Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 4 (25.1.1895)
- Date
- 1895-01-25
- Page
- Seite 46 (sequence 10)
- Language
- German
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46 einen reichen Trost: ihren unerschütterlichen Glauben, ihre ganze glanzvolle Vergangenheit lebte noch in ihren Traumen und war ihnen noch ein Stück Gegenwart; Jene aber, die die Worte von Gleichheit und Versöhnung gehört, rechneten mit der Vergangenheit ab, obgleich sie noch heimlich und unbewußt in ihnen lebte — nur um sich ihren andersgläubigen Brüdern anzuschließen. Und nun, da sie zurück gestoßen wurden, verloren sie alle Wege, die zurück, und die Wege, die aufwärts führen — und so stehen sie da allein und verbittert, verletzt bis ins Innerste, sie, die das Gute und Hohe gewollt. Den Männern blieb noch der Kampf, die That; herber empfindet das jüdische Mädchen ihr Loos, von brutalem Rassenhaß täglich verletzt, von ihren Vätern und Müttern nicht verstanden zu werden; sie, die so viel Gemüth und so viel Verstand, so voller Sehnsucht nach Liebe und so voll Treue. Ich wollte Antonia überraschen, und so machte ich mich am andern Nachmittag ganz allein auf den Weg. Seit ihres Vaters Tode wohnte sie mit ihrer Mutter ans ihren! Meierhofe, weit von der Stadt gelegen. Cs nun* ein lauer Frühlingstag. Einsain ging ich wieder durch die idyllische Vorstadt, wo ich mich als Kind so gern Herumgetrieben. (Ls war am Sonntag, und es herrschte Stille und Ruhe. Wie so Vieles hatte sich verändert. Es waren neue Häuschen j hinzngekommen, manche so klein wie ein Reisekoffer; viele waren abj gebrannt, zerfallen, und nur noch winzige Reste waren zurückgeblieben,! da, wo früher gearbeitet, gebangt und gejubelt wurde... nichts als! Schutt und Disteln. . Es war aber dennoch freundlich und schön hier \w ehemals, j Tie Bäume hatten junges Laub an, und von den kleinen Gärten! kam ein süßer Duft. Es war ganz still — nur ab und zu gedärnpftes : Glockenläuten. Eine Schaar Kinder — fast lauter Blondköpfe — : spielte im Sonnenschein. Da und dort vor der Hausthür lag ein! Hund mit geschlossenen Augen und wärmte sich. Ta gurrte eine! Taube, dort sang im Käfig ein Kanarienvogel in die Frühlingslnft! hinein; auf einem bemoosten Dache schlich eine weiße Katze. Bloß vor einem einzigen Hänschen saß ein Greis. Daß er noch lebte. Ich hätte ihn kauin erkannt, so hatte er sich verändert. Dereinst so starke Manu glich nur noch einen! Häuflein Knochen, er war ganz zusannnengefallen, ein Schatten von jenem Barabassou, dem Schmied, der mich in Heldenträume gewiegt und mir für Napoleon Begeisterung einflößte. Woran!nochte er jetzt denken, der arme Alte? Er war nicht mehr sorgfältig gekleidet wie ehedem. Auf dein Kopse trug er eine alte, zerrissene Soldatenmütze; sein alter Rock nun* beschmutzt und Schuhe hatte er keine an. Er hatte uticl) mit seinen alten, müden Augen sofort erkannt. Wie er sich freute. Und er klagte auch nicht über seine Lage: „Ach, Junge, mir geht's schon gut — bis zum Tode lverde ich uiich schon recht gut Hinschleppen. Aber mon (*lier, wenn diese Sehnsucht nicht wäre in schlaflosen Nächten, diese Sehnsucht. Wenn ich ineine Heimath noch sehen könnte mit diesen meinen halbblinden Augen." Er erhob sich, etwas wie ein Junten einstiger Jugend blitzte auf auf seinem geschwärzten, vertrockneten Gesicht, und indem er seinen Stock nach dein Süden ansstreckte, rief er ans: „Ah, ah,'.welch ein Land, welch ein Land, dieses Frankreich. . . Adieu, mein Kind, nun geh." Und ich sah. wie er ganz heiinlich eine Thräue abwischte. Heiniathsliebe! . . Auch mich überkam sie, während ich ganz einsam durch die Ebene schritt. Tie Natur hatte hier ein ärmliches Gesicht . . . und doch liebe ich dich, meine Heimath, wie kein Land der Welt. Ja, ärmlich sah diese Landschaft ans, obgleich der Frühling an allen Ecken und Enden wob. Eine weite Heidestrecke, hier und da cm einsamer Lindenbanm, Lehm- und Kalkgruben. Selbst das Gras will hier nicht gedeihen, es wächst kümmerlich und flach am Boden, und der Fuß schreitet darüber unhörbar wie über Moos. Auch hier leben Menschen in Noth und ewigem Kampf, denn oa und dort steht eine verfallene Hütte; ein mageres, geschloärztes, schwächliches Kind, ganz in Schmutz getaucht, sitzt vor der einen und kaut theilnahmslos und fast wie thierisch an einen! schwarzen, harten Atück Brod. Ein armseliger, an den Vorderbeinen gefesselter Gaul wälzt sich am Boden. Ich sehe das Alles wie im Traum — dort der alte Judenfriedhof mit seinen unförmlichen gekrümmten Grabsteinen, von allen Seiten unnvuchert von wild wachsenden, uralten Bäumen, erscheint mir wie eine Fata Morgana. Mein Herz pocht vor Ungeduld, ich eile beflügelten Schrittes, nur Antonia zu sehen. (Fortsetzung folgt.) Ner Iudenjmige. Eine Erzählung aus Ostgalizien von Wilhelm Feldmanin (Fortsetzung.) XVI. "s^izchak begab sich nun geraden Weges zum Doklor. Dieser lachte und knirschte mit den Zähnen, als er von der Wanderung seiner Karten hörte. „Sehen Sie," sprach er, „das ist Lemberg. . „Sollten diese wenigen Persönlichkeiten, die ich kennen gelernt habe, ganz Lemberg borstellen? „Dessen obere Schichte jedenfalls," crwiedcrte der Doktor ernst. „Aber am schlimmsten," bemerkte Jizchak, „ist die Jugend." „Ja Herr, welche Porbilder hat denn diese reiche Jugend zu Hanse? Wie wird sie in der Schule abgerichtet? . . . Was Wunder also, daß sie kein geistiges Leben hat, keine Ideale, das; sie keine i höheren Anfschwnng kennt. . . ."! Jizchak seufzte. l „Ach, wenn man mir Lemberg nicht so verlockend schön geschildert häkle . . . wenn man mich wenigstens vorbereitet haben würde. . ." „Was wäre die Folge gewesen?" lächelte der Doktor. „Ich bin fest überzeugt, daß, in welch' pessimistischer Stimmung man auch Herkommen möge, es sich zuletzt doch erweisen würde, daß man zu wenig dunkel gesehen." „Aber Eines hätte ich doch gerettet, den Glauben a» die Welt und an die Wahrheit." Der Doltor der Philosophie verzog bitter die Lippen. „Der Glaube an die Welt ... an die Existenz der Wahrheit. ... Und deshalb sind Sie nach Lemberg gekommen? Sie sind ungewöhnlich naiv." Er machte eine Bewegung, als wollte er irgend ei» zudringliches Tranmgesicht verscheuchen. „Wer besitzt denn nicht in seiner Jugend diese Einfalt des Geistes ... und nsie Viele verkümmern und gehen daran zu Grunde." „Und doch," fiel hier Jizchak ei», „ist Lemberg die Hauptstadt des Landes, und die Menschen, welche ich besucht habe, sind gewiß hervorragende, bedeutende Persönlichkeiten. . . Wenn ich also nach diesen urtheilcii sollte, so sehe ich keinen Fortschritt — keine Civilisation.. ." „Civilisation, Fortschritt! Phrasen, junger Mann, Phrasen! um mit Löw zu sprechen. Ich sage, Alles ist einen Pfifferling Werth, was dem Menschen iveder Edelmuth, noch das, was man Altruismus nennt, einflößt."