Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 4 (25.1.1895)
- Date
- 1895-01-25
- Page
- [Seite] (sequence 17)
- Language
- German
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Mtsoetlen. Prof. Tr. Lazarus hat der „Deborah" für ihre Festnummer folgende Aphorismen gewidmet: Freiheit des Bekenntnisses, einmal von Menschen gedacht, kann denkenden Menschen nicht wieder entschwinden. Gewiß hat jede Religion ihre Mängel; keine ist absolut vollkommen, keine so, daß alle denkenden Menschen ihre absolute Vollkommenheit einsähen, denn sonst hätten wir längst einen Hirten und eine Heerde; aber es kommt allemal nur den Angehörigen einer Religion zu, daß sie Selbstkritik vollziehen. Es ist eine Anmaßung, in die Religion eines Anderen hineinzureden, zu meinen, die Verständigen, die Nachdenkenden würden ihre kritischen Punkte nicht finden. Also überlassen wir jede Religion sich selbst. Die Wissenschaft allein übt eine unbefangene Kritik über alle Dinge, welche dem menschlichen Denken unterworfen sind, auch über die Religion. Die Wissenschaft allein kennt keine Schranken für ihre Aufgaben. Dafür bleibt sie eben in den Grenzen der Wissenschaft. Individuen und Epochen unterscheiden sich nicht blos durch die Dogmen, sondern ebenso sehr durch den Grad und die Tiefe der Religiösität. Die Religiösität eines Andersgläubigen können wir anerkennen, ja, bewundern, ohne daß wir auf den Inhalt seines Glaubens achten. Ja wir können durch Vorbild und Lehre die Glaubensinnigkeit eines Andersgläubigen erwecken oder empfangen. Denn — in allen Religionen ist die Religiösität selbst das Letzte und Tiefste und das Höchste im Menschenthum überhaupt. Alle Idealität gipfelt in der Religiösität. Alle Ideen stehen in ihrem Dienst. Sie verleiht Allen die höchste Weihe. Unter Religion aber verstehe ich nicht blos das Dogma, das Bekenntniß und die Satzung, sondern die Religiösität selbst ist jene allgemein-menschliche Erhebung und Läuterung, jenes Aufsteigen vom Kleinen zum Großen, vom Alltäglichen zum Erhabenen, vom Zeitlichen zum Ewigen. Der Materialismus des Dogmas und das Dogma des Materialismus wachsen auf einem Baume; und es ist kein Baum des Lebens und kein Baum der Erkenntniß. Mit dem überzeugungslosen Uebertritt von einer Religion in die andere wird ein ethisches Moment geschädigt, dessen die Nation nicht entrathen kann. Und wenn das Leben zur Wüste würde, — auch in der Wüste hat Gott sich offenbart. Prof. Dr. M. Lazarus. * £>. v. S ybel über Eduard Lasker. Ein nicht geringer Vorzug des Sybelschen Werkes: „Die Begründung des deutschen Reiches durch Wilhelm I " besteht bekanntlich in der betreffenden Charakteristik hervorragender Persönlichkeiten. Sybel giebt einen kurzen Ueberblick über die Debatten bei Berathung des Strafgesetzbuches. Unter den wirksamsten Vertretern ragte, wie bei den sich später anschließenden Reformgesetzen unseres Gerichtswesens, Lasker hervor, der sich hier auf seinem eigensten Gebiete bewegte und alle Seiten seiner reichen Natur zu voller Entfaltung brachte. Er war ein Jurist von seltenem Scharfsinn und Fleiß, ein philosophisch gebildeter Idealist, ein von Humanität erfüllter Enthusiast. Vollkommen richtig hat einer seiner vertrautesten Freunde den Grund seines Wesens dahin bezeichnet, daß er ein Mann des Rechts und der Gerechtigkeit war. Sein gesammtes Wirken entsprang aus dem Gedanken, jedem Nebenmenschen Rechtsschutz gegen Willkür und Jrrthum, jedem unschuldig Angeklagten die gebührende Vertheidigung und Freisprechung, jeder Minorität den Anspruch auf gerechte Behandlung zu sichern. So strebte er nicht blos, das Recht zur Grundlage des Staats, sondern auch den Richter zur überall entscheidenden Instanz im Staate zu machen; auch Bamberger erkennt es an, daß zu der Erhaltung der von Lasker dem Richter zugedachten Pflichten ideale Menschen nöthig gewesen wären, wie sie in Laskers Geiste, aber nicht in der Wirklichkeit lebten. Auch wird sich nicht läugnen lassen, daß ihm bei seinem Eifer, den unschuldig Beklagten zu decken, die gleich wichtige Pflicht, den schuldigen Verbrecher möglichst sicher zu treffen, um die rechtschaffenen Bürger in Person und Eigenthum zu schützen, nicht mit gleich warmem Interesse erfüllt hat. Er war eben Individualist in extremer Weise, er verachtete keineswegs die Erhaltung der bürgerlichen Ordnung, aber näher lag ihm doch die persönliche Freiheit am Herzen, ohne deren Beschränkung der Schutz der Ordnung nicht denkbar ist. In der Verfolgung dieser Ideale ging sein ganzer Ehrgeiz auf; nach äußeren: Glanze und Genüssen hat er nie gestrebt. Wie es bei allen unbedingten Idealisten geschieht, rechnete er stets mehr auf die Einsicht als auf die Leidenschaften der Menschen und verdunkelte sich in seinem Enthusiasmus die für den Staatsmann entscheidende Gabe, die Dinge und die Menschen so zu sehen, wie sie sind, und danach zu handeln. Immer ist aber schließlich zu sagen, daß seine Schwächen untrennbar mit seiner Stärke Zusammenhängen, mit dem sittlich reinen und edlen Kern seiner Natur. * fg. Eine alte Bibel. Zu Toulouse, im Archiv des Departements Haute Garonne ist eine wichtige Entdeckung gemacht worden: ein Blatt einer Bibel aus dem IX. Jahrhundert in westgolhischer Schrift. Mail hält die Schrift für eine bis jetzt unbekannte lateinische Übersetzung, höchstwahrscheinlich die erste, die in Europa nach der Vulgata angefertigt wurde und die mit Wahrscheinlichkeit dem Hieronymus zugeschrieben werden kann. 4 — Famos! Die jüdische „Pester allg. Zeitung" erzählt folgendes spaßige Geschichtchen: Bei einer reichen, aufgeklärten jüdischen Familie der ungarischen Hauptstadt wurde, wie alljährlich auch diesmal der Weihnachtsbaum angezündet. Die ganze Familie saß um die Festtafel, alle hatte das Christkindl bereits beschenkt, nur der Bräutigam der! ältesten Tochter fehlte noch. (In einigen Tagen sollte die Hochzeit sein.) Endlich kam er. Freudestrahlend führte die Schwiegermama den Auserkorenen ihrer Tochter zum Weihnachtsbaum, wo die Geschenke lagen. Er hob die Hülle empor, und unter derselben lag ein kostbarer Siddur. War das nicht genial erdacht? * l'g. Der bekannte Humorist Wolf Meier war außerordentlicher Lehrer des Hebräischen an der Josefstädter Hauptschule zu Prag. Einer seiner Kollegen daselbst, der ebenfalls nur als Gehilfe angestellt war, wurde zum ordentlichen Lehrer ernannt, was er am allerwenigsten seinen Kenntnissen verdankte, und konnte in der Freude seines Herzens nicht umhin, es Wolf Meier gleich beim ersten Zusammentreffen zu verkünden. „Was wollen Sie?" entgegnete ihm dieser. „Was nützen! Titulaturen? Ich bin nichts Außerordentliches, Sie find nichts! Ordentliches." i kg. Sllphir und Rothschild. Saphir gerieth einst in Frankfurt j am Main, wie aller Orten, in die Klemme und bat einen Freund, der! mit Rothschild bekannt war, den baronisirenden Bankier für ihn um! ein Darlehen anzugehen. Der Freund trug Herrn von Rothschild die! Sache vor. „Wie viel braucht er?" fragte dieser. „Fünfhundert j Thaler!" brachte der Andere zaghaft heraus. „Er soll zu mir kommen, i und wenn er einen Witz macht, soll er sie haben!" versprach der alte j Anselm oder „Anschel", wie Heinrich Heine ihn nennt. Der Freund benachrichtigt den Witzling. „Wenn er weiter nichts will als einen Witz ..." sagte SaMr und ging. — Sobald er in Rothschilds Zimmer getreten und seinen Namen genannt hatte, kan: ihm der alte Herr freundlich entgegen: „Ach, ich weiß, Herr Saphir, Sie kommen um das Geld."! „Nein, Herr Baron, Sie kommen darum!" versetzte der Schcilk! ohne Besinnen. „Sollend haben, sollen's haben!" rief der reiche Mann! und öffnete lachend sein Pult. * — Die Nr. 3 der „Mittheilungen aus dem Verein zur Abwehr des Antisemitismus" (Expedition Magdeburgerstaße 13, Zeitungsliste 4173) hat folgenden Inhalt: Antisemitische Führer: 1. Ahlwardt, II. Oswald Zimmermann. — Zur Abwehr. — Aus dein antisemitischen Lager. — Vermischtes. — Briefkasten. --- Zum Besten des Stipendienfonds der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judenthums wird Herr Rabbiner Dr. Weiße am 28. Januar, Abends 71/2 Uhr, im Saale des geselligen Vereins der Gesellschaft der Freunde einen Vortrag über Judenthum! und Hellenismus halten.