Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 4 (25.1.1895)
- Date
- 1895-01-25
- Page
- Seite 47 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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47 Er erklärte sich näher und fuhr duun fort: „Wo aber werden Sie ihn hier finde», diesen Geist? Gewiß nicht in dieser Sphäre, die Sie kennen gelernt hoben. Und doch Hobe ich Sie hingeschickt, denn diese Schichte ist die glücklich, ruhig herrschende. Steigen Sie tiefer, dort können Sie noch höhere Bildung, übernienschlichen Fleiß, Opferlvilligkeit finden, ober bei den oberen Zehntnusend!!! — Das ist unser Unglück, rmsere Schumch," schloß er, „das; der uns befehlende Genernlstnb keine echte Intelligenz mit wahrhaft tiichtigeni Charakter verbindet. Hub so lange diese nicht Hand in Hand gehen — niüssen wir jeder Hoffnung ans Berbessernng der traurigen Lage rmseres Landes Lebewohl sagen." Nachdem er seinem liberdollen Herzen ein wenig Luft gemacht hatte, athinele der Doktor tief und ging schweigend im Zimmer ans j und ab. „Die Wahrheit, Freund," begann er langsam, „für uns epistirt sie noch nicht. Es giebt wohl von Zeit zrr Zeit ein Aufleuchten, es giebt auch Freunde der Wahrheit. . ." „Und was sollen diese thnn?" rief Jizchak, und seine Stimme klang beinahe flehend, wie der Ruf eines Ertrinkenden nach einem rettende» Arme. „Diese sollen unermüdlich suchen." „Wie und wo?" „In jeder Wertstätte, wo geistige oder physische, gewissenhafte und unabhängige, zur Vollkommenheit in ihrer Art führende Arbeit möglich ist. . ." Er zeigte auf die Fächer seiner Bibliothek. „Ich verstehe Sie nicht. . ." „Schauen Sie! es giebt Denker, welche seit Jahrhunderten auf dem unermeßliche» Gebiete des Schönen und Guten eine ununterbrochene Kette bilden. . . . Diese lenken den Anbar>, die Saat und die Pflege in dem großen Garten der menschlichen Arbeit. .. Glauben Sie, daß dies fruchtlos sei? Nein — schon sehe ich die Blumen dieser Früchte unter dem Wiuterschnee hervorvlicken. . ." „Trotz all' dem, was jetzt ist?" „Trotz aller Gemeinheit des heutigen Tages. . . Lange noch träumte der Doktor in dieser Weise fort. Seine Worte hatten einen sonderbar düstern Klang in dem schwach erleuchteten Zimmer, in der Ecke lagen tiefe Schatten, und die shnunetrisch in den Regalen stehenden Bücher erschienen Jizchak wie Gräber oder Wiegen. Unsinn! sagte er sich bei diese»! Gedanken und stellte jetzt Betrachtungen über das Schicksal seines Wirthes an, welcher einen riesigen Wissensschatz zwischen diesen vier kalten, öden, traurigen Wänden einschließt . . . und keine Liebe, kein Mitgefühl, keine Schwesterhand findet. Beim Abschiede schob der Doktor seinem Gaste ein Kuvert in die Hand. Im Hausflur bemerkte Jizchak, daß cs eine Fünfgnldennote enthielt. Seine Hand zitterte. Im ersten Momente wollte er zurnckeilen, das Geld zurückgeben, aber er wagte es nicht, zu läuten; vielleicht würde sich der Doktor, welcher selbst arm ist, beleidigt fühle» . . . und dann erblickte Jizchak plötzlich im Geiste das Gespenst des Hungers, fühlte die Leere seiner Tasche. Mit bitteren Selbstvortvürsen steckte er die Gabe des Doktors zu sich. (Fortsetzung folgt.) Frtterarische Mitteilungen. — I. V. Zenker: Mysticismus, Pietismus, Antisemitismus am Ende des 19. Jahrhunderts. (Wien, 1>94 Verlag des „Freien Blattes" ) Der bekannte Verfasser giebt uns in diesem Buche I eine sehr werthvolle kulturhistorische Studie über den inneren Zusammen-! hang der drei im Titel erwähnten Geistesströmungen. Er erörtert zunächst j die Frage, wie es möglich war, daß unter dem Namen des Antisemitismus i neuerlich eine religiöse Verfolgung Platz greifen konnte, und zwar aus einem verschärft religiöses! Zuge des Milieus, welches er nun auf seine religiöse Geistes- und Gemüthsverfassung hin eingehender zu prüfen sucht. Die mystischen Regungen auf allen Gebieten: in den offiziellen Kirchen, in der Litteratnr, Kunst und Wissenschaft, die zum Theil mystischen religiösen Neubildungen am Ende des 19. Jahrhunderts, der Spiritismus, die pietistischen Religionsbildungen, die freireligiösen Genossenschaften bis auf Tolstoi und Egidy werden sehr ausführlich und ebenso interessant geschildert, und wir erkennen, wie der Antisemitismus aus diesem Nährboden einer bildungsfeindlichen und sozialreaktionären Zeitperiode mit innerer Naturnothwendigkeit hervorgehen mußte. Von besonderem Interesse ist das, was Zenker aus genauer Sachkenntnis; über den Antisemitismus selbst sagt. In der ganzen Litteratnr über diese Frage ist diese kleine Schrift eine der interessantesten und geistvollsten, eine der wenigen, die den Tageskampf überdauern und dem künftigen Geschichtsforscher als werthvoller Beitrag zur Charakteristik der religiösen und sozialen Strömungen unserer Tage dienen wird. K. Aus Anlaß der jüngst stattgefundeneu Einweihung der Synagoge in Widdin veröffentlichte Herr Dr. M. Grünwald in Sophia in jüdisch-deutscher Sprache ein Schriftchen unter dem Titel: „Algo de la historia de la comunidad israelita de Widdin a la ocasion del es Irena tu ien to de la rnueva (nuevaj kehila kedoscha. Compuesto del Dr. M. Grfmwald, Gran Uabino de Bulgarin (Sophia 1S94). Dasselbe enthält außer der von dem Verfasser gehaltenen Einweihungsrede, wohl der ersten, welche von einem Nichtspaniolen in spaniolischer Sprache veröffentlicht wurde. Einiges über die Geschichte der Juden in Widdin, dem alten Bononia, über die Rabbiner, welche in den letzten hundert Jahren dort gelebt habet!, und über mehrere Grabschriften des dortigen fünfhundert Jahre alten Friedhofs. Möchte Herr Dr. Grünwald seinen Aufenthalt in Bulgarien zu einer Bearbeitung der Geschichte der Juden in Sophia, Widdin, Rustschnk und den andern Orten, welche von Juden bewohnt werden, recht bald benutzen. M. K. Sprerhsaal. Sehr geehrter Herr Doktor! anläßlich des jährigen Amtsjubiläums des Herrn Justizrath Meyer ist von verschiedenen Seiten auf die Thätigkeit des Vaters des Jubilars hingewiesen worden. Gestatten Sie mir. Ihnen auch einen kleinen Beitrag liefern zu dürfen. Mir ist die Person des Heimgegangenen und sein Wirken zwar noch in voller Erinnerung, aber ich halte es für werthvoll, daß in einer so schnell lebenden Zeit Personen von Bedeutung dem Gedächtnisse Aller erhalten bleiben. Weit entfernt. Ihnen eine ausführliche Schilderung geben zu wollen, möchte ich Ihnen nur ein von Joill Wolfs Meyer's Hand geschriebenes Blatt mittheilen, das durch Zufall in meine Hände gelaugte. Scheinbar ist dasselbe die erste Seite eines Protokollbuches der „Miethe-Unterstützungs-Anstalt", genannt „Ohel Jescharim", datirt vom Juni 1669. Dasselbe lautet: Mit Gott! Das Motto auf unseren Anstalts-Diplomen „Und es soll wohnen mein Volk in Friedens Wohnungen, „In sichern Hütten und in geborgenen Ruhestätten" Jes.Cap.62 V.18 verdanke ich dem Rabb. Dr. Michael Sachs hieselbst. Anläßlich desfallsiger Unterhaltung, und demgemäß im Hinblick aus die im vorigen Jahrhundert, frommen Sinnes gegründete, im Laufe der Zeit verfallene und endlich wieder aufgerichtete Wohlthätigkeits-Anstalt Ohel Jescharim, hat der hochverehrte Vorgenannte den Jesajas nochmals citirt; indem er meinte, daß die schöne Satzung Cap. 57, V. 14: pd iopi DEipri -m-irr d^i? mmn tjöb i:-i rcrS iiirn: srirE zu deutsch: Und aufgebaut werden durch dich der Vorwelt Oeden, Trümmer vergangener Geschlechter richtest du auf; Dann nennt die Nachwelt dich, Wiederhersteller fester Pfade: — hier Bestätigung fände.