Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 4 (25.1.1895)
- Date
- 1895-01-25
- Page
- Seite 41 (sequence 5)
- Language
- German
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41 Gewiß ist e§, daß der Antisemitismus in Oesterreich maßgebendenorts, wenn auch nicht unmittelbar, so doch mittelbar unterstützt tmtrbe. Dadurch, daß er sich in den Versammlungen trotz der Anwesenheit der landesfürstlichen Kommissäre in den stärksten Ausdrücken und excessivsten Aeußerungen gegen die Juden ohne jeden Einspruch ergehen durste, wurde im großen Publikum der Meinung Raum gegeben, daß die Ausschreitungen gegen die österreichischen Staatsbürger israelitischer Konfession statthaft seien. Demgemäß wuchs das Kontingent der dem Rilfe Schneiders 6 tutti quanti folgenden Menge von Tag zu Tag. In Wahrheit war es dabei nicht so sehr auf die Juden als solche, als auf die Parteigänger der Liberalen, wofür sie im Hinblick auf ihre erfolgreiche Propaganda für die liberalen Kandidaten mit Recht gelten konnten, abgesehen. Der Sturm der Antisemiten galt überhaupt den Liberalen, und als Mittel zur Erreichung dieses Zieles wurde die Hetze gegen die Juden inszenirt. Auf die Juden schlug man, und die Liberalen meinte man. „Helfe, was da helfen kann," war ja das Losungswort des liberalfeindlichen Ministeriums Ta affe. Wäre es diesem gelungen, auf anderem Wege die Loslöjung der Juden von der liberalen Partei herbeizuführen, so hätte er sicher dem Antisemitismus nicht den vollen freien Lauf gestattet. Versuche in dieser Richtung sind gemacht worden. So trat, um mir einen Fall zu erzählen, einer der bekanntesten Fahnenträger Taaffe's im Jahre 1883 an einen der frühem Vertreter der Wiener Gemeinde mit dem Allsinnen heran, dieser möge dahin wirken, daß der Vorstand die Politik der Regierung unterstütze, und deren Schutz gegenüber den antisemitischen Angriffen sei dann gewiß. Die Antwort war eine ablehnende. Der Vorstand als solcher, so war die Antwort, treibe keine Politik, jeder Jude möge es hierin nach seinem Ermessen halten, und Schutzjuden zu sein, darnach kann Niemand ein Gelüste tragen. Solche waren die Juden im Mittelalter und in späterer Zeit noch lange genug. Was die Juden präteudiren und prüteudiren müssen, ist, daß sie im Sinne des Gesetzes, welches die volle Gleichberechtigung aller Staatsbürger ohne Glaubensunterschied ausspricht und jede Beleidigung einer gesetzlich anerkannten Religionsgesellschaft verpönt, behandelt werden. — In dieser Weise sprach sich auch eine aus den damaligen Vertretern der Wiener Kultusgemeinde bestehende Deputation gegenüber den Ministern Taaffe, Schönborn und Gautsch aus. Gesetz, Gesetz und wieder Gesetz sollte geübt werden. Graf Taaffe gab den Versuch nicht auf, die Juden vom Lager der Liberalen zu trennen. Als es in der Wiener Kultusgemeiude zur Wahl einzelner Vorstandsmitglieder kam, ließ er gegenüber einem damaligen Vertreter den Wunsch aussprechen, er (der Vertreter) möge seinen Einfluß dahin geltend machen, daß ein Kandidat, welcher im sogenannten demokratischen, besser Regierungslager, stand, gewühlt werde. Es sollte auf diese Weise die Milch Taaffe'scher Politik in den Vorstandskörper geflößt werden. Aber auch dieser Versuch mißlang. Freilich nur insoweit es diese Wahl betraf, an Ueberläuferu fehlte es jedoch nicht; die Möglichkeit, ein Band ins Knopfloch zu erhalten, hat für Viele einen lunviderstehlicheu Reiz. Die Regierung Taaffe fand sich in Folge dessen nicht veranlaßt, gegen das wüste Treiben ernstlich einzuschreiten. Diese Hetze kam ihr sehr gelegen. Folgt ihr nicht willig, so wird die Gewalt geduldet, war ihr politisches Um und Auf gegenüber den Juden. Dabei konnte sie das Lammfell der Unschuld rnn ihre Schultern werfen, indem sie darauf hinwies, daß sie darüber wache, daß es zu keinen thatsächlichen Exzessen komme. Freilich that sie dies, aber iu ganz anderem Interesse. War sie sich doch klar darüber, daß solche Angriffe ihre Richtung nicht blos gegen die Juden, sondern auch gegen ganz andere, sozial höher stehende Kreise genommen hätten. Hat einmal die Bestie Blut geleckt, so kennt ihre Gier keine Grenzen. Die Verhetzung gegen die Juden in Versammlungen, Kommunalvertretungen, Landtagen, sowie im Reichsrath und in der Gesellschaft dauert also fort. Man kann sagen, daß nicht wenige Beschlüsse der genannten Vertretungskörperschaften und manche Gesetze neuerer Zeit als Ergebnisse, oder besser Errungenschaften des Antisemitismus anzusehen siud. Um nur einige zu berühren: das Gewerbegesetz, die Zollgesetzgebung, das Natengesetz, das Ausverkaufsgesetz, das Börsensteuergesetz rc. Läge ein Trost darin, wenn der ausgeholte Streich nicht allein auf den niederfällt, gegen den er gerichtet ist, so könnte wohl konstatirt werden, daß alle solcherart entstandenen legislatorischen oder administrativen Bestimmungen nicht weniger von den betreffenden nichtjüdischen als jüdischen Kreisen in ihrer vollen Schädlichkeit empfunden werden. Dadurch mindern sich aber die Wermuthstropfen nicht, die in unfern Lebenskelch geträufelt werden. Die Abwehr ist daher ein Gebot der Nothwendigkeit, eine Pflicht der Selbstachtung. Wer sich zum Schafe macht, verdient es, daß ihn die Wölfe fressen. Mit Bedauern muß aber konstatirt werden, daß die Art der Abwehr nicht immer und überall eine zweckensprechende ist. Ja, sie ist in vielen Füllen eine schadenbriugende. Unverstündniß, Taktlosigkeit, Reklamesucht, Eigennutz geben ihr nicht selten die Färbung. Streitigkeiten, Gehässigkeiten, Bosheiten werden nie zum Schweigen gebracht, wenn die dabei engagirten Theile ohne Unterlaß sich die empfindlichsten Insulten gegenseitig an den Kopf werfen unb die Schürfe des Tones durch das Aufgebot noch stärkerer Stimmmittel erwiedern. Man gießt nur Oel ins Feuer der Zwietracht, wenn selbst gar nicht damit zusammenhängende Momente benützt werden, um nur der Gegenpartei etwas am Zeuge zu flicken. Hierdurch werden den Angreifern willkommene Anlässe zu neuen Angriffen gegeaeben. Die antisemitischen Blätter und die Antisemiten-Häuptlinge, wie Schneider und Konsorten, sagen es offen und unverholen, daß sie unter den angeblichen Verteidigern der jüdischen Sache auf diese Weise ihre lverthvollsten Mitarbeiter finden. Sonderbarer Weise hat diese Gattung von Apologetik auch ihren Auhang. Die Motive mögen vielleicht darin liegen, daß auf der einen Seite in Folge der unausgesetzten bobeitlofen Impertinenzen der Antisemiten vollständige Ratlosigkeit herrscht, die sie nicht zu der klaren Einsicht über das kommen läßt, was ihr frommt, und man auf der andern Seite solcher Kitzel bedarf, um lachen zu können und nicht den Glauben von sich abzuwenden, als ob sie sich von den gegnerischerseits erhobenen Anklagen etwa getroffen fühlt. Diese Kampfesmethode bewirkt es aber, daß die Angriffe geradezu ohne Aufhören siud. Daß hierbei auch persönliche, das heißt egoistische Ursachen mit im Spiele sind, ist außer Zweifel. Haben wir doch Gelegenheit, dies aus dem Munde der sich selbst befehdenden antisemitischen Parteien zu hören, und ist es dem ernsten Beobachter schon längst klar geworden, daß Angriff und Vertheidigung nur zu oft ein Geschäft geworden sind, daß mit allen Praktiken und Behelfen der Jünger Merkurs betrieben wird. Was Wunder nun, wenn es auf diesem Wege nicht gelingt, den Antisemitismus zu Boden zu strecken. Aufrichtige, innige Hingabe ist in diesem Kampfe vor Allem erforderlich, wenn der Sieg sich au die Fahne der für uns Streitenden knüpfen soll. Es muß daher mit großer Befriedigung registrirt werden, daß Reichstagsabgeordneter Meng er mit voller Wärme des Herzens wiederholt und abermals für die jüdischen Staatsbürger Oesterreichs das Wort genommen. Schonungslos wies er auf die Unterlassungs-