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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-02-01 · Heft 5 (1.2.1895) · p. Seite 54

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 5 (1.2.1895)
Date
1895-02-01
Page
Seite 54 (sequence 6)
Language
German
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54 überzeugte sich von dieser Thotsache ouf's Gründlichste. Unter diesen Juden nun soll erst eine sorgfältige Auswahl getroffen werden. Eine gewisse Anzahl sott immer ans einer Gegend genommen werden, damit dieselben unter einander sich heimisch fühlen, was zur gegenseitigen Verträglichkeit ^außerordentlich beiträgt. Auch die Arbeit geht bei solcher Vereinigung besser von Statten. Der besseren Erziehung wegen soll aus jeder solcher Gruppe ein hervorragendes Mitglied dllrch größere Berücksichtigung und Zuvorkommenheit ausgezeichnet werden, damit es als Muster beu übrigen Mitgliedern der betreffenden Gruppe dienen könne. Ferner soll für die Befriedigung ihrer religiösen Bedürfnisse Sorge getragen werden, und zwar so, wie sie cs in ihrem Heimathlande gewohnt waren. Allen diesen Vorschlägen ist, wie ich zu meiner Freude entnehme, in vollem Maße Rechnung getragen worden. Als Leiter dieses großen Unternehmens ist für Argentinien nicht wie bis jetzt eine Person, sondern zwei ernannt worden, und zwar der Direktor der Pflanzschule uub der Schuldirektor der Alliance in Palästina. Beide zusammen haben erst die auszuführenden Bestimmungen zu beschließen, und somit ist allch dem Erziehungsmoment Rechnung getragen. Seitdem nun diese Maßregeln getroffen sind, geht es viel besser. Zum Schlüsse will ich noch eine kleine Bemerkung machen. Der Schreiber genannten Briefes führt die Aeußerung des Baron Hirsch ins Feld, er habe bis jetzt noch nicht den right man en tho right place gefunden. Diese Wahrnehmung ninnnt mich gar nicht wunder. Solche vollkommene riglit men wird man auch nicht finden, da ein solcher right bis jetzt überhaupt noch nicht gefunden worden ist. Selbst über das himmlische Genie eines Mose, mit dem man doch jetzt wahrlich zufrieden sein würde, wurde fortwährend geklagt; wie soll dies erst bei den übrigen Sterblichen der Fall fein! Allenfalls hatte es Mose mit gewesenen Sklaven zu thun gehabt. Allein dieser Umstand sollte uns nach 4000 Jahren am Ende doch belehren, daß in dem Maße, in welchem der Mensch zwischen Sklaverei und Freiheit zu unterscheiden gelernt hat, in demselben Maße seine Klagen abnehmen werden. Aus Leopold Zun;' Loben. Von Dr. S. May bäum. ie Mittheiluugen, die ich unter dem obigen Titel als wissenschaftliche Beigabe zum 12. Jahresberichte der hiesigen Lehranstalt für die Wissenschaft des Judenthums veröffentlicht habe, habeil zu der bedauerlichen, weil irrigen Meinung den Anlaß geboten, daß Zunz' Bedeutung für Wiedererweckung der Wissenschaft des Judenthums in der hiesigen Gemeinde nicht die rechte Würdigung gefunden habe. Zwar läge in dieser Meinung auch dann noch fein Vorwurf für die hiesige Gemeinde, wenn sie den Thatsachen vollkommen eiltsprechen würde. Denn die Wissellschaft des Judenthums war damals ebetx erst in der Entstehmlg begriffen, und die Würdigung ihrer Träger in Laienkreisen kann erst dllrch ihre weitere Entfaltung erzielt werden. Um so bedauerlicher erscheint jene Meinung, als Zunz' wissenschaftliche Leistungen gerade in Berlin schon frühzeitig anerkannt und aufs Wirksanlste gefördert wurden. Die entgegengesetzte Annahme konnte nur dadurch entstehen, daß meine Mittheilungen bei der Begründung des hiesigen Lehrer-Seminars im Jahre 1889 abbrachen, einem Ereignisse, mit welchem gerade die thatkräftige Förderung Znnz'scher Bestrebungen in hiesiger Gemeinde beginnt, frühzeitig genug, wenn man erwägt, das Z.' Hauptwerk, „Die gottesdienstlichen Vorträge der Judeli" erst 1832 erschienen ist. Ich werde in meinen weiteren Mittheiluugen über Zunz den aktenmäßigen Beweis erbringen, daß — abgesehen von den Jahren 1849—54, wo die Neuorthodoxie in Berlin zur Herrschaft gelangte! und sofort alle liberalen Errungenschaften, darunter auch das Lehrer- - Seminar beseitigte — Zunz' Verdienste um die Begründung der! Wissenschaft des Judenthums und um die Verjüngung des religiösen j Lebens nirgend so ungetheilte Anerkennung und Förderung wie - gerade in Berlin gefunden haben. Um indessen schon jetzt die ellt-! gegengesetzte Meinung zu widerlegen, mag hier die Zuschrift des j Gemeinde-Borstandes an Z. vom 28. März 1845, die ich auch im! Jahrbuch des uligarisch-jüdischen Litteratur-Vereins veröffentlicht habe, zum Zwecke der weiteren Verbreitung vollinhaltlich den Lesern dieser Zeitung mitgetheilt werden: Vorstand der jüdischen Gemeinde in Berlin. Der Kommission der Sieben und Zwanzig^) der hiesigen jüdischen Gemeinde haben mir unter dem 5. August pr vorgestellt, daß Ew. Wohlgeboren bei uns eine pekuniäre Verbesserung Ihrer Stellung nachgesucht hätten. Um diesen Ihren Antrag auf eine Ihrer würdige Weise der Kommission der Sieben und Zwanzig zur Bewilligung vorzustellen,! haben wir dabei Folgendes herausgehoben: „Wenn es wahr ist, daß jede Gesammtheit nur dadurch exiflirt, daß sie ein Bewußtsein von sich selbst hat, daß sie weiß, was sie ist, was sie will und sott, so ist keine Gesammtheit mehr als die Juden verpflichtet, sich in jedem Augenblick über diese Lebensfragen ihres Daseins Rechenschaft abzufordern. Eine genügende Antwort aber ertheilt nur die Wissenschaft, das tiefe Nachdenken über die Grundlehren des Judenthums,! die ernste und unparteiische Erforschung seiner Geschichte. Nur dadurch, j daß wir über die Entstehung und allmähliche Ausbildung der von unfern l Vorfahren uns überlieferten religiösen Institutionen belehrt werden,! können wir uns ein Urtheil darüber bilden, ob diese Institutionen bei- > zubehalten, oder ob sie den veränderten Zeitbedürfnissen anzupaffen seien, j von feindseligen Gewalten rings umgeben, die es uns vorwerfen, daß l wir überhaupt noch an unserer Religion festhalten, können wir den echten Gehalt unseres religiösen Lebens nur durch die Wissenschaft darlegen, nur mit Hilfe derselben können wir die zahllosen Vorwürfe zurückweisen, die Vorurtheile und Entstellungen gründlich widerlegen, die gegen uns nicht selten mit dem Schein tiefer Gelehrsamkeit vorgebracht werden. Die Wissenschaft des Judenthums, weit entfernt, ein unnützer Luxus zu sein, hat vielmehr für Juden und Judenthum eine unmittelbar praktische Seite, und wenn es gebildeten Menschen überhaupt zur Unehre gereicht, die Wissenschaft gering zu schätzen, so würden die Juden durch die Vernachlässigung der wissenschaftlichen Erforschung und Begründung des Judenthums gegen die erste Pflicht, die Pflicht der Selbsterhaltung, verstoßen. Wenn wir nun aber fragen, was denn für die Pflege der Wissenschaft geschieht, so sind wir um die Antwort verlegen. Der Staat hat keinen Katheder für jüdische Geschichte, Litteratur und Theologie; wir Juden, denen eigentlich die Sorge für diejenigen obliegt, die sich diesem Zweige der Wissenschaft hingeben, wenden uns gleichgiltig von demselben ab, ja, wir haben bis jetzt noch nicht einmal eine Anstalt für die Bildung von Rabbinen begründet. Und doch empfinden wir das Bedürfniß nach einer würdigen und kräftigen Vertretung durch die Wissenschaft. Wenn die Noth des Lebens über uns hereinbricht, wenn böswilliger Wahn die längst verschollene Sage wieder heraufbeschwört, daß wir Christenblut zu unserm Peßachfest gebrauchen, wenn man uns durch Machtsprüche in der Entwickelung unseres religiösen Lebens hemmen und uns von außen her vorschreiben will, was wir als jüdisch und was als nicht jüdisch zu betrachten haben, wenn eine feindselige Theorie der bürgerlichen Gleichstellung mit unfern christlichen Mitbürgern in den Weg tritt, dann sehen wir uns nach unfern Gelehrten um und verlangen von ihnen, daß sie mit Muth und Geist für die Wahrheit zeugen sollen, ja, wir schelten sie vielleicht, wenn sie unsrer Meinung nach nicht schnell l) Diese Kommission hatte damals die Stellung und die Befugnisse der späteren Repräsentanten, und ihr war besonders die Verwaltung der Finanzen der jüdischen Gemeinde unterstellt.

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