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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-02-01 · Heft 5 (1.2.1895) · p. Seite 50

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 5 (1.2.1895)
Date
1895-02-01
Page
Seite 50 (sequence 2)
Language
German
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50 zwar noch nicht groß ist, ober doch selbst schon bestätigt, daß sie alle Handwerke ausüben. Die Thatsache ferner, daß die in Frage kommenden Provinzen, Ostpreußen mit 9,5 Konkursen ans 100,000 Seelen und Posen mit 7,5 Konkursen ans 100,000 Seele», in der Konkursstatistik sehr günstig stehen, wahrend Sachsen z. B. 25,1 Konkurse auf 100,000 Einwohner hat, beweist zum Mindesten, daß auch die russischen Inden in Deutschland im Allgemeine» sich von den unreellen Mitteln des Bankerotts re. fern halten. Ans Rußland besitzen wir leider keine verläßlichen Wahlen ans der Kriminalstatistik, dafür aber ans Oesterreich, und sie beweisen, daß die galizischen Inden nicht schlechter sind als die anderen Juden, wohl aber ebenso wie diese viel günstiger stehen als die Nichtjnden. Während die Inden 4,8 Prozent der österreichischen Bevölkerung bilden, stellen sie nur 8,0 Prozent der Verbrechen, und statt 820 Verbrechen, die rechnungsmäßig auf die galizischen Juden entfallen, haben sie nur 695 begangen. Ja, noch mehr: sie stehen auch i» den Verbrechen, die bei dem Handelsstand vorzugsweise häufig Vorkommen, günstiger als die christlichen Kausleute. Beim Betrug z. B. ist der Handelsstand mit 10,560 Fällen i» dem Jahrzehnt 1882 bis 1891 vertreten, statt mit 2800, dagegen Inden nur mit 4015 statt 1248, d. h. bei den Juden kommen im Verhältnis; nur ca. 80 Prozent so viel Betrngssälle vor als bei der christlichen handeltteibenden Bevölkerung. Und sollen wir noch die uralten Vorzüge der Juden erwähnen, ihren Familiensinn, ihre Achtung vor dem Gesetz und ihre Sittlichkeit, ihren Eifer für das öffentliche Wohl, ihre Intelligenz und ihre Wohlthätigkeit? Wahrlich, wenn man die Thatsachen prüft, wie sie sind, nicht, >vie sie geschwätzige Feindschaft hinstellt, muß man zu dem Schluß kommen: Das Vornrtheil gegen die russischen oder polnischen Inden ist ebenso unberechtigt, wie das Märchen von ihrer massenhaften Einwanderung unwahr ist. Wir fürchten nicht die Annahme jener konservativen Anträge; schon die Handelsverträge würden derartige Tinge nutzlos machen, aber wir besorgen, daß sich Unkundige unter uns selbst finden möchten, die, vom Vornrtheil gegen die russischen Glaubensgenoffen befangen, nicht sehen möchten, daß jener Antrag sich gegen uns selbst wendet, daß er nur der Anfang ist, um das Prinzip der Gleichberechtigung zu dnrchlöchern, und diese möchte» wir darauf Hinweisen, erst die Verhältnisse zu prüfen, wie sie sind; sie werden dann die Vornrtheile gegen die ausländische» Juden fallen lassen, da eine Masseneinwanderung so wenig zu befürchten ist, wie sie jemals stattgefunden hat, und sie werden sich dann zu gemeinsamer Abwehr mit uns vereinigen. Principiis obsta! Me Mache. Berlin, 29. Januar, uf dem Wege zum Hasse gegen das Kapital macht der Antisemitismus stramme Fortschritte. „Freideutschland" veröffentlichte am 11. Januar „Gedankensplitter", deren unendliche Weisheitssülle den Urheber wohl verräth. Darin wird u. A. die unglaubliche Entdeckung gemacht: „Nicht jeder Reiche ist ein Spitzbube, und nicht jeder Arme ist ein Ehrenmann; Ausnahmen fiitben statt, doch bestätigen sie nur die Regel." Neben diesem Gemeinplatz finden sich gut sozialistische Ideen, z. B.: Durch ehrliche eigenhändige Arbeit ist höchst selten ein Mensch Millionär geworden. Die meisten, die es in einem Menschenalter bis zum Millionär gebracht, haben mehr oder weniger das Zuchthaus mit dem Aermel gestreift. . . . . . . Soviel steht fest: Jeder einfache Millionär hat mindestens tausend Einwohner an den Bettelstab gebracht. Warum predigen sie aber nur gegen die jüdischen Millionäre, wenn man behauptet, daß jeder Millionär tausend Einwohner ruinixt hat? Ist das ehrlich? & Während die Antisemiten den Boykott auf das Schärfste verurtheilen. betreiben sie ihn selbst gegen die Juden in unerhörter Weise. In der Sitzung des Niederösterreichischen Landtages vom 22. Januar erzählte der Statthalter von der antisemitischen Agitation in Spitz a. Donau: „Es habe sich dort unter Führung des Pfarrers und des ersten Gemeinderathes eine Vereinigung gebildet, welche gegen die Israeliten in der Weise auftritt, daß der Bezirkshauptmannschaft im Frühjahr die Anzeige gemacht worden ist, diese Agitation könnte möglicherweise die Sicherheit und das Eigenthum der Person gefährden. Die Bezirkshauptmannschaft habe sich daher veranlaßt gesehen, diesbezügliche Erhebungen zu pflegen und der Gemeindevorstehung zu bedeuten, daß sie gewärtige, daß Angriffe gegen die Betreffenden nicht Vorkommen werden. Solche Angriffe seien auch thatsächlich nicht vorgekommen. Es habe sich eine ganze Reihe von Bürgern von Spitz durch Unterschrift und Ehrenwort verpflichtet, bei den jüdischen Geschäftsleuten im Orte keinerlei Einkäufe zu besorgen und es heiße auch in dem Uebereinkommen, daß sie sich im Uebrigen Anfeindungen der Israeliten enthalten wollen." * Alls Rußlalld tominen in dieser Woche weniger zuversichtliche Nachrichten. So schreibt mau dem B. T. aus Petersburg: Absolut falsch ist die Ansicht, daß Pobjedonoszew unter dem neuen Regime keinen Einfluß mehr besitze. Nur in den ersten Tagen desselben trat Pobjedonoszew recht stark in den Hintergrund, seitdem aber ist es ihm gelungen, seine Stellung wieder zu befestigen und seinem Wort großes Gewicht zu verschaffen. Was speziell die Judenfrage anbetrifft, so sind damit die Hoffnungen auf eine Aenderung der bestehenden Verhältnisse in weite Ferne gerückt. Es ist richtig, daß der Prinz von Wales bei seinem hiesigen Aufenthalt sich für die Lösung dieser Frage in liberalem Sinne auf das Lebhafteste interessirte, und daß der Prinz Grund zu der Annahme zu haben glaubte, daß seine Ansichten sympathische Aufnahme gefunden haben, aber die Gegenpartei scheint doch stärker gewesen zu sein. Selbst die Mehrzahl derjenigen Staatsmänner, denen liberale Neigungen nachgesagt werden, hält heute eine Lösung der Judenfrage für verfrüht. Erst müsse das russische Volk selbst auf eine höhere Stufe der Bildung gebracht werden, erst müsse der obligatorische Volksunterricht eingeführt werden, rlnd dann, wenn ein Menschenalter darüber hingegangen sei, könne Ulan erst daran denken, dem russischen Juden größere Bewegungsfreiheit zu geben. Me jüdischen Pairs in Oesterreich. Von Dr. S. R. Landa» in Wien. fie Koalitions-Regierung Hut uns eine Ueberraschnng bescheert. An Stelle des vor einem Jahre verstorbenen Baron Moriz Königswarter wurde neben Julius Ritter von Gomperz als zweiter Repräsentant des Judenthnins im Herrenhanse der Reichsrathsabgeordnete Ludwig John Freiherr von Oppenheimer berufen. Fürwahr, eine Ueberraschnng! Nicht nur jenseits der schwarz-gelben Pfähle, sondern auch im Jnlande, selbst in Wien ist es kaum den Wenigsten bekannt, daß der Großgrundbesitzer von Klein-Skal überhaupt ein Jude ist. Nie hat er während seiner 22 jährigen Anwesenheit im Reichsrath in einer jüdischen Sache das Wort ergriffen, keine jüdische Institution zählt ihn zu ihren Förderern, keinem jüdischen Unternehmen ließ er jemals seine Unterstützung an.

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