Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 5 (1.2.1895)
- Date
- 1895-02-01
- Page
- Seite 58 (sequence 10)
- Language
- German
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58 solche Mann will schon als Schiller Lehrer sei»; der Drang, das kaum selbst Erworbene Anderen mitzntheilcn, ist sehr stark; Bernstein hat ihn offenbar sein Leben lang im höchsten Maße empfunden. Seine Broschüren, seine Borträge, seine „Naturwissenschaftlichen Volksbücher", seine Tausende von Leitartikel» entstammen alle diesem Drange. Hat dies nicht noch die Zersplitterung gemehrt, da er ja dadurch auf jedem dieser Gebiete länger verweilen mußte? In Wahrheit ist aber dadurch die Zersplitterung zum guten Theil aufgehoben, Bernsteins geistiges Wese» zu einer Einheit zusammen gebunden lvordeu. Wer gleich lehren will, muß gründlicher lernen, als lvenn er das Erworbene nur für sich nützen mag, und ferner: so wurde aus dem Mann, der so verschiedene Wissensgebiete durchzog und dann die Ergebnisse Anderen mittheilte, doch schließlich nur Eines: ein Popularisator, ein Aufklärer und Belehrer, kurz: ein Volkss ch r i ft st e l l e r. (Fortsetzung folgt.) m 1— '1-^-- — 1 1 FEUILLETON ü p | w ü ' -- - -.“ - 1 1 1 1 Usrurtherle. Novelle von Hermann Menkes. (Fortsetzung.) (^wpub nun verändert sich das Bild. Es wird Alles freundlicher. Ich schreite durch ein kleines Birkeiuvüldchen, das um Rand eines klaren Flüßchens liegt; ich gehe am Forsthaus vorbei, durchs kleine, freundliche Dörfchen — und ich bin am Ziel. Das kleine Schlößchen winkt mir entgegen, die Scheiben leuchten im Sonnenschein. Ich klopfe an, und Antonias Mutter, ganz in Schwarz gekleidet, kommt mir entgegen. Ich erkannte sie kaum, so hatte sie sich verändert. Tie früher stattliche Frau war zur Greisin geworden, ihr Haar war weiß geworden wie junger Schnee, und ein Leidenszug lag auf ihrem gutmüthigen Gesicht. Sie war sprachlos vor Freude, als sic mich erblickte. „Ach Gott, Sie, Sie sind cs, und Sie haben uns nicht ganz vergessen? Ich bin ganz glücklich darüber. Ganz glücklich. Und Tvuerl, wie wird sie sich freuen, wie wird sie sich freuen — ja! Sie schläft jetzt, ich will sic gleich wecken. Ach ja, cS ist das reine Unglück mit diesem Kind. Wenn Sie wüßten, wie sie leidet, ach, du süßer Gott." Tie arme, gealterte Frau begann zu weinen mit einer so tiefen Innerlichkeit, wie nur eine Mutter weint über das Unglück ihres Kindes. Ich ergriff ihre Hand. „Warten Sie, es wird noch besser." „Ach, mein guter Herr, ich glaube fast nicht mehr daran. Es hilft einfach nichts, sie liebt ihn noch jetzt sehr, sehr. Das ist ja das Unglück. Ich habe es ja von Anfang an gewußt, daß daraus nichts Gutes werden wird. Wie Paßt ein jüdisches Mädchen zu einem Christen? Ter Gegensatz liegt im Blut. Ach, sie hat gesündigt, das Tonerl, sehr gesündigt." Und dann erwachte die alte Eitelkeit in der schwergeprüften Frau, indem sie weiter sprach: „Freilich, was war das für ein feiner Herr, welch' eine große Familie, denken Sie! Man hat uns so sehr beneidet und unser Glück verschrieen. Kurz nach der Verlobung starb mein Mann — und — und. . . . Doch, wie schlecht von mir, daß ich Sie gleich so traurig stimme. Sie sind ja so glücklich, was müssen Sie für eine reizende Braut haben. Wir haben uns sehr gefreut. Und Ihre Mama wollte gar nicht nütkomnien? Sie hat ja auch in der Bereinsamnng zu leiden gehabt, die Arme — nun ist sie jetzt glücklich. Ja, ja. Aber, was stehe ich da und plaudere Ihnen den Kopf voll — gleich wird Tonerl da sein — lassen Sie aber da-s arme Kind, bitte, nicht merken, daß Sie sie verändert finden." Und dann führte sie mich in ein Hinterzimmer. „Tonerl, Tonerl, schau, schau, welch' einen Gast ich Dir zuführe." Ich blickte durch die halbgeöffnete Thür hinein. Vereinzelte Sonnenstrahlen spielten mit den Krystalleu des Hängeleuchters, und ein blaugoldener Strahl fiel auf das schwarze Haar Antonia's, die mit geschlossenen Augen auf dem Sopha lag. Ihr Gesicht war noch weißer geworden als früher und hatte jenen Ausdruck bekommen, der die so deutliche Sprache ist großer, innerer Erlebnisse. Neben ihr saß ein junges Mädchen mit großen, schwarzen Augen, das auffallend lange Haar aufgelöst — ein ganz zartes, zerbrechliches Kind. Sie war in ihr Bnch vertieft. Ich erkannte das junge Mädchen sofort, obgleich aus dem Waldkind ein kleines, feines Fräulein geworden. Blitzschnell kam mir die Erinnerung an jenen schönen Moment, wo Antonia meine Liebe gewonnen. Nun erwachte Antonia. Sie sprang auf, als sie mich erblickte, einen leisen Freudenschrei ausstoßend. Ihr müdes, blasses Gesicht rölhete sich und gewann melancholische Schönheit. Ihre Hand haltend, fühlte ich, wie sie in der meinen zitterte. „Ich wußte, daß Sie kommen werden. Und es ist schön, daß! Sie uns nicht vergessen haben. Erkennen Sic das kleine Fräulein da? Erinnern Sie sich des Kindes, das ich damals im Walde gleich so lieb gewonnen.? Sie hat nun auch keinen Vater mehr, und wir haben sie zu uns genommen. Sie ist meine Schülerin. Nun, Tiuerl — jetzt hast Du genug gelernt —, wenn Du willst, kannst Du ein Bischen spielen —, ich werde bald zu Dir kommen." Und in einem Aufblitzen von Freude und Zärtlichkeit küßte sie die Kleine; dann ergriff sie meinen Arm. „Kommen Sie ein Wenig ins Freie, ja? Hier ist cs so schwül." Die Mutter Antonias schaute uns vergnügt nach. „Ganz wie Geschwister — rvie schön! Ach, Tonerl, wenn Drr einen Bruder hättest und nicht nur Deine hilflose Mutter. . ." „Mama!" Es lag etwas Stolzes und Abweisendes in der Art, wie Antonia das sagte. Dann schritten wir durch die langen, dichten Alleen des Parkes, bis wir zu einer Anhöhe kamen, auf der eine Edeltanne wuchs und einige Bänke aufgestellt waren. Uns gegenüber zog sich ein Tannen- und Eichenwald hin. Einige mächtige Bäume lagen hingestrcckt im Grase, manche waren ganz entwurzelt. Ein Sturm hatte sie geknickt. . . „Sehen Sie, diese mächtigen Bäume hat der Sturm, der vor einigen Wochen eine ganze Nacht gewüthet, zrr stürzen vermocht —, gerade den jungen, zarten Bärnuchen hat er nicht beikommen können, weil sie biegsam sind. Gleich wie bei den Menschen: die starken sind es, die dem Sturm rettungslos anheimfallen, die schwachen vergessen ihr Elend leicht. . . . Wie der Sturmwind jene Nacht gewüthet hat! Ich hörte seine Stimmen, empfand ihn mit allen Sinnen. Diese Töne — als ob sie ein Mensch ausgestoßen — bald wie Frohlocken und siegessicheres Kämpfen — dann wieder wie versinkende Kraft und dahinsterbendes Weinen, wie die Stimme eines vereinsamten Wanderers, der in Nacht und Graus an fremder Thür um Einlaß bittet. O, ich liebe den Sturmwind, die kalte, todte Natur bekommt eine Seele, eine Menschenstimme —, man muß ihr nur zu horchen verstehen. — Mir war lange nicht so wohl,