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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-02-01 · Heft 5 (1.2.1895) · p. Seite 53

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 5 (1.2.1895)
Date
1895-02-01
Page
Seite 53 (sequence 5)
Language
German
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5S anderem Klima, anderer Kultur und anderen Lebensbedingungen zu! verpflanzen", macht er in demselben Athemzuge der Jewish Coloni- J sation Association den Borwurf, daß in dem kurzen Zeitraum von! 3 Jahren derselben nicht 25,000, sondern blos 5000 Seelen in Argenj tunen zu kolonisiren gelungen ist. Ich denke, daß es genügt, die! nlerkwürdige Zusammenstellung obiger Vorwürfe und die Art, wie j der zweite begründet wird, hervorzuheben. Auf die ersten beiden folgen aber noch mehrere Vorwürfe, denn , es heiszi: „Dazu kommt noch, daß die wenigen Tausende der „Auserwählten" durchaus nicht zu denjenigen Kreisen der russischen Judenheit gehörten, denen in erster Linie Hilfe Noth that. Man wird mir einwenden, daß die Komitees der Gesellschaft zu Anfang allerdings bestrebt gewesen seien, vorzugsweise solche Personen zu berücksichtigen, welche durch Ausweisung rc. ihre Existenz verloren hatten und erst; durch die viel besprochenen traurigen Erfahrungen sei man dahin gedrängt worden, unter den zu befördernden Kolonisten eine i Auswahl zu veranstalten. Allein es ist noch durchaus nicht nachgewiesen, daß jene traurigen Erfahrungen durch die mangelhafte Qualität der ersten Kolonisten bedingt gewesen seien; viel wahrscheinlicher ist es, daß die Mängel in der Organisation der russischen Komitees und die Unstätigkeit in der obersten Verwaltung in Argentinien selbst zu jenen^Mißerfolg ist erster Linie beigetragen haben Allein, wenn es auch wahr gewesen wäre, daß an jenem Mißlingen der ersten Versuche einzig und atleiit der Umstand schuld sei, daß die ersten Ansiedler keine Bauern von Hause aus gewesen seien, so hätte eben eine weise Verwaltung dies voraussehen müssen." Der Jewish Colonisalion Association ist es ober nie eingefallen, sämmtliche ausgewiesene russischen Juden sammt und sonders, wie sie dastanden, ohne Verzug nach Argentinien transportiren zu lassen, um sie dort sofort in Ackerbau treibende Kolonisten zu verwandeln, wie man es hier tmb da zu glauben scheint. Eine solche Idee wäre absurd, und konnte auch Niemand daran denken. Denn erstens ist die Zahl solcher Ansgewiesener auf etwa 100 00*> gestiegen, und im Handumdrehen lassen sich nicht 100.000 bisher einem andern Berufe obliegende Menschen in Ackerball treibende Kolonisten verwandeln; zweitens befanden sich unter ihnen zum großen Thei! alte, schwächliche und gebrechliche Leute, welche nur für den Handel, in welchem sie aufgewachsen, sich hätten qnalifiziren können, was bei dem allerersten Anfang der Kolonisation begreiflicher Weise nicht angiilg. Drittens lag dem ganzen Plan dieses großen Hilfswerkes der Gedanke zu Grunde, durch einen tüchtigen Bauernstand, der sich allmälig entwickeln und ausbildeli wird, einen großen Theil der russischen Judenheit dem schrecklichen Elend zu entreißen. Ist niln erst dieser Stand geschaffen und hat er in dein zu bevölkernden Lcmde tiefe Wllrzel gefaßt, so ist die' Anschließung voll tüchtigen Handwerkern an denselben llicht mir berechtigt und zulässig, soilderil geradezll geboten, und auch der Handel tonnte bei dieser allmäligen Entlvickelung nicht allsbleiben, indem diese Elltwickelnlig auch der Entlvickelungsgallg der ganzen Menschheit ist. Aber mm trat etwas Unerwartetes dazwischen. Die neueren schrecklichen Verfolgungen und Ausweismlgeil der Jahre 1890/91 überhäuften sämmtliche europäische Komitees mit den unglücklichen Opfern dieser Verfolgungen, und alle zu dieseln Zwecke gesammelten Gelder reichten llicht alls, um den Allforderungell dieses Emigrationsstronles, der immer mehr und mehr die Gestalt einer Völkerwanderung annahm, gerecht zll werdell. In ihrer Verzlveiflung waildten sich genallllte Komitees an ben Baron Hirsch, ihnen in ihren! Hilfswerk beizustehen und einen Theil dieser nnglücklicherl Opfer in den argentinischen Kolonien anfzunehlnen. Die Antwort lautete: Man solle die tüchtigsten unb kräftigsten unter ihnen, die für den Ackerbau sich eignen würden, anssnchen und auf Kosten des Barons Hirsch nach Argentinien senden. Statt aber eine vorsichtige Wahl zu treffen, hatte man nichts Eiligeres zu thlln, als Alle, wie sie waren, nach Argentinien zu transportiren. Mall mochte wohl dabei gar llicht gedacht haben, daß hierdurch nicht blos dem Baron Hirsch, sondern daß die Komitees zum Theil auch sich selbst großen Schaden zllgefügt haben, indem ein großer Theil dieser Arbeitsunfähigen nach vielen Jrrsalen nach Rußland auf demselben Wege, wie sie gekommen, zurückkehrte und die Hilfe derselben Koulitees nochmals in Anspruch nahm. Weit größer war der moralische Schaden, der hierdurch dem gesammten Jndenthlnn zngefügt worden ist. Dies wurde auch nicht besser, als die Jewish Kolonisation Association einige jüdische Gemeinden Rußlands ansforderte, unter Denen, die nach Argentinien allszuwandern beabsichtigen, eine Auswahl zn treffen und die Tüchtigen und Arbeitsfähigen derselben namhaft zu machen, da viele Gemeinden, die einige ihnen lästige Mitglieder los werden wollten, trachteten, dieselben so schnell wie möglich nach Argentinien zu transportiren. Bei solchen traurigen Vorgängen kann man nicht genug den Muth dieses seltenen Philanthropen bewundern, der sich von alldem nicht irre machen ließ und fein in der Geschichte des Judenthums beispielloses Hilfswerk unentwegt lueiteu fortsetzte. Bekanntlich ist ja das Zufriedensein eine Kunst, die vielleicht nur Wenige verstehen, mld ist es daher selbstverständlich, daß es der Unzufriedenen in Menge giebt. Als nun die obgenannten „Auserwählten" in Argentinien anlangten unb von den Beglückungen und ben Reichthümern, die man ihnen in Europa wohl vorgespiegell haben mochte, nichts zu finbeit war. vielmehr für die erste Zeit ein hartes kampfvolles Leben an sie herantrat, waren dieselben selbstverständlich sehr unzufrieden, und es fehlte nicht an manchen unliebsamen Auftritten. Dein guten Dr. Löwenthal, der die Kolonisationsangelegenheit in Argentinien zuerst leitete, wurden die schrecklichsten Beschuldigungen in die Schuhe geschoben, die alle bei einer nähern Untersuchung als niederträchtige Verlenuldungen sich herausstellteu. Der Oberst Goldsmilh willigte nur auf ein Jahr ein, nach Argentinien zu gehen. Die Ursache, daß er nicht länger dort blieb, ist nur in persölllichen Tlsserenzen. lvelche allmählich zwischen ihln imb dem Baron Hirsch entstanden, zu suchen. Während dieser Vorgänge befand ich mich gerade in Paris, und es erging cm nlich damals die Anffordernllg: ich möge doch meine Erfahrungen unb meine, in Bezug auf die Kolonisation gewonnenen Ansichten mittheilen. Wie ich mich noch erinnere, ällßerte ich mich damals über diesen Gegenstalld folgendermaßen: Bei allen großen Ullternehmuilgell dieses unschätzbaren Hilfswertes ist während der ganzen Zeit das Erziehungsnlolllent, welches sich durchaus geltend macht, wenig berücksichtigt worden. Ter größte Theil der in Argelltillien Anlangeilden sind keine Ackerbau treibeilden Leute; sie sollen es aber durch ihre Fähigkeiten unb sonstige Beanlagungen erst lverden, mit anberen 2jßorten: sie sollen den Ackerball erst (erneu, sie sollen hierzu erst erzogen werden. Ist es aber schon an und für sich eine sehr schwierige und verantloortuugsvolle Aufgabe, junge Kinder zu erziehen, wie furchtbar schwierig muß diese Erziehung erst bei alten Kindern sein. Will man daher auf einigen Erfolg rechnell, so muß unter den Leuten eine sehr sorgfältige Wahl stattfinden, ja man kann in dieser Beziehung nicht vorsichtig genug sein. Von allen Inden Rußlallds zeichnen sich aber diejenigen alls dem änßerstell Südeil mit vortheilhaftesten ans. Herr White, Abgeordneter des ellgäschell Parlaments, der mit der speziellen Seildung des Baron Hirsch llach Rußland ging, um dort an Ort und Stelle die Verhältnisse und Zuställde der rllssischen Juden zu ftubiren,

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