ab. Nachdem er den deutsch-französischen Krieg als Truppenarzt mitgemacht hatte, erwarb er 1871 die staatliche Approbation als Arzt. Zu seinem Sondergebiete aber wählte Landau die Frauenheilkunde. Seine Ausbildung zum Frauenarzt erhielt er unter Spiegelbera, unter dem Landau an der Breslauer Universitätsklinik von 1872 bis l876 zuerst Assistent, später Sekundärarzt war. Seine Lehrthätigkeit begann Landau 1874 als Privatdozent in Breslau. Nach seinem Ausscheiden aus der Breslauer Stellung siedelte er nach Berlin über, wo er im Sommer 1876 Universitätslehrer wurde. Er begründete hier eine private Klinik und Poliklinik, für die er 1891 in der Philippstraße eigens für die klinischen Zwecke einen Neubau errichtete. — Auch der Physiologe Dr. Immanuel Munk hat den Titel „Professor" erhalten. tz Berlin, 27. Januar. Anläßlich des Todes seiner Gattin hat, wie bereits mitgetheilt, der Bankier James Saloschin der Stadtgemeinde Berlin ein Kapital von 100,000 M. zur Begründung einer Margarethe Saloschin-Stiftung mit der Bestimmung zugewendet, daß die Zinsen in jedem Jahre, und zwar zur Hälfte an dem Geburtstage der verstorbenen Frau Margarethe Saloschin, dem 26. März, zur andern Hälfte am Todestage derselben, am 31. Oktober, für verschämte Bedürftige in der Art verwendet werden, daß die städtische Stiftungs- Deputation die Hälfte der Zinsen an Personen christlichen Glaubens vertheilt, die andere Hälfte aber dem Vorstand der jüdischen Gemeinde zur Vertheilung an verschämte Bedürftige jüdischen Glaubens überwiesen wird. fg. Berlin, 28. Januar. Circa 30 jüdische Emigranten, die vor ungefähr zwei Jahren aus Rußland flüchtend durch unsere Kapitale gezogen waren, um in der neuen Welt den Kampf ums Dasein von Neuem beherzt aufznnehmen, langten gestern auf dem hiesigen Lehrter Bahnhof an. Sie wollen im Lande der Freiheit schlechte, betrübende Erfahrungen gemacht haben, um den Rest ihrer Habe während der verhältnißmäßig kurzen Zeit ihres Dortseins gekommen sein und sich einer Existenzlostgkeit gegenüber gesehen haben, daß „sie sich zurücksehnten nach dem Zarenreiche". Der Regierungsantritt des neuen Zaren, seine Proklamation habe sie, die eigentlich noch gar nicht ausgewiesen gewesen, ermuthigt, diesen Wunsch zum Entschluß und letzteren zur Ausführung

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.