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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-01-25 · Heft 4 (25.1.1895) · p. Seite 42

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 4 (25.1.1895)
Date
1895-01-25
Page
Seite 42 (sequence 6)
Language
German
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42 sünden hin, der sich die frühere Regierung in dieser Richtung schuldig gemacht hat, und stellte es als eine unabweisliche Aufgabe der dermaligen Regierung hin, mit allen ihr zu Gebote stehenden Mitteln de» bezüglich der Gleichstellung aller Konfessionen staatsgrundsätzlich gewährleisteten Bestiininnngen Geltung zu verschaffen. Daß aber auch die Inden nicht müßig die Hände in den Schooß legen dürfen, braucht nicht gesagt zu werden. In erster Linie müssen sie bedacht sein, die ungeschlachten Hände vom Werke fern zu halten und nicht in Allem und Jedem, was einen oder den anderen Glaubensgenossen an Ilnangeuehmcm trifft, gleich Antisemitismus zu sehen. Wir sind nicht ein Volk von lauter Engeln; es kann ja uns selbst die Schuld treffen. Wenn uns die Schrift als ein Priestervolk bezeichnet, so will sie »ns damit die Pflicht auferlegen, die Reinheit der Hände, die Lauterkeit der Gesinnung zu bewahren; erfüllen wir diese Pflicht? Können wir uns dessen rühmen, immer in unserem öffentlichen Auftreten eine weise Zurückhaltung beobachtet zu haben? Der Prophet sagt dem Könige Hiskija den Untergang des Reiches vorher, weil dieser die Schätze des Heiligthums fremden Angen vorgeführt; haben wir hieraus eine Lehre gezogen? Es muß anerkannt werden, daß die Einsicht unter den Juden Oesterreichs für eine Remedur in diesem Sinne nicht fehlt; aber die Energie der Einsichtsvollen gegenüber den Urtheilsunfühigen, die leider nicht immer die Minorität bilden, muß sich Bahn brechen. Diese innere Selbstemauzipation wird jedem Angriffe von außen den Boden entziehen. Eine gute innere Politik ist bekanntlich die beste äußere Politik. Wir können wohl nicht hoffen, daß die Liechtenstein, Gregorig, Lueger, Geßmann und wie die famose» Ritter vom Skandal alle heißen, ihr Handwerk aufgeben werden, aber gewiß ist es, daß sich daun manche Hilfstrnppen aus nichtjüdischem Lager sich im Hinblick darauf auf unsere Seite schlagen werden. Schon gegenwärtig fehlt es »ns nicht an solchen Bundesgenossen. Die Gründung des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus ist ausschließlich von christlicher Seite ausgegangen. An der Spitze befinden sich Namen, wie: Kammerpräsident Baron Chlumetzky, Herrenhaus-Mitglied Baron Leitenberger, Professor Nothnagel, Baron und Baronin von Suttner :c. Die Erhaltung des Abwehrblattes: „Freies Blatt" wird von einem der Genannten bestritten. Davon, daß von hervorragenden politischen Persönlichkeiten des österreichischen Parlamentes in dringender Weise die Mahnung an die dermaligen Machthaber ergangen ist, der Antisemitismus-Hydra auf den Kopf zu treten, haben wir bereits gesprochen. Wie seit länger als einem Jahrzehnt nicht, ist jetzt Zeit und Gelegenheit, ernstlich und nachdrucksvoll gegen die agitatorische Thatigkeit der Schneider und Konsorten mit Aussicht auf Erfolg Front zu machen. Möchten die Glaubensgenossen unseres Vaterlandes mit Verständniß, Energie und Takt diesen günstigen Moment benützen! T. „Wissenschaftliche" Pädagogik oder „wissenschaftlicher" Antisemitismus. Von M. Spanier in Magdeburg. s ist ein unbestreitbares Verdienst des Philosophen Herbart, die Pädagogik z» einer Wissenschaft erhoben zu habe», indem er ein systematisches Lehrgebäude der Pädagogik, auf praktische Philosophie und Psychologie gegründet, schuf. Männer, wie Drobisch, Hartenstein, Lazarus, Steinthal, Thilo und Volkmann, haben Herbarts pädagogische Anschauungen auszugestalten versucht, andere wiederum, die der Herbarl-Ziller'schen Schule augehören, bemühten und bemühen sich, die Theorien in die Praxis des Schullebens zu übertrage». Es wird heutzutage wohl schwerlich die Behauptung angezweifelt werden, daß die Pädagogik nur auf psychologisch-naturgemäßer Grundlage ihr Ziel, Meuschenbildung, erreichen kann. Charakterstärke der Sittlichkeit giebt Herbnrt als Endziel des erziehlichen Unterrichts an, j Heranbildung sittlich tüchtiger, religiös gesinnter, nicht aber! konfessionell engherziger, Menschen. Wir müssen eS immer j wieder mit aller Entschiedenheit betonen, daß die Konfession nicht j den Mittel- und Angelpunkt der Pädagogik bildet, daher verwerfen wir die „evangelische", „katholische" oder „jüdische" Pädagogik. Gerade i» unserer hocherusten Zeit des Klassen-, Rassen- und Religions- oder besser Konfessioushasses müssen wir Dittes — einem j bekannten Schulmann — zustimmen, wenn er in seiner „Schule der Pädagogik S. 451 sagt: „Die Schule sost nicht Katholiken, Lutheraner, Calvinisten, Juden u. s. w., sondern Menschen bilden, die frei voir Sekteugeist das Gute rind Wahre überaü freudig begrüßen, wo sie es finden, es als die gemeinsame Aufgabe und als das einigende Band aller zivilisirteu Nationen des Erdkreises betrachten." Soll die Pädagogik als Wissenschaft an sich anerkannt werden, dann darf bei ihren Deduktionen nicht das kirchlich Dogmatische in den Vordergrund treten, der engherzige Konfessionalismus sich breit machen, vielmehr ist es ihre Aufgabe, unter ihrem Banner die Gebildeten aller Konfessionen zu schaaren, nicht das, tvas die Einzelnen trennt, sondern, was Alle eint, in den Mittelpunkt zu rücken. Diesen Anforderungen entspricht nicht die Herbart-Ziller'sche Richtung neuester Observanz. Bereits bei Ziüer finden wir das Konfessionelle scharf betont und in noch schärferer Weise bei seine» Schillern, die die Wortführer des von ihm begründeten Vereins für wissenschaftliche Pädagogik bilden. Zur Zeit ist Vorsitzender des Vereins der außerordentliche Philosophie-Professor Theodor Vogt in Wien, der auch zugleich das „Jahrbuch des Vereins für wissenschaftliche Pädagogik" herausgiebt. Während Herbart ausdrücklich erklärt: „Der Standpunkt des echten Pädagogen ist so hoch, daß er alle Streitigkeiten auf den Feldern des Wissens und Forscheus nur als ein Zusammenwirken für die Bestinnuung der Menschheit, die mitten im Streit sich selbst erzieht und emporringt, kann gelten lassen" (Herbart's Werke, Hartensteinsche Ausgabe XII, S. 086), gefasten sich die Vertreter der Herbart-Ziller'schen Richtung in einer exklusiven Stellungnahme und weise» jede abweichende Ansicht in der schroffsten Form ab. Leider trägt auch der Vorsitzende nicht zur Milderung der unausbleiblichen Gegensätze bei. Man sollte dies doch für eine unerläßliche Bedingung halten, um den Bestand des Vereins in seinen Grundfesten zu sichern. Es ist ferner dabei zu erwäge», daß der Verein Mitglieder der verschiedensten Konfessionen in sich vereinigt, in der überwiegenden Zahl evangelische; der Vorsitzende ist Katholik, das hervorragendste Mitglied aber ist zweifellos unser Glaubensgenosse Geheimrath Professor Dr. Lazarus in Berlin. Nach den uns vorliegenden Erläuterungen (49 Seiten) zum Jahrbuch des Vereins für wissenschaftliche Pädagogik (25. Jahrgang 1893) werden von S. 0—27 Gegenstände behandelt, die einen scharf zugespitzten konfessionellen Charakter a» sich tragen, und an Seitenhieben auf das Judenthmn fehlt es auch nicht. Sv polemisirt ein katholischer Redner gegen den evangelischen Referenten (Dr. Thrändorf: Der Jesuitenorden in der Schulkirchengeschichte) und macht ihm zum Vorwurf, daß er mit dem Auftreten der Jesuiten eine Reaktionsbewegung beginnen lasse, durch welche die katholische Kirche dem christlichen Geiste entfremdet und in jüdische und heidnische Verirrungen hinciugedrängt worden sei, und entgegnet mit dem

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