Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 5 (1.2.1895)
- Date
- 1895-02-01
- Page
- Seite 60 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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60 Sprechfaal. Geehrter Herr Redakteur! u der Zuschrift des Herrn Dr. rned. Fink in 9h. 2 Ihrer Zeitung gestatte ich mir. Folgendes zu bemerken: Es ist mir nicht in den Sinn gekommen, „das grundsätzlich durchgeführte Ausscheiden jeder Erwähnung des Opferdienstes" in dem von mir bearbeiteten Gebetbuche durch die Berufung auf Maimonides zu vertheidigen. Ich habe nur die Thatsache erwähnt, daß derselbe in seinem berühmten religions-philosophischen Werke More Nebuchim den Opferdienst als ein Zugeständniß an die menschliche Schwäche bezeichnet. Das ist eine „objektive Wahrheit", von der sich ein Jeder durch Nachschlagen der betreffenden Stelle überzeugen kann. Subjektiv bin ich allerdings der Meinung, daß das freisinnige Judenthum das Recht hat, diese historische und philosophische Erklärung praktisch zu verwerthen. Stettin, 20. Januar. Dr. H. Vogel st ein. ^ehr geehrter Herr Redakteur! § befremdet mich ungemein, daß (siehe Nr 3 Seite 36 Ihres gesch. Journals) Herr Dr. Fink, wenn auch von Beruf Mediziner und nicht Theologe, aber doch unverkennbar in theologicis bewandert, in seinervermeintlichen Widerlegung des Herrn Dr. Vogelstein die beiden im Prinzip, in Tendenz und Anlage so verschiedenen Werke unseres Maimonides nicht auch seinerseits (des Dr. Fink) wissenschaftlich streng von einander sondert. Im Jad ist er ja lediglich und ausschließlich Echo des Talmud, wie auch wir, wenn wir ein Werk nur abgekürzt anhören, unsere Meinung ganz verschweigen; im Moreh dagegen, dem im gereisten Alter verfaßten : Werke, ist er selbständiger Denker. Behauptet er doch, um nur ein Beispiel anznführen, bei Definirung seines Standpunkts bezüglich des .jus talionis im Moreh dll. 41 u. s. w ) das diametral Entgegengesetzte von seiner Kodifizirung im Buche Jad (Ehobel umasik l. 5 und 6), wo er sich strikte der talmlldischen Interpretation (B. Kama *3 und 84) anschließt. O ppeln, 22. Januar Tr. Wiener. * Sehr geehrte Redaktion! 7Lm Interesse vieler deutscher Sraatsbürger jüdischen Glaubens und <7^ besonders der hiesigen Studentenverbindung „Sprevia" bittet Sie j Unterzeichneter höflichst, folgenden Zeilen in Ihrer geschätzten Zeitung ' Raum zu gewähren. , Eni hiesiges Antisemitenblatt brachte in seiner Nummer 35 A einen 1 Leitartikel mit der Ueberschrift: „Die Alten und die Jungen im internationalen Judenthum!" Im jenem Artikel heißt es: „Es wurde nämlich an der Berliner Universität eine jüdisch-nationale Burschenschaft gegründet, die ein jüdisches Kommersbuch benutzt; und an deren Kommersen semitische Toaste ausgebracht werden. Diese! jüdische Burschenschaft heißt Sprevia - wohl von Spree abgeleitet.; Auch in Baden und in Württemberg bestehen solche neuen jüdischen! Burschenschaften, die ähnliche, auf die Oertlichkeit bezügliche Namen angenommen haben. Dies soll jedenfalls eine Andeutung dahin sein, daß Israel vom Lunde Besitz zu ergreifen gedenkt." Zunächst wurde weder in Berlin noch in Baden oder Württemberg eine jüdisch-nationale Burschenschaft gegründet, sondern die hier gegründete „Freie Verbindung Sprevia" wie ihre Kartellverbindungen in Heidelberg und Breslan in Württemberg besteht überhaupt keine jüdische Verbindung — stehen ganz auf deutscher Grundlage und entsprechen; im akademischen Leben ungefähr dem bürgerlichen „Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens." Wenn dieselben prinzipiell nur Juden aufnehmen, so geschieht dies; hauptsächlich wohl deshalb, weil sie der Ansicht sind, daß bei der Ver- : theidignng der jüdischen Ehre, die sie eben schützen wollen, sie sich nicht ' durch Andersgläubige vertreten lassen können. Ferner ist es unwahr, daß tvir ein jüdisches Kommersbuch benutzen; denn bei allen drei Ver- , bindungen ist nur das allgemeine deutsche Kommersbuch in Gebrauch. Ebensowenig ist jemals in jenen Verbindungen ein „semitischer Toast" j ausgebrachl worden, noch ivird jemals ein solcher gehalten werden. Es j müßte denn gerade sein, daß die Bierrede, die in der Fidelität der nächsten Kneipe im Anschluß an jenen Artikel wohl geschwungen werden wird, semitischen Charakter trägt. Dann berichtet jener Artikel weiter, daß die Delegirten der übrigen Hochschulen eine Verbindung aller zu gründenden Burschenschaften für gut befunden hätten, um sich die Pflege jüdischen Wesens und jüdischen Geistes im akademischen Leben zur Aufgabe zu machen, und daß einer der Hauptförderer dieser Bestrebungen der bekannte „Rabbi Bloch" aus Wien sei. Wieder von A bis Z unwahr. Weder sind Delegirte der übrigen Hochschulen zu diesem Zweck zusammengekommen oder mit einander in Verbindung getreten, noch hat der Reichsrathsabgeordnete Dr. Bloch in irgend einer direkten oder indirekten Beziehung zu unseren Verbindungen gestanden. Schließlich heißt es in jenem Artikel noch, daß dem Judenthnm scholl lange das Festhalten des deutschen Studenten an deutschen Sitten und Gebräuchen ein Dorn im Auge lvar. — 9hm, die Herren Antisemiten mögen nur ein wenig Geduld haben, dann wird es sich schon zeigen, daß wir unsere Sache nach echt deutscher Studentenart zu vertreten gewillt sind. Hochachtungsvoll Berlin, 23. Januar. Georg Arnheim, stud. jur. 3. Ehargirter der „Freien Verbindung Sprevia." * Geehrter Herr Redakteur! U rlauben Sie mir, die Aufmerksamkeit auf Folgendes zu lenken: Es giebt Manche, die Rußland verlassen haben, um sich bem schweren Soldatendienst zu entziehen. Nun haben diese Leute bittere Erfahrungen gemacht. Sie waren nicht im Stande, sich mit den Verhältnissen, speziell in Frankreich und England, abzusinden und sind vollständig verarmt und brodlos. Ihr Schicksal ist ein verzweifeltes. So lvünschen sie daher, in ihr russisches Batcrlalld zurückzukommen, um in den Soldatendienst zu treten. Doch fehlt ihnen erstens das nöthige Reisegeld, imb zweitens harren sie auf ein für sie günstiges Mallifest. Was das Erste anbelangt, die Reise nach Rußland, sollte wohl eine freie Rückfahrt für diese Unglücklichen von jedem russischen Konsulat gegeben werden. Es wäre dies human, gerecht und billig, da diese Leute doch in den Dienst für Rußland sich stellen wollen. Oder sie werden wohl die Hilfe Anderer in Anspruch nehmen müssen. Was den zweiten Fall aubelangt, das <juad Manifest nämlich, so beruht hauptsächlich meine obige Bitte darauf, die Leute über den wichtigsten Theil desselben zu insormiren. In dem veröffentlichten Manifest vom 14. November 1804 ist in Theil V. verfügt worden: „Daß Diejenigen, die sich dem Soldatendienst entzogen haben, im Fall ihrer Rücktehr im Verlauf eines Jahres, vom Tage der Veröffentlichung d. M., weder eine Geldstrafe (300 Rubel) zahlen müssen, noch sonst dem Gericht anheimfallen." London, im Januar. M. Diman. * Geehrter Herr Redakteur! (^^er Artikel „Gießen" in 9h. 1 Ihres geschätzten Blattes ver- <33 anlnßt mich. Sie um Ausnahme folgender Erklärung freundlichst zu ersuchen: 1. Es ist nicht wahr, daß mir vom Großherzoglichen Kreisamte verboten wurde, religiöse Trauungen vorzunehmen. 2. Die von mir getrauten Paare leben nicht in Civilehe, wie jener Artikel behauptet, sondern sind in alter, streng ritueller Weise getraut und leben in jüdischer Ehe, kedatli Mose be-Jisroel. 3. Es ist nicht wahr, daß der Vorstand der hiesigen Gemeinde unterschreibt: Vorstand der Neumosaischen Gemeinde, sondern: Vorstand der „ Neuen M osaischen G emeind e"; dies ist der Name der hier im Jahre 1849 gebildeten Gemeinde. Die Statuten dieser Gemeinde sind vom Großherzoglichen Ministerium genehmigt; unsere religiösen Satzungen aber, das sind die Satzungen unserer heiligen Thora Ich begreife nicht, wie man darüber im Zweifel sein kann. 4. Die Neue mosaische Gemeinde dahiec ist eine freie, unabhängige Gemeinde, die weder unter der Aufsicht des Groß herzoglichen Kreisamtes, noch unter derjenigen des Gießener Rabbinates steht. Schotten (Oberhessen), 22. Januar. A. Kaufmann, Lehrer. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.