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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-02-01 · Heft 5 (1.2.1895) · p. Seite 52

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 5 (1.2.1895)
Date
1895-02-01
Page
Seite 52 (sequence 4)
Language
German
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52 gemacht wurde, ein Kall, der sich während der ganzen kimilje -'-O jährigen Regierung des Kaisers Franz Josef J. nur noch zwei Mal ereignete, so wird man eine andere Version, wonach Rothschild jede politisch erpouireude Stellung, somit auch die Pairswiirde, abgelehnt, für wahrscheinlicher halten. Briefe aus Paris. Paris, im Jamlar. ie wie „ein Douuerichlag bei heiterm Himmel" plötzlich hier zu valide ausgebrocheue Ltrisis, welche die Demission des Präsidenten (Hiiimir Perier entfesselte mit) die Ernennung seines Nachfolgers, des Herrn Felix Faure, zur Folge hatte, der es nicht unter seiner Würde gefunden hatte, als Marinemimster fein Ledergeschäft weiter zu führen, haben bis zu einem gewissen Punkte die so unheilvolle Affaire des frühern Hauptmauus Alfred Dreyfus in den Hintergrund geschoben. Ich sage „bis zu einem gewissen Punkte", denn am Tage selbst, wo die Wahl des neuen Präsidenten stattfand, wurde im Kongreßsaal zu Versailles ein Zettel angeklebt, in welchem die Sozialisten die Wähler aufforderten, für den Kriegsminister Ojeneial Mercier zu stimmen, weil dieser unter andern Perdiensten dasjenige habe, den „jüdischen Perräther" Dreyfus trotz der mächtigen Einflüsse von Millionären, die die Sache zu unterdrücken suchten, entlarvt, degradirt und deportirt zu haben. Was die Angelegenheit an sich betrifft, so steht es fest, daß selbst nach dem Urtheil des Kriegsgerichts, dessen Integrität übrigens Niemand antastet, ein gewisser Zweifel nicht nur im Geiste der (Glaubensgenossen des ehemaligen Hauptmanns, sondern auch im Gemüth vieler christlichen Klassen schwebt, ein peinlicher Ztveifel, ob denn der Mann wirklich im vollen Sinn des Wortes des scheußlichen Verraths am Vaterland schuldig sei. Niemand kann einen riur halbwegs triftigen Grund ausfindig machen, der diesen reichen und glänzenden Offizier, diesen an Frau, Kindern und Familie innig hängenden Mann zu einem so empörenden Schritt hätte veranlassen können. Man will wohl annehmen, daß Dreyfus Unbesonnenheiten begangen hatte, die für unsere Heerführung in einem gewissen Moment hätten verhängnißvoll werden können, lueshalb auch das Kriegsgericht ihn verurtheilen mußte, aber an eine absichtliche Berrätherei wollen. Viele auch heute noch nicht glauben. Dazu kommt der ungemein schwer ins Gewicht fallende Umstand, daß Dreyfus' Vertheidiger, der allgemein rühmlich bekannte Rechtsanwalt H. Temange, ein echter Biedermann, kein Hehl daraus macht, es sei seine volle Ueberzeugnng, daß sein Klient unschuldig ist, und er hat den Reporter eines der bedeutendsten Pariser Journale ermächtigt, diese seine Aussage zu veröffentlichen. Desto allgemeiner war daher das Bedauern, daß internationale Rücksichten das Kriegsgericht ge- Zlvuugen hatten, seine Sitzungen geheim zu halten. Hätten die Verhandlungen öffentlich stattgefnnden, jo hätte die öffentliche Meinung die Richter selbst gerichtet, die Gereiztheit des Volkes hätte vielleicht einen höhern Grad erreicht, die Gewissen wären aber beschlvichtigt gewesen. Ueberhaupt hatte die Zusammensetzung des Kriegsgerichtes viele Gemüther beunruhigt. Man tadelte mit Recht, daß Untergeordnete des Kriegsminisiers, deren Beförderung wenigstens theilweise in seiner Hand liegt, dazu berufen gewesen waren, ein Urtheil zu fällen, das, wenn es für den Exhauptmaun einen günstigen Ansgang gehabt hätte, eine derartig scharfe Rüge für den Minister und dessen Geueralstabsoberhanpt gewesen wäre, daß diese, die doch weiter nichts! als das Wohl des Vaterlandes beabsichtigten, vielleicht ihr Amt! hatten niederlegen müssen. Gewöhnlich ist bei Verbrechen, die vor ein Kriegsgericht gehören, das Ministerium nicht in Mitleidenschaft; gezogen; es handelt sich darum, einen Soldaten zu verurtheilen, der gestohlen, seinem Vorgesetzten irgend eine Beleidigung zugefügt oder! irgend eine geheim zu haltende Kriegsangelegenheit verrathen hat,! wobei die militärische Behörde kein anderes Interesse als das all-; gemeine Wohl an der Schuldigerklärung des Angeklagten hat. Hier aber hatte die höhere Kriegsbehörde die Sache selbst eingeleitet, einen Stabsoffizier in den Kerker geworfen, nach allen Winden hin dessen Straffälligkeit ausposaunt und alle Brücken hinter sich abgebrochen. War es möglich, daß unter solchen Umständen das Urtheil der Männer, die zu Gericht saßen, wenn auch völlig unbewußt von; den Voraussetzungen ihrer Vorgesetzten, die so der Aussage der Richter Vorgriffen, nicht beeinflußt und getrübt werden mußte? Solches und Aehnliches äußerte man fortwährend selbst nach dem j Urtheilsspruch des Kriegsgerichtes. Aber so verfügte es das Gesetz:! Dreyfus wurde und bleibt verurtheilt; seine Frau, die wie viele; Andere an seine Schuldlosigkeit glaubt, wird ihn nach den Inseln des Heils, in der Nähe des französischen Cayenne, wohin er deportirt werden soll, begleiten. Vor drei Tagen wurde er von hier nach La Röchelte geführt, wo man ihn nach der Insel R(^ eingeschifft ' hat, und woselbst er das Abfahren eines Schiffes nach den „lies i du Salut“ abwartet. In Paris hatte man die ganze Zeit Maßregeln getroffen, damit Dreyfus, während er die Straßen passirte, nicht molestirt würde. In der Provinz aber, wo die Polizei viel ungeschickter ist, kam es bei Dreifus' Ankunft in La Röchelte zu Mißhandlungen, die für die Bevölkerung und die Polizei eine Schande sind. Der frühere Stabskapitän wurde mit Fäusten und Stöcken geschlagen, und die Fensterscheiben des Wagens, der ihn zum Hafen führte, wurden mit großen Steinen eingeworfen. Der Fernstehende, der jedoch wähnen würde, daß diese des Mittelalters würdigen Volksexcesse mehr dem Juden als dem Landes- : verräther galten, und daß die Wuthausbrüche des Pöbels nicht dieselbe Heftigkeit erreicht hätten, wenn der Verräther ein Christ ge-! wesen wäre, würde sich einem Jrrthum hingeben, der mit der! ivirklichen Sachlage im Widerspruch stände. Daß es aber eben so; irrthümlich wäre, anzunehmen, die Affaire Dreifus wäre nicht Wasser > auf die Mühle der Antisemiten und hätte nicht die Bestrebungen! derselben gewissermaßen befördert, dafür wird mein nächster Brief! die Belege bringen. Amitai. Jur Geschichte der Kolonisation der Juden in Argentinien. Von Dr. N. I. Weinstein. ie „Briese aus Rußland" in der „Mg. Zeitung des Judeuthums" Nr. 2 vom 11. Jauuar haben sich gegen die Art und Weise, wie bisher die Kolonisation betrieben wurde, ausgesprochen. Indem Schreiber genannter Briefe vor Allem nicht begreifen kann, wie „die jüdische Fachpresse im Ausland und sogar einige große politische Tageszeitungen, die doch in Kolonisationsangelegenheiten mehr Bescheid wissen sollten, es für möglich halten konnten, in weniger als einem halben Menschenalter nicht nur ein Handel und Gewerbe treibendes Volk in ein Ackerbau treibendes nmzuwandeln, sondern es auch noch in einen fremden Welttheil mit

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