Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 4 (25.1.1895)
- Date
- 1895-01-25
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
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4 die Frage der Verbesserung der Mannschaftskost angeregt und immer wieder in Erinnerung gebracht. Auch durch einige politische Schriften hat sich sHerr^v.HOppenheimer hervorgethan, insbesondere durch die Broschüre „Austriaca“ während der Aera Taaffe. Freiherr v. Oppenheimer wird sich der Verfassungspartei des Herrenhauses anschließen — Hier ist im Alter non 46 Jahren der Mitredakteur des „N. W Tagblatt", der tüchtige Schriftsteller Herrmann Fürst gestorben. Erst vor Kurzem erschien ein Buch von ihm: „Neue Ideale". n. Budapest, 18. Januar. Am Rüsttage zum Sabbath Bereschit verschied in Görbö (Tolnaer Comitat) der dortige hochgelehrte und allgemein beliebte Bezirksrabbiner Abraham Karpeles nach 42jähriger rabbinischer Wirksamkeit im Alter von 64 Jahren Mil Abraham Karpeles ist eine Zierde des ungarischen Nabbinerstandes dahingegangen, ein Stern erster Gröste am Himmel der Thora-Gelehrsamkeit erloschen. 1828 als Sohn des Rabbiners Lazar Karpeles zu Eiwanowitz (Mähren) geboren, frequentirte er lange Jahre die Preßburger Jeschiba und hatte er das Glück, einer der ersten Schüler derselben zu sein. — 1852 vom Rabbinats-Bezirke Görbö zum Rabbiner gewählt, versah er dieses Amt bis an sein Lebensende in segensreicher Weise, kein anderes Ziel kennend, als sich in der Thora zu vervollkommnen, sie zu fördern und zu verbreiten und die ihm unterstehenden Gemeinden im Sinne der wahren Frömmigkeit zu leiten. Sein edles Streben fand die verdiente Anerkennung. von weit und breit wandte man sich in religiösen Fragen an ii)u, und sein Guta '. ten, kurz und bündig, voll Scharfsinn und Gelehrsamkeit, wurde zur Richtschnur genommen Auch allgemeines Wissen hatte sich der Verstorbene, dessen Leben eine Kette von Mühsal und schweren Leiden mar, selbstständig erworben Ebenso groß wie seine Gelehrsamkeit, war auch seine Bescheidenheit, Wohlthätigkeit und Menschenfreundlichkeit. Ter Tahingeschiedene war der Bruder des durch seine Predigtsammlungen rühmlichst bekannten Rabbiner Elias Karpeles s. A. in Wien und der Onkel des Redakteurs dieses geschätzten Blattes. Möge sein edles Beispiel uns begeistern, in seinem Sinne zu wirken und zu schaffen, das; sich au ihm bewähre: Tas Andenken des Frommen wirkt heil- und segenbringend für Mit- und Nachwelt. (Auch wir weihen dem theuren Tahingeschiedenen, der Gottesfurcht und Menschenliebe, Frömmigkeit und Duldung so schön zu vereinen wußte, ein dankbares Gedächtniß. Er war einer der Letzten ans einer großen Zeit; sein Andenken wird stets in Ehren bleiben. Die Red.) Portugal. g. Lissabon, 17. Januar. Nach den neuesten statistischen Aufnahmen finde: sich in ganz Portugal 260 jüdische Seelen, von denen noch über die Hälfte Ausländer sind. Die Verfassung des Reiches gewährt den jüdischen 2 iirgerii sämmtliche Rechte, nur von dem Militärdienst sind sie airsgeschlossen, weil die portugiesische Regierung nur katholische lliitertbanen zum Militärdienst znlüß:. In letzter Zeit finb über die Schacht frage in portugiesischen Blättern eine Reihe von Artileln veröffentlicht wordeii, die offen ihr Erstaunen darüber, wie es möglich gewesen sei, daß in der freien Schweiz ein solches Verbot Einklang finden koinite, zum Ausdruck brachten lind zugleich betheuerten, daß es in dem katholischen Staate Portugal feinem Gebildeten einfallen würde, je gegen diese „religiöse Vorschrift der Hebräer" Propaganda zu inachen. Aon Nah und Fern. — Die Rechtsanwälte und Notare Dr. Hey mann und Basch in Berlin sind zu Jnstizrätheii ernannt worden. — In 54önigsberg i. Pr. ist Tr L. Pick, bisher in Pyritz, Zum zweiten Prediger und Religionslehrer gelvählt worden. Wir gratuliren der Gemeinde zu dieser vortrefflichen Wahl. — Um 14. Januar fand in Beut Heu D. r->. eine Berband^versammlnng der Rabbiner Ob er schl esiens statt, in welcher über mehrere wichtige Angelegenheiten beralhen und Beschluß gefaßt wurde. — Eine vom deutschsozialen Reformverein in Aschersleben berufene Versammlung, in der Dr. Böckel über die Umsturzvorlage sprach, wurde alsbald nach Beginn der Webe Böckels polizeilich aufgelöst, da der überwachende Polizeibeamte in abfälligen Aeusierungen Böckels über Offiziersheirathen eine Beleidigung des Offizierstandes erblickte. — In Erfurt ist jüngst ein Verein zur Bekämpfung der Unsittlichkeit gegründet worden, der Juden ausschloß. Rabbiner Dr. Salzb erg er hat mit anerkennenswerthem Freimuth in dortigen Blättern gegen diesen Ausschluß seiner Glaubensgenossen Front gemacht. Nachdrücklich betont er in einem sehr gediegenen und sachgemäßen Artikel der „Thür. Ztg." (6. Jan.) daß im „Fundament aller Moral zwischen Ehristenthum und Judenthum die vollkonunenste, wir können beinahe sagen, die wörtlichste Uebereinstimmung herrscht." — Die Antisemiten in Eschwege haben für die Reichstags-Ersatzwahl (an Stelle des verurtheilten Leuß) den Pfarrer Jskraut als Kandidaten aufgestellt. — In voriger Woche sprach in den Litleraturvereinen zu Bochum, Elberfeld, Witten, Dortmund und Hörde Herr Rabbiner Dr. Vogelstein aus Stettin in zahlreich besuchten Versammlungen mit außerordentlichem Erfolge. — Eine von zahlreichen Angehörigen der israelitischen Gemeinde Düsseldorf au die Regierung gerichtete Petition bittet um die Errichtung einer jüdischen Elementarschule. Eine solche Schule bestand schon in früheren Jahren daselbst. Als dieselbe wegen zu geringer Frequenz einging, verblieb ein Fonds, welcher bestimmt sein soll, für eine später wieder notwendig werdende jüdische Elementarschule Verwendung zu finden. — Das in Coblenz erscheinende Antisemitenblatt leistete sich vor einiger Zeit das harmlose Vergnügen, einige angesehene Mitglieder der jüdischen Gemeinde in Mayen durch eine Schmähschrift, betitelt: Dasauserwählte Volk in Mayen", zu verläumden und zu beschimpfen. Die Beleidigten beschritten nun den Weg der Klage, und der betreffende Redakteur wurde in allen Instanzen verurtheilt, so daß der Spaß ihm die Summe von 288.60 Mark kostet. — Das Schöffengericht in Wiesbaden verurtheilte den Kaufmann Benedikt Strauß wegen Beleidigung des Abgeordneten Liebermann v. Sonnenberg zu 50 Mark Geldstrafe. — In Heidelberg ist am 60. v. M. eine Friedrich-Loge des Benai- Berith-Ordens konstituirt worden. Auch in Mannheim soll demnächst eine Loge begründet werden. — Der Sultan hat dem Reichsraths- Abgeordneten Dr. Arnold Napaport Edlen von Porada in Wien den Großeordon des Medschidie-Ordens verliehen. — Das Begräbniß des Rabbiners PH. Plaut in Nagy-Surany in Ungarn hatte noch ein eigenthümliches Nachspiel. Fünfzig Trauergäste verrichteten im Wartesaale der Station Totmegyer ein Abendgebet mit einem Vorbeter wie in Tempel laut singend. Der Stationschef verbar sich dies, und als sie weiter beteten, ließ er sie durch zwanzig Arbeiter auseinderjagen, wobei es zu einer tüchtigen Keilerei kam. Sowohl die Betenden als auch der Stationschef erstatteten die Anzeige. — Dem Veteranen der dortigen israelitischen Lehrer, W. Baß, welchem zum 50jährigen Jubiläum das silberne Verdienst-Kreuz mit der Krone verliehen wurde, haben die Gemeinde, der Lehrkörper und die Schuljugend in Baja eine würdige Begräbnißfeier am 16. d. veranstaltet. — Es ist interessant, daß das judenfeindliche Rumänien in allen seinen Unterrichtsanstalten als Lehrbuch für die rumänische Sprache eine Grammatik gebraucht, deren Autor Dr. Tiktin, ein bekannter rumänischer Philologe, ein Sohn des Landesrabbiuers Tiktin aus Breslau ist. Man hätte gern eine andere gewählt, es ist aber heute noch keine brauchbare da! — Ueber die jüdischen Soldaten in der französischen Armee erfahren wir folgende statistische Notizen: Außer den beiden jüngst ernannten Brigade- Generälen, Aron und Wolf, giebt es noch 6 aktive Generäle jüdischen Glaubens: L. See, Aime Lambert, Bernh. Abraham, Justin Brisae, Hinstin. E. A. Levy, ferner 9 Obersten, 9 Oberstlieutenants, 12 Bataillonschefs der Infanterie, 21 beim Jngenieurkorps, 9 in der Kavallerie und 4 in der Artillerie, 90 Hauptleute, 89 Premierlieutenants und 104 Sekondelieutenanrs. — Dieser Tage wurden zwei neue Logen des Ordens B'nai B'rith" instituirt, eine in Smyrna und eine in der Türkei. — In Chicago hat jüngst eine christliche Dame Mir anda Lux 5000 Dollars der israelitischen Kinderbewahranstalt und je 1000 Dollars den übrigen israelitischen Wohlthätigkeitsanstalten von Chicago geschenkt. Eine andere Dame mit dem merkwürdigen Namen Laura Season Sood (gleichfalls Christin) vermachte dem israelitischen Altersversorguugshaus in Eincinnati, dem israelitischen Hospital, dem Rabbiner-Seminar, der israelitischen Kinderbewahranstalt und anderen israelitischen Wohlthätigkeitsinstituten Beträge zwischen 6000 und 8000 Dollars und überdies ein stattliches Haus zur Gründung eines Spitales für israelitische Kinder; die Gesammtschenkung wird mit 40,000 Dollars bewerthet. Druck und Verlag von Rudolf Masse in Berlin. Verantwortlich fiir die RcdoGvu: Mar Bauchwih in Berlin.