Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 4 (25.1.1895)
- Date
- 1895-01-25
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
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59. Jahrgang. Ar. 4. ßcrlin, 25. Saituar 1895 Werkcrge zur „Mkbge meinen Zeitung öes IuöentHuins". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. LQ Berlin, 21. Januar. Bei dem Krönungs- und Ordensfeste haben die Herren Justizrath Fuld in Frankfurt a M. und Regierungsrath Dr. Paul Meyer in Köln den Rothen Adlerorden 4. Klasse erhalten. Auf eine Anregung des jetzigen Ministers des Innern dürste wohl zurückzuführen sein, daß der Präsident der Handelskammer und Präsident des israelitischen Konsistoriums für den Bezirk Lothringen, Bankier Isaak Mayer in Metz, und der Oberrabbiner Weil zu Straßburg i. E. dekorirt worden sind, und zwar Beide ebenfalls mit dem Rothen Adler-Orden 4. Klasse. Berlin, 22. Januar. Zum Besten des Sripendienfonds der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judenthums hielt gestern Herr Dr. Richard M. Meyer, Privatdozent der hiesigen Universität, den dritten der öffentlichen Borträge über „Seher und Propheten". Da auch dieser Vortrag voraussichtlich in unserm Blatte zum Abdruck gelangen wird, so erscheint eine kurze Inhaltsangabe, die doch nur ein unvollkommenes Bild geben würde, für heute unnöthig Im Verein für jüdische Geschichte und Litteratur sprach gestern Abend Herr Rabbiner Dr. L. Rosenthal aus Rogasen über „Haggada und Geschichtsforschung" in sehr interessanter und eingehender Weise. Der Vortragende beleuchtete an verschiedenen Stellen der Mechilta des Talmud und des Midrasch, wie die Haggada bei tiefer gehendem Studium für die Geschichtsforschung zu verwerthen sei. Seine Ausführungen erregten die lebhafteste Theilnahme des zahlreich versammelten Auditoriums. An den Vortrag schloß sich eine interessante Debatte, in der namentlich die Fragen der älteren jüdischen Geschichtslitteratur und der Quellen des Josephus zur Erörterung gelangten. Der Vorsitzende und die Herren Dr. H. Hildesheimer und W. Bambus gaben dann ausführliche Mittheilungen über die neu zu gründende Lesehalle und Bibliothek und forderten die anwesenden Mitglieder zum Beitritt sowie zu Bücherspenden auf. /V Berlin, 23. Januar. Am 1. Februar, Mittags um 12 Uhr, wird die neu begründete „jüdische Lesehalle" und Bibliothek zu Berlin in der Burgstraße!6 (Cassels Hotel) eröffnet werden. Sie ist Jedermann zugänglich. Außer einem reichen Vorrathe an Büchern, die allen Richtungen der jüdischen Litteratur angehören, enthält sie in annähernder Vollständigkeit alle irgendwie bedeutenden israelitischen Zeitschriften. Ihre Besucher finden zugleich in Cassels Hotel efneu kräftigen Mittagstisch zu besonders wohlfeilen Bedingungen. Berlin, 22. Januar. In der Auswanderung der Juden aus Rußland, die übrigens schon in den beiden letzten Jahren sehr abgenommen hatte, ist in den letzten Wochen eine weitere bemerkenswerthe Abnahme eingetreten. Während früher den Ceutralauswandererbahnhof in Ruhleben täglich Hunderte von Vertriebenen aus Rußland passirten, treffen dort jetzt höchstens 10 bis 20 Personen aus dem Zarenreiche täglich ein, um über Hamburg oder Bremen weiterzureisen. Dies Nachlassen der Auswanderungslust in Rußland wird auf die erhoffte Besserung der Zustände seit dem Regierungsantritt des jungen Zaren zurückgeführt. Durch diese Nachricht gewinnt der konservativ-antisemitische Antrag aus ein Verbot der Einwanderung ausländischer Juden, namentlich aus dem Osten, eine eigenthümliche Beleuchtung. fg. Berlin, 21. Januar. Am 15. d. fand in den Dräselschen Festsälen das 4. Stiftungsfest des Humanitäts-Vereins Linath hazedek, welches mit Konzert, Ball und Bannerweihe verbunden war, statt. Programmgemäß wurde das Fest durch ein Konzert eröffnet, dem sich alsdann der Tanz anjchloß. Um 10 Uhr fand die feierliche Weihe des Banners statt. Rabbiner Dr. Grünfeld hielt die Weiherede, in welcher er das Barmer des Vereins, auf welches die Mitglieder „Wohlthun und Gerechtigkeit" geschrieben hatten, der Fahne des Judenthums verglich. die seit Jahrtausenden dieselben heiligen Worte auf ihre Fahne geschrieben hätten. Hierauf folgte nach einer vorzüglich an die Frauen gerichteten Ansprache von Frau Kunz (Gattin des Vorsitzenden) die feierliche Ueberreichung des Bannerbaudes, worauf sich ein dreimaliger Umzug mit dem Banner unter klangvoller Musikbegleitung anschloß. Ueberall, wo die Fahnenträger mit dem Banner, das die Inschrift „Hmuanitots-Verein Linath hazedek" und die Jahreszahl 5051 in deutscher und hebräischer Sprache trügt, im Saale erschienen, erschollen laute Bravorufe und stürmische Beifallsbezeugnniien. Dann folgte die Kaffeepause, während welcher Fräulein Rosa Engel den Prolog sprach, worauf der Vorsitzende, Buchdrucker Kunz, die ca. 400 erschienenen Theilnehmer, Mitglieder und Gäste begrüßte. Von den zahlreichen Vorträgen, die sich dann anschlossen, können wir den Gesangs-Vortrag der Opernsängerin Fräulein Hedwig Meyer sowie die humoristischen Deklamationen von Herrn Schriftsteller Herzberg besonders erwähnen. fg. Berlin, 20. Januar. Die Verwaltung der israelitischen Volksküche versendet soeben Circulare, in welchen sie den Gönnern der in der Klosterstrasie befindlichen'Anstalt ihren Dank für die bekundete warme Theilnahme ausspricht und zugleich einen Rückblick auf die bisherige Thätigkeit, sowie auf die Frequenz der Anstalt den Lesern unterbreitet. Wir entnehmen dem Berichte folgende Zahlen: Es wurden im Jahr 1804 verkauft zu Mittag: 409 große Portionen Gemüse mit 2 Stücken Fleisch ä 25 Pfg. (gegen 2004 Portionen im Vorjahr und 10,669 im Jahr 1892); 15,491 Portionen mit 1 Stück Fleisch ä 15 Pfg. (gegen 50,894 im Vorjahr und 105,443 im Gründungsjahr): 80,234 Portionen Gemüse ohne Fleisch ä 10 Pfg. (gegen 142,014 im Vorjahr und 104,849 im Gründungsjahr); 221,351 Suppe resp. Gemüse ohne Fleisch;i 5 Pfg. (gegen 57,384 im Vorjahr und 59,077 im Jahr 1892) und 35,214 Portionen Kaffee 5 3 Pfg. (gegen 42,798 im Jahr 1893 und 16,213 im Vorjahr). Zu Abend wurden verkauft im verflossenen Jahr: 45,415 Portionen Kartoffel und Hering ä 10 Pfg. (1893 47,121 Portionen, 1892 45,509 Port.); 90,380 Suppen ä. 5 Pfg. (1893 09,742, 1892 83,671); Würste k 5 Pfg. 14,720 (gegen 22,046 im Vorjahr und 46,863 im Gründungsjahr) und 28,320 Portionen Kaffee n 3 Pfg, iwelchen im Jahre 1893 34,863 und 1892 33,774 Portionen gegenüberstehen). An Arme wurden im Berichtsjahr vertheilt 63,814 Portionen, während 1893 98,784 und 1892 65,175 Portionen zur Vertheilung gelangten. Während der ganzen Zeit ihres Bestandes hat die Anstalt 1*74 Millionen Portioneu verabreicht. Der Rückgang in der Anzahl der gratis verabreichten Portionen läßt sich dadurch erklären, daß in diesem Jahre die Anstalt nicht so sehr von durchreisenden, speziell russischen Auswanderern in Anspruch genommen worden ist, wie in den vorhergegangenen. Mit Recht konstatirt die Verwaltung der Anstalt eine weitere rapide Verarmung ihrer Besucher aus den oben angeführten Zahlen. Das läßt sich aus dem Rückgang des Verkaufs der Portionen 4 10 und 15 Pfg. und andererseits aus der Zunahme der Portionen ä 5 Pfg. erkennen, lieber 300,000 Personen haben im letzten Jahr sich mit einer 5 Pfg.-Portion sättigen müssen. Zum Schluß weist die Verwaltung auf ihr neues Grundstück, das in der Gormannstraße zu diesem Zweck errichtet wird, hin und bemerkt, daß in demselben Gebäude auch anderen Humanitären Zwecken gedient werden soll, vorzüglich einem zu begründenden israelitischen Mädchenheim, in welchem junge konditionircnde jüdische Damen gegen geringe Entschädigung ihr Heim finden sollen. Auch bemerkt die Verwaltung noch, daß die israelitische Volksküche die Stätte war, wo zuerst arme hungernde Kinder gespeist wurden, und sie den Begründer angespornt hätte, auch den Verein für Kindervolkskücken, der momentan in 9 Anstalten 10,000 Kindern täglich warmes Essen verabreicht, ins Leben zu rufen. Edel sei der Mensch, hilfreich und gut, und so mag er denn auch ein Scherflein zu diesen Institutionen beitragen. ■9I6- Sensburg, 11. Januar. Am 2. d. M. fand die Einweihung unserer neuerbauten Synagoge statt. Ende November des Jahres 1893 wüthete in unserer Stadt eine Feuersbrunst, welche