Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 5 (1.2.1895)
- Date
- 1895-02-01
- Page
- Seite 57 (sequence 9)
- Language
- German
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57 gesandte wurde Bernsteins in einer Betstube habhaft, wo dieser eben als Vorsänger seine schönsten Triller erklingen ließ; nachdem er damit fertig war und hörte, um was es sich handelte, sagte er sofort „Ja!" und machte sich ans Werk. „Aber wie fanden Sie den i Mlith dazu?" rief Herr Wertheim erstaunt, als ihm der Freund dies dreißig Jahre später berichtete. „Oh," erwiederte Bernstein lachend, „ich hatte ja damals schon die Porträts von Reb Elia Wilna und von Reb Miba Eger gesehen! Uebrigens — wie's j möglich war. weiß ich nicht, aber daß es möglich war, daß ich die i Aufsätze schrieb, daß sie sogar gefielen, daß der Verleger sie mir mit fünfzig Thalern honorirte, dies ist Thatsache!" In demselben Jahre, i 1834, erschien die bereits in meinem ersten Aufsatz erwähnte lieber- | setzung des „Hohen Liedes", sowie eine kleine Sannnlnng seiner i Lyrik. An einen geregelten Studiengang konnte und wollte er wohl! auch gar nicht denken; seinen Doktortitel erhielt er erst 18/6 j honoris causa von der Universität Tübingen. Ich trage dies übrigens nicht blos zur Berichtigung und Er-! gänznng nach, sondern auch, weil es für die Zwecke, auf die ich mich beschränke, wichtig ist. Das Eharakteristische liegt aber nicht etwa : allein in der erstaunlichen Raschheit der Entwicklung; dafür sind Beispiele genug vorhanden. Hier eins aus meiner eigenen Er- : fahrung. Ende 1888 besucht mich der Redakteur eines englischi amerikanischen Blattes, der eben zur Erholung seine europäische; Tour macht, ein junger Gentleman, der auch vortrefflich deutsch j spricht. Nachdem wir uns eine halbe Stunde lebhaft unterhalten,! zuletzt über Longfeüow, sagt er mir plötzlich lächelnd: „Lassen Sie I sich etwas erzählen, was Sic vielleicht noch mehr interessiren wird als der Sang von Hiawatha. An einein Maimorgen von 1882 steht ein junger Bocher vor dem Komitee in Brody, welches die flüchtigen russischen Juden nach Amerika schickt. Die Herren sagen: „Du hast nichts als Talmud gelernt, das kannst Du dv drüben nicht brauchen. Geh nach Rußland heim!" Der Bocher bittet und fleht, eS nützt ihm nichts. Schon will ihn der Diener hinausschieben, da tritt ein „Deutsch" dazwischen, der bisher an einem Tischchen geschrieben hat. „Mir scheint," sagt er, „den Burschen könnten wir hinüberschicken; er ist kräftig und hat kluge Augen; der bringt sich drüben durch." Und der Bocher darf nach Amerika. Erinnern Sie sich daran?" — „Nein!" — „Aber ich! Der Bocher war ich und der „Deutsch" waren Sie!" Wer wüßte nicht Aehnliches zu erzählen! Die Raschheit der Anpassung also theilt Bernstein mit vielen seiner Bildungsgenossen,! nur fügt es sich dann mit den Meisten von ihnen sehr eigenthüm-; lich; sie kommen nach dem ersten jähen Sprung nicht recht weiter.! Die Lücken ihres Wissens sorglich auszusüllen, ihre Bildring harmonisch! anszugestalten, gelingt Wenigen, ja, es giebt sogar nicht allzu Biele,! die auf dem nun speziell erwählten Wissensgebiet hinterdrein ein festes Fundament legen. Sie sind sehr geistreich, einige genial, aber solide Arbeiter sind sie selten. Und je größer ihre natürliche Begabung und ihre Schulung in allen Künsten der Dialektik ist, um so weniger glauben sie dieser soliden Arbeit zu bedürfen.! Anders Bernstein. Er, der rniter diesen Ex-Talinudisten sicher-; lich einer der Begabtesten war, üon denen wir überhaupt wissen, war j zugleich einer der Gründlichsten. Was er in Wissenschaft oder Leben! gemacht hat, hat er solid gemacht; die Schulung seines Verstandes! in jener alten Arena spitzfindiger Geisteskampfe ist ja überall unverkennbar, aber ebenso der Fleiß, die Ansdauer. Der junge Mann, der erst in Berlin einen Globus vor Augen bekommen, kann schon einige Jahre später eine Schrift über die „Rotation der Planeten" erscheinen lassen, welche die Aufmerksamkeit eines Astronomen wie , Bessel erregt; und mag man auch über seine Bedeutung als Naturj forscher, den Werth seiner Erfindungen nicht allzu hoch denken, so werden doch nur diese bestritten, nicht aber sein umfassendes Wissen von den Forschungen Anderer. Das Gleiche gilt von seiner Thätigkeit auf politischem und national-ökonomischem Gebiet; galt doch seine erste solche Schrift „Zahlen frappiren", die anonym erschienen war, lange für das Werk eines erprobten Fachmannes, des nachmaligen Ministers von Patow. „Bernstein schreibt Talmud in Leitartikeln", urtheilte Varnhagen darüber, und in der Thal tritt da häufig diese Schulung seines Verstandes zu Tage, aber fast nie beschränkt er sich auf Polemik und Dialektik, fast immer weiß er seinen Lesern Positives nntzutheilen. Und ebenso trägt Alles, was er im Leben für sich und Mindere begonnen, das Gepräge eines überaus impulsiven, schnell zugreifenden, aber doch immer wohl orientirten, richtig erwägenden Geistes. Um einen geregelten Unterhalt zu gewinnen und gleichzeitig sich selbst weiter bilden zu können, gründet er eine Leihbibliothek mit Lesekabinet und erreicht damit beide Zwecke, weil er eben auch das Geschäft bald versteht. In noch höherem Maße erweist er diese Eigenschaften bei seinen Zeitungen; im steten Kampf gegen die Reaktion hält er seine „Urwähler-Zeitung" durch vier Jahre, vom 29. März 184!» ab, aufrecht und macht sie zu einem vielgelesenen Blatte, obwohl er seine Leitartikel zeitweilig aus dem Gefängniß schreiben muß; als das Blatt am 25. März 1853 verboten wird, ersteht bereits am 9. April die „Volkszeitnng", erstarkt unter tausend Kümpfen, und wird schließlich das Hanptorgan der preußischen Fortschrittspartei. Dazu gehört neben heißer Begeisterung und zäher Ausdauer auch ein starkes organisatorisches Talent und praktischer Sinn: die Fähigkeit, bei aller Hingabe an die Ideale das Mögliche zu wollen und durchzusetzen. Dieselbe Eignung hat er ja auch als Mitgründer der Berliner Reform- Gemcinde erwiesen. Man mag sie beurtheilen, wie man wolle; sic war lebensfähig, denn sie lebt noch heute, ltnd ivie viel Anderes ist seit ihrer Gründung im deutschen Judenthum versunken und verschollen, als hätte es nie gelebt!1) Man hört zuweilen sagen, auch solch praktischer Blick, solches Organisationstalent seien bezeichnend für den Autodidakten. Nichts ist meines Erachtens irriger als diese Ansicht. Wir haben diese Gaben oder haben sie nicht; das Gymnasium und die Universität haben sie noch in Keinem todtgeschlagen, und der Zwang, sich selbst zu unterrichten, noch in Keinem geboren. Hier entscheidet im Grunde nur die Individualität, denn was der Autodidakt etwa durch größere Selbsterziehung zur Thatkraft voraus hat, macht der Mann mit geregelter Bildung dadurch wett, daß er geringer anschlägt, was er weiß, klarer erkennt, was ihm abgeht, sich sein Leben planmäßiger zu gestalten, sich besser vor Zersplitterung zu wahren weiß. Zuzngeben ist also nur etwas ganz Anderes: daß Bernstein bei geregelter Vorbildung gewiß nicht gleichzeitig so vielerlei Studien getrieben und Schriften geschrieben hätte. Aber seine Thatkraft nnd Rastlosigkeit hätte sich dann auf einem engeren Gebiet sicherlich auch nicht verleugnet, wäre im Gegcntheil wahrscheinlich noch klarer und mit bleibenderen Resultaten in die Erscheinung getreten. Charakteristisch für den Autodidakten Bernstein war also nur das Streben nach so vielen verschiedenen Richtungen, das natürlich in gewissem Sinne trotz seiner gewaltigen Begabung und Arbeitskraft auch ein Zersplittern bedeutet. Zn diesem Zug aber steht ein anderer, den er gleichfalls mit den meisten Autodidakten theilt, in höchst cigenthümlichem Verhältnisi. Ich meine das Lehrbedürfniß. Fast jeder 9 Wie mir der Redakteur dieser Wochenschrift freundlich mittyeilte, hat Bernstein damals auch ein Jahr lang eine Zeitschrift heransgegebe», die den Reformgedanken im Judenthum verfocht. Er hat sie leider nie zu Gesicht bekommen, auch ich war darin nicht glücklicher. Amn. d. Vers.