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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-02-01 · Heft 5 (1.2.1895) · p. Seite 51

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 5 (1.2.1895)
Date
1895-02-01
Page
Seite 51 (sequence 3)
Language
German
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51 gedeihen. Und diesen Mann betrachtet unsere Regierung für würdig, die einundeinhalb Millionen österreichischer Inden im Herrenhause zu repräsenücen! ... Sollte es mit den oberen jüdischen Zehntausend in unserm Reiche und in unserer Metropole schon thatsächlich so bestellt sein, daß so mit) nicht anders gewühlt werden mußte?. .. Aber die Gründe dieser Berufung sind wo anders zu suchen. Noch haben wir in Wien brave, von echt jüdischem Wohlthätigkeitssinn durchdrungene, jüdische Bestrebungen fördernde Glaubensgenossen von hoher sozialer Stellung, die, wie es im Grundgesetze über die Ernennung von Herrenhausmitgliedern heißt, „sich um Staat oder Kirche, Kunst oder Wissenschaft Berdienste erworben haben", und die würdige Nachfolger eines Barons Königswarter sein könnten. Allein sie sind keine aktiven Politiker — und die österreichische Regierung hat es stets vorgezogen, ins Herrenhaus nur deutsch-liberale Abgeordnete zu berufen, die zufällig auch Juden waren, denn dadurch erschienen die Deutschen und die — Juden befriedigt. So war der Fall mit dem Baron Simon Winterstein im Jahre 1869, mit Julius von Gomperz im Jahre 1892 und gegenwärtig mit beni Baron Oppenhei mer. Derselbe ist im Jahre 1848 zu Leipzig als Kaufmannssohn geboren, sludirte daselbst und dann in Berlin und widmete sich schließlich der Landwirthschaft. Als anno 1866 Graf Beust seinen sächsischen Ministerpräsidenten - Posten niederlegte und in österreichische Staatsdienste trat, zog auch Oppenheimer mit ihm. In der Besitzung Klein-Skal bei Gablonz (Böhmen), die ihm sein Vater gekauft, ließ er sich nieder, trat im folgenden Jahre als Obniann der Gablonzer Bezirksvertretung ins politische Leben und wurde 1873 vom verfassungstreuen Großgriuidbesitz in den Landtag und Reichstag geschickt. Schon zuvor, im Jahre 1870, publizirte er eine Broschüre „Die österreichische Politik der Zukunft", die ihm den preußischen Kronenorden und den österreichischen Orden der eisernen Krone einbrachte. Auf Grund der Ordensstatnten des letzterer! wurde er sofort in der: Ritter- und 1878 in den Freiherrnstand erhoben. Mit Baron Oppenheimer wird in Oesterreich seit der 1861 angebahnten und 1867 vollständig dnrchgeführten Gleichberechtigung der fünfte Jude ins Herrenhaus berufen. Mit der Schlacht bei Solferino ging das absolute System in die Brüche, Minister Bach wurde entlassen und im Oktober-Diplom (1860) verkündete der Kaiser allen Völkern und Konfessionen ihr neues Heil: Gleichheit und Freiheit. Nur mit Zustimmung des Volkes sollten fortan Gesetze gegeben, Steuern eingehoben, Ausgaben gemacht werden. Das Repräsentativsystenl mit zwei Kammern sollte die Rechte des Voltes ausüben. Auf Grund des Februar-Patentes vom 26. Februar 1861 erfolgten die indirekten Wahlen in den Reichsrath und die Ernennungen für das Herrenhaus, nach Stünden, Nationalitäten und Konfessionen, darunter auch die eines Repräsentanten des Judenthulns. Es war dies Baron Anselm Salomon von Rothschild, der Sohn des Nordbahngrüliders und Vater des gegenwärtigen EhefS des Wiener Hauses. Er repräsentirte den ältesten jüdischen Adel, war sehr reich und hatte durch vielfache Stiftungen und Schenkungen seinen Wohlthätigkeitssinu bewiesen. Nach der endgültigen Regelung der Verfassung berief das liberale Ministerium Auersperg einen zweiten jüdischen Neprüsentauten in das Herrenhaus, den Reichsrathsabgeordneten und Präsidenten der Wiener Handelskammer Simon von Winterstein, einen großen Kaufmann und angesehenen Bürger. Sie blieben Beide zusammen bis zum Jahre 1874, als Baron Rothschild starb. Zwei Wochen darnach wurde Wiutersteiu in den Freiherrnstandl) erhoben und blieb bis 1879 der einzige jüdische Pair, in welchem Jahre Baron Moriz Königswarter vom sogen. Bürger-Ministerium Auersperg II. den Platz eines zweiten silbischen Repräseiltauten zngerviesen erhielt. Hier hat Königswarter bekanntlich aus Anlaß der Berathung über „das Gesetz zur Regelung der äußern Rechtsverhältnisse der israelitischen Religions-Gesellschaften" im Jahre 1889 eine große Rede vom Stapel gelassen und in heftiger Weise die galizische Orthodoxie angegriffen. Eine Rede, die danmts viel Mißstimmung hervorgernsen hat. Da Baron Winterstein scholl im Jahre 1883 ins bessere Jenseits hinüberging, und Minister-Präsident Graf Ta affe sich bei seiner der deutsch-liberalen Partei feindlichen uub mit den antisemitischen Guerilla-Kämpfen kokettirenden Politik llicht entschließen konnte, einen Inden ins Herrenhaus zu berufen^ so erhielt Baron Königswarter erst int Jahre 1892, als Graf Taafse nach 13jährigem Regillle „gegen die Deutschen" die heraufbeschlvorenen antisemitischen Geister wieder bannen und sich der deutsch-liberalen Partei nähern wollte, einen Kollegen in der Person des deutsch-liberalen Abgeordnetell, Präsidentell der Hmtdelskammer und der israelitischen Kllllusgemeillde in Brünn, Julius Ritter voll Gomperz. Das hochosfizielle „Fremdenblatt" bezeichnete damals ausdrücklich Herrn von Gotnperz als zweiten Reprüseutantetl des Jlldenthnms im Herrenhaus. Sie blieben Beide leider nicht lange zusammen. Am 14. November 1893 wurde der lioch in ben bestell Jahren stehende Baron Kölligslvarter vom Tode hinweggerafft, eine Zierde des Judenthums, ein Förderer jüdischer Wissellschaft, eilt treuer Allhänger des angestammten Glaubens, der erste Präsident des Kuratoriulns des hiesigen Rabbinerseminars. Nach eitlem Jahr wird der kurulische Stuhl lvieder besetzt, aber die Lücke bleibt lluallsgefüllt. Ein Manu, der dem Judenthum, bcnt religiösen und geistigen, ganz ferllsteht, der wohl die ihln als „Jildell" verliehenen Würden anninuiit, aber ohne die darall geknüpften Pflichten ztl erfüllen, weil er dieselben gar nicht keitnt, ist nicht zttm Reprüsetttanten des Judenthlllns berufen. Jil diesen trüben Tagen, wo der Liberalismus von seilten eigelten Verfechtern „zurnckgestellt", der Reaktion der Weg geebnet, der buitale Nassellantisemitismus, wie ihn ullser kterikal-fetldales Parteiorgan selbst nennt, in die parlamentarischen Körperschaften getragen nlld die goldene Kalnnter znill Bollwerk der Freiheit nnb Gerechtigkeit wird, da müssen and) die durch die hochherzige Gnade llnd staatsmällilische Weisheit der Krone berufenen jüdischen Repräsentanten auf ihrem Posten sein. Zum Schluß noch Eines. In der jüdischen Bevölkerung ist es schon zttm ztveiten Mal atlfgefatlen, daß der Ehef des Hatrses Rothschild, Baroll Albert, llicht ills Herrenhaus benifen wurde, und Biele wollten sogar darin eilte absichtliche Zttrücksetzung sehen. Wir glauben, mit Unrecht. Weiln man bedenkt, daß Albert Rothschild vor eilligeil Jahren mit seiner Frau unter Nachsicht der bei der strengen österreichischen Hofelikette geforderten Ahnenprobe 9 hoffähig 9 Es ist daher unrichtig, wenn Dr. Aapserlirrg in seinen „Gedenkblättern" (Leipzig 1892) meint, Winterstein sei der erste Jude, der zum lebenslänglichen Mitglied des österreichischen Herrenhauses berufen und in den Freiherrnstand erhoben wurde." Haben ja doch die Familie Rothschild im Jahre 1822 und die Familie Königswarter im Jahre l870 die österreichische Baronie erhalten, lieber das erste jüdische! Herrenhausmitglied vergleiche oben. 9 Die Ahnenprobe besteht in dem Nachweis von acht adeligen Ahnen väterlicherseits und vier mütterlicherseits.

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