Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 5 (1.2.1895)
- Date
- 1895-02-01
- Page
- Seite 59 (sequence 11)
- Language
- German
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59 als in jener Nacht, es war mir gegönnt, mich wenigstens für Stunden nicht hören zu dürfen; je mehr es tobte, desto ruhiger wurde es in mir. Meine Seele, diese meine Alltagsseele, die immerfort dasselbe Leben führt und daraus nicht hinaus kommen kann seit meinem großen Erlebnisse, sie war tobt, und ich empfand ein müderes Leben in mir, etwas so Ruhiges und Schönes, wofür ich keine Worte finden kann. . Sie hatte das Aktes ruhig vor sich hingesprocheu, als spräche sie zu sich selbst; es war etwas Tonloses darin, daß ich erschrak. Sie war aufgeslanden, und etwas vorgebeugt, stützte sie sich mit beiden Händen an der Lehne der Bank. Ihre Hände waren weiß und schlank und wie bei den meisten Menschen, deren Leben mehr ein innerliches ist, hatten sie eine bestimmte Physiognomie, etwas Intelligentes, ja Schmerzhaftes. Sie hatte den feinen Kopf etwas weggewandt, und nun konnte ich sie genau anschauen. Das schwarze Spitzenkleid, das sie auhatte, stimmte zu ihrem Gesicht, die wenigen weißen Blümchen auf ihrer Brust erhöhten den melancholischen Allsdruck, den ihre ganze Erscheinung anhatte. Sie war schlanker geworden, und ihre Gestalt hatte die überfeine Grazie seelisch leidender Frauen bekommen. Ihre Frisur war etwas ungeordnet, einzelne Haare hatten sich abgelöst und sielen wie feine Contonren ans Stirn und Nacken. Und erst das Gesicht! Diese gleichsam zerwühlten, vibrireubeu Lippen und diese Allgen voll Schmerzausdruck, die feine, geaderte Stirn und ihr etwas kantig gewordelles, scharf hervortretendes Killll — und doch Alles llicht ohlie eiilen starker! Ueberrest von Weichheit und echter Weiblichkeit. Sie hatte ihr kleines, weißes Taschentuch hervorgezogen, und während sie sich wieder mir gegenüber utedersetzte, zerknüllte sie es mechanisch. Ihre große, schölle Dogge war herangekommen ulld legte sich ihr zu Füßen. Und ich dachte, welch' qualvolles Glück es sein müsse, von diesenl Weibe geliebt zll werden. Mir fiel wieder ihr Bergleich ein voll den starken Naturen, die beim erstell großen Ansturnl leicht stürzen können. Sie schien meine Gedanken errathen zu haben, iubcm sie mit ganz leiser Stimme und etwas zögernd zll sprechen begann: „Ich weiß wohl, woran Sie jetzt denken, mein Freund. Sie spinnen die Stimmung, die Gedanken weiter, die ich bei Ihnen angeregt; ich weiß, daß Sie meinen kleinen Vergleich ans ulich beziehen. Mag es Unbescheidenheit fein — es lag auch etwas von einem Selbstbekenutniß in meinen Worten, ganz unwillkürlich. Und ich lveiß ja, daß Sie zu mir gekommen sind, vielleicht mehr aus psychologischem, als aus frelurdschaftlichem Interesse. Ich bin Ihnen ein Näthsel — gut. Sie verdienen es, daß ich Ihnen vertraliensvolt die Lösung übergebe. Und von Ihnen werde ich doch nicht mißverstarldeil werden. Sie erinnern sich wohl nod), daß ich Ihnen einst ein kleines Bekenntnis; schon gemacht habe. Ich gestand Ihnen meine instinktive, ästhetische Abneigung meinen Religionsgenosseu gegenüber itub meine, vielleicht sklavische Neigung für die Andern. O, wie mußten Sie mich deswegen gehaßt haben — nein? Oder Sie dachten, das Alles sei nur Pose, die vorübergehende Laune eirres unbedeutenden Mädchens. Aber es war echt. Non wie vielen Israeliten wurde ich umworben, von Menschen, die vielleicht besser waren als ich, bereu Liebe ich vielleicht nicht Oerbiente, aber wie ich auch mit mir kämpfte, ich konnte nicht anders, ich mnßte sie abweisen. Sie ließen mich Alle kalt, — und ich hatte so wenig Verwandtschaft mit ihrem Fühlen nab Denken. Und daun: ich habe es Ihnen ja schon einmal gesagt — ich fürchtete den Spott meiner christlichen Freundinnen. Ich wußte, daß ich dadurch ihre Freundschaft verlieren würde, die meiner Eitelkeit so sehr schmeichelte. War ich doch die Einzige hier, die in den vornehmsten christlichen Kreisen verkehren durfte, obgleich auch ich nicht ihrerseits von kleinlichen Sticheleien verschont blieb. Ich ließ Alles über mich ergehen, — ich habe Ihnen ja gesagt, daß ich in dieser Hinsicht feig war. Da war es auch, wo ich ihn fennen lernte. Doch nein, wir kannten uns noch viel, viel zu wenig, als wir uns schon liebten mit einer Leidenschaft, die ich nie früher geahnt. Ich war stolz durch seine Liebe, und ich war auch glücklich. Wir hatten uns rasch gefunden, und wir wollten nie mehr von einander gehen. Ach, es war eine schöne Zeit; daß dieser herrliche Traurrr so rasch enden mußte! Er liebte mich nur nicht allein, er verehrte mich, wie nur selten ein Mann ein Weib verehrt; ich beherrschte ihn ganz. Obgleich sich Papa dagegen sträubte, da er große Bedenken hatte, gab er doch schließlich nach, aber unter der Bedingung, daß ich Jüdin bleibe, und wir nur in eine Civilehe eingehen sollen. Wie Mama über meine Wahl glücklich war, brauche ich Ihnen nicht erst zu sagen. Wir Beide lebten wie im Rausch. Ich erkannte mich selbst kaum, so hatte mich das Glück umgewandelt. Ich war damals so gut, so theilnahmsvoll, so froh in innerster Seele, wie es ein Mädchen sein soll. Meine Psyche hatte neue Saiten bekommen, und Gefühle wurden in mir wach, die ich früher an mir nie gekannt. Ich war das „kühle Verstandesmädchen" nicht mehr, als welches Sie ulich kannten. Ich war ganz wie ein Kind. Sie werden es nicht glauben, wie sentimental und wie lustig ich damals sein konnte. Was kümmerte uns die Welt! Und was fragte ich viel darnach, wem: er geistig unbedeutender war als ich. Das erhöhte sogar mein Gliick. Er mußte sich mir unterwerfen, und er nannte luich deswegen „seine kleine, süße Paradiesesschlange". Ich liebte es auch, ihn oft zu quälen, bis mich das Mitleid übermannte, da ich seine Thronen nicht mit ansehen konnte. Tann belohnte ich ihn mit der ganzen Innigkeit, bereu ich fähig war. Das Leben war uns ein goldiger Traum, was kümmerte uns die Zukunft? Blos eines trübte etwas unser Glück: Heinrichs Mutter hatte uns ihre volle Zustimmung noch nicht gegeben. Wir hofften sie aber leicht zu erringen. wenn sie mich erst sehen würde, obgleich sie eine streng bigotte Frau war mit Staudesvorurtheilen. Trotzdem bangte mir etwas vor der Entscheidungsstunde. Dann erkrankte Papa, und als er seine Todesstunde herannahen fühlte, da nahm er mir den heiligen Schwur ab, nie dem Glauben seiner Väter untreu zu werden. O, es war ein furchtbarer Augenblick — eine dunkle Ahnung beschlich mich, und ich kämpfte mit mir einen schrecklichen Kampf. Aber als ich des Vaters blasse, kalte Hand iit der meinen fühlte, als ich in sein Gesicht sah, in welchem der Tod seine furchtbaren Zeichen schon eingegraben hatte, da entrang sich mir schluchzend jener Schwur: „Ich werde es nie thuu, Vater — nie, nie!" Und dann wiederholte ich es unzählige Mal. ohne daß ich mehr wußte, was ich sprach. Daun wieder, als ich sah, wie sie ihn in ben Sarg legten, ach, in diesem grauenhaften Momente, wo mich alles Bewußtsein zu verlassen drohte, da rief ich cs ihm wieder zu: „Ich werde nie dem Glauben deiner Väter untreu werden, mein süßer, armer Papa. .." Sie konnte nicht weiter sprechen; eine tiefe Rührung hatte sie übermannt, daß sie iu Thrünen ansbrach. (Fortsetzung folgt.)