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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-02-01 · Heft 5 (1.2.1895) · p. Seite 56

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 5 (1.2.1895)
Date
1895-02-01
Page
Seite 56 (sequence 8)
Language
German
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56 Uedrr A. Bernstein. Von Karl Emil Franzos. II. s ist lange her, fast zwanzig Jahre, daß ich in Stuttgart dem; alten fröhlichen Hackländer meinen Besuch machte. Er war i eben mitten im heißen Diktiren. Ich entschuldigte mich und! fragte, worin ich ihn gestört hätte.! „Ja, mein Guter," erwiederte er lachend, „wenn ich das wüßte!! Anfangs sollte es nur eine kurze Humoreske werden. Aber nun habe! ich schon fünf Bogen biftirt und bin noch im Beginn. Da ist nämlich ein Mensch drin, der mich zu interessiren anfängt. Ich glaube, er j hat das Zeug dazu, was zu erleben; — Sie verstehen, drei Bände hindurch! Aber ob ich mich da nicht täusche, und was er erlebt, mag Gott wissen, das heißt, wenn sich Gott um Hackländers Romane kümmert!" Ich war ungeheuer erstaunt und nur Eins schien mir berechtigt: der Zweifel am Schluß. Das war ja eine gottverlassene Art, Kunstwerke zu schaffen! Später habe ich begriffen, daß der lustige Mann gar nicht Kunstwerke schaffen wollte und daß nicht allen Schriftstellern die Rinde gleich gewachsen ist. Der Eine macht's so, und ein Zweiter anders, und ein Jeder wie er muß. Darum ist für Jeden seine Art richtig und für mich die meine: die Feder nicht eher anzusetzen, bis ich genau weiß, was ich zu sagen habe. Und wenn mir Jemand prophezeit Hütte, daß mir einmal im Ernst der Gedanke anfliegen würde, mitten in einer begonnenen Arbeit ihren Plan ins Zwanzigsache zu verbreitern, so hätt' ich's nicht geglaubt. Nun war's doch so: wenigstens einen ganzen Tag laug. Was ich in diesen Aufsätzen bieten wollte, habe ich gesagt: einige Bemerkungen und Mittheilungen über die Ghetto-Geschichten Bernsteins und über den Menschen nur das Wenige, was ich aus eigner Wahrnehmung wußte. Mein Gepäck war gering: zwei Briefe, zwei Artikel mtb die Geschichten selbst, aber es schien mir für meine Zwecke genügend. Nur Eines war mir zur Ergänzung wünschenswerth:die erste Fassung der Geschichten und das erste dichterische Werk Bernsteins, die „Novellen und Lebensbilder". Darunn bat ich am Schluß meines ersten Aussatzes öffentlich um diese. Tie Bitte war schon am ersten Tage erfüllt, nachdem die Nummer erschienen war. Aber gleichzeitig begann mir noch anderes Material zuzuströmen und strömte und hat noch nicht zu strömen aufgehört. Es ist nun ein kleiner Berg von Gedrucktem uud Geschriebenem: Bernsteins Jugendlyrik', eine —- angeblich — von i ihm selbst herrührende biographische Notiz, Urtheile berühmter Männer! über die beiden Geschichten, Schilderungen aus Bernsteins Jünglings-! zeit von der Hand eines Altersgenossen, und Briefe über ihn, so an! die dreißig, kurze und lange, scharfe uud begeisterte, lang- und kurz-! weilige Briese. Noch mehr aber, als ich bekam, wurde mir angeboten:! Briefe von Bernstein an ihm vertraute Menschen und Zeugnisse! solcher Menschen über ihn.! Das ist viel zu viel Material für einige Aufsätze, dachte ich,?' aber ist's für eine Biographie zu wenig? Es ist schon Mancher an! eine solche Aufgabe gegangen, dem weniger Quellen dafür zu Gebote! standen. Und das, was mir fehlte, ließ sich ja, so weit es mir j Andere geben konnten, leicht beschaffen. Obendrein gab mir ein! freundlicher Brief einer der Töchter des Dichters die Beruhigung,! daß ich das Fehlende erhalten könnte, und gab den! Wunsche, daß ich sein Biograph werden möge, in vertrauensvollen Worten Ausdruck. Wie gesagt, einen Tag lang erwog ich den Gedanken ernstlich.! Tann aber ließ ich ihn für inimer fahren. Mir fehlt für diese Arbeit auch Einiges, was lveder ich noch Andere mir geben können.! Ich habe, wie der Leser weiß, Bernstein nicht gekannt. Nun war er aber — das lehren mich schon die Briefe über ihn — eine ganz ungewöhnliche Persönlichkeit, die sehr schwer im Kern zu erfassen und darum noch schwerer gerecht zu beurtheilen war. Einen solchen Menschen ohne Selbstkenntniß zu schildern, soll man nur dann wagen, wenn es sein muß, wenn Niemand mehr lebt, der ihn gekannt hat. Bernstein aber haben noch viele Lebende gekannt, welche die Feder zu führen verstehen, und Einige dürften auch dies oder jenes besitzen, was mir außerdem dazu fehlt. Er war ein tüchtiger Talmudist und auf dem Gebiet der Naturwissenschaften völlig zu Hause — nach beiden Richtungen bin ich Laie. Und auch ein bedeutender Politiker war er; das Lebensbild eines Politikers sollte von Rechtswegen nur Einer entwerfen, der derselben politischen Ueberzeugung ist; ich bin es nicht. Mir also ist's nicht möglich, wohl aber Anderen, und um darauf nachdrücklich hinzudeuten, schreibe ich diese Zeilen. Es ist hohe Zeit, daß sich Einer dazu finde und eigentlich zu verwundern, daß sich noch Keiner gefunden hat. Denn die Aufgabe wäre an sich höchst interessant und ihre würdige Lösung aus mehreren Gesichtspunkten dankenswerth, vornehmlich auch als Baustein zur inneren Geschichte des deutschen Judenthums in diesem Jahrhundert. Man lese seinen Brief an mich, denke, wo er begonnen und wo er geendet, — wie viel Typisches ließe sich an diesem Einzelschicksal Nachweisen! Eine richtige Biographie Aaron Bernsteins wäre ein Buch von bleibendem kulturhistorischen Werthe. Dies wollte ich gesagt haben, und daß es an Materialien nicht fehlt. Ich aber setze meine Arbeit in jenen bescheidenen Grenzen fort, die ich mir ursprünglich gesetzt habe: ich tuiü mich mühen, dem Dichter gerecht zu werden. Ehe ich jedoch daran gehe, habe ich einige Daten seines äußeren Lebensgangs zu ergänzen, andere zu berichtigen. Meine Schuld ist's nicht; ich bin Quellen gefolgt, die ich für verläßlich halten mußte. Mit der „orthodox-jüdischen Erziehung", die sich auf Bibel und Talmud beschränkte, hat es seine Richtigkeit, nicht aber mit den Berliner „humanistischen Studien" und der bald darauf erfolgten Promotion zum Doktor. Nur in jüdischer Gelehrsamkeit ist Bernstein von Anderen ausgebildet worden, bis 1825, seinen! dreizehnten Jahr, in Danzig, von da bis 1830 an der damals berühmten Talmudschule in Fordon, bis 1832 wieder in Danzig. In diesen! Jahre, also zwanzig Jahr alt, ging er nach Berlin, um sich unter der Leitung des hiesigen Rabbiners weiter auszubilden, doch „verlor er bald das praktische Ziel der eingeschlagenen Karriere aus den Augen", machte sich das Deutsche gründlich zu eigen und las, was ihm erreichbar war. Wie viel Fleiß, aber auch wie viel Begabung in dem Jüngling steckte, mögen folgende Thatsachen beweisen. Ter Talinudschlller, der bei seiner Ankunft in Berlin das Deutsche nicht fehlerfrei sprechen, geschweige denn gar schreiben kann und zudem seinen Unterhalt in mühseligster und zeitraubendster Weise als Lehrer des Hebräischen und als Vorbeter in kleinen Betstuben erwerben muß, ist nicht ganz zwei Jahre später so weit, einen kritischen Essay über das „Junge Deutschland" zu schreiben, den Wilibald Alexis für seinen „Freimüthigen" acceptirt, sofort druckt und bezahlt. Einen noch drastischeren Beleg für sein phänomenales Anpassungsvermögen verdanke ich der mündlichen Mittheilung eines seiner nächsten hiesigen Freunde, des Herrn Philipp Wertheiin. Die ersten Aufsätze von „A. Rebeustein" — dies sein Pseudonym — hatten die Aufmerksamkeit des Berlegers der „Spener'schen Zeitung" auf ihn gelenkt; da der Kunstreferent des Blattes abgegangeu war, so ließ er bei Bernstein anfragen, ob dieser nicht den Bericht über die eben eröfsnete Gemäldeausstellung übernehmen wolle. Der Ab-

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