Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 4 (25.1.1895)
- Date
- 1895-01-25
- Page
- Seite 40 (sequence 4)
- Language
- German
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40 Der böhmische Mabbiner-Verband. Prag, im Januar. m 30. und Bl. Dezember 1894 hielt der Rabbiner-Verband für Böhmen unter dem Vorsitz seines Präsidenten, Dr. Nathan Ehrenfeld, nach einjähriger Wirksamkeit hier seine diesjährige Generalversammlung ab, deren Hauptprogrammpunkt die Feststellung jener Prinzipien bildete, welche einem einheitlichen Lehrplan für alle Mittelschulen Böhmens zu Grunde gelegt werden soll. Dr. A. Kurrein-Teplitz hatte das Referat übernommen, und dieses war von einer solchen Klarheit und überzeugenden Kraft, daß die voll Dr. Kurrein vorgelegten Thesen theils einstimmig, theils mit einer an Einstimmigkeit grenzenden Majorität angenommen wurden, obwohl damit dem Religionsunterricht neue Wege und Ziele gezeigt wurden. Die Thesen sind folgende: I. Da die Religion an Mittelschnlen bei nur zwei wöchentlichen Unterrichtsstunden unmöglich aus allen Quellen in ihrem vollen Umfang gelehrt werden kann, soll der Jugend ein Handbuch der Religion gegeben werden, u z. in den untern Klassen der Mittelschulen eine systematische Religionslehre, nur aus einzelnen hebräischen Versen der heiligen Schrift und des Gebetbuches zusammengestellt, in den Oberklassen ein systematisch abgefaßtes Lehrbuch in deutscher Sprache. 2 Der Unterricht ans dem Hebräischen erfolgt in den untern Klassen mi§ dem Gebetbuch, um den Schüler mit dem Goitesdienst und allen religiösen Handlungen bekannt zu machen, in den Oberklassen aus einem hebräischen Religionslesebnch, welches die entsprechenden Abschnitte aus der Bibel als Beweise für die Richtigkeit der in der systematischen Religionslehre vorgetragenen Lehrsätze in hebräischer Sprache enthält, um den Schüler mit den Hauptpartien der ganzen heiligen Schrift im Urtext bekannt zu machen. 3. Nicht biblische Geschichte, sondern Bibellesen in der Muttersprache soll den Religionsunterricht vermitteln, und zwar werden in den untern Klassen die historischen Bücher der Bibel mit Einschluß der nachbiblischen Makkabäerbücher, an den obern Klassen die übrigen Bücher der Bibel in der Muttersprache gelesen. 4. Die nachbiblische Geschichte werde im Anschluß an eine Anthologie aus dem nachbiblischen religiösen Schriftthum in den zwei letzten Jahrgängen so gelehrt, daß die Biographien nur jener Männer gegeben werden, die auf die Geschichte der Juden merklichen Einfluß nahmen, und nur jene Ereignisse bekannt gemacht werden, welche wichtige Momente in der Geschichte des Judenthums bilden. Zusatzantrag von Dr. H. Goitein-Rachod: Im Untergymnasium ist ein kurzgefaßter Auszug aus der uachbiblischeu Geschichte zu geben. Es wurde beschlossen, die Ausarbeitung des einheitlichen Lehrplans dem Referenten Dr. Kurrein zu übertragen welcher diesen Lehrplan einer in drei Monaten einzuberufenden Generalversammlung vorlegen wird. Bei einem andern Programmpunkt gab Dr. S. Stern-Saaz die Erklärung ab, daß die von ihm redigirte Monatsschrift „Jüdische Chronik", obwohl gleichsam ein Kind des Verbandes, durchaus nicht Verbandsorgan ist, und dies auch nicht sein will, da ihr vollkommene Unabhängigkeit gewahrt bleiben muß. Die „Jüdische Chronik" steht im Dienste des Judenthums und nicht in dem irgend einer Parteirichtung, sie giebt allen Bestrebungen Raum, die den religiösen Gefühlen entspringen, allen Bestrebungen, durch welche sich das religiöse Leben irgend wie bethätigen will, sie veröffentlicht Aufsätze, welche die Tendenz haben, das Gemüth für Judenthum und jüdisches Gemeindeleben zu erwärmen, den Einzelnen ethisch besser zu machen und die Gemeinschaft der Glaubensgenossen inniger zu gestalten. Bei dem Punkt: Neuwahl des Ausschusses wurde der von Dr. A. Kisch-Prag gestellte Antrag, daß der alte Ausschuß per Akklamation wiedergewählt werde, angenommen. Dies sei der Ausdruck des Dankes für die Mühe und die Geschicklichkeit, durch welche es nicht nur gelang, den Verband ins Leben zu rufen, sondern ihn auch über die Schwierigkeiten des ersten Jahres hinwegzuhelfen. Der Ausschuß besteht nun wieder aus den Herren: Oberrabbiner Dr. Nathan Ehrenfeld-Prag (Präsident,, Dr. Adolf Kurreiu-Teplitz (1. Vizepräsident), Dr. Samuel Back-Smichoo (2 Vizepräsident), Dr. Ignaz Ziegler-Karlsbad (Schriftführer), Dr. Adolf Poznanski-Pilsen (Kasstrer), Dr. Simon Stern- Saaz und Dr. Hermann Baneth-Gablonz (Beisitzer). Von den freien Anträgen, die angenommen wurden, sollen nur die wichtigsten erwähnt werden: Der Antrag des Dr. Back-Smichow: der Ausschuß habe der nächsten Generalversammlung Bericht darüber zu erstatten, auf welche Weise der Rabbiner-Verband das 50 jährige Regierungsjubiläum unseres heißgeliebten Monarchen würdig begehen soll. Der Antrag des Dr. Kisch-Prag: Der Ausschuß des Rabbiner- Verbandes habe sich in einer böhmisch abgefaßten Eingabe an die böhmische Sektion des Landesschulraths mit der Bitte zu wenden, daß von jenen Rabbinern, welche den Religionsunterricht in böhmischen Lehranstalten übernehmen, und die sich verpflichten, den Religionsunterricht in böhmischer Sprache zu ertheilen, ebenso wenig eine Sprachprüfung verlangt werde, als in den analogen Fällen von den deutschen Rabbinern verlangt wird, sondern sich mit einem Bericht der Inspektoren und Direktionen zu begnügen. Dieser Antrag soll jenen Kollegen zu Hilfe kommen, von welchen, weil sie an böhmischen Mittelschulen den Religionsunterricht ertheilen, eine Prüfung über die böhmische Sprache verlangt wird, wodurch sie gegen jene Rabbiner zurückgesetzt erscheinen, die an deutschen Anstalten unterrichten. Ein anderer Antrag des Dr. Kisch ist von hochwichtiger Bedeutung für die Interessen des Gesammtjudenthums. Bekanntlich muß die Statthalterei Dispens ertheilen, wenn ein Wittwer die Schwester seiner verstorbenen Frau in zweiter Ehe heirathen will. Durch eine ungenaue Präzisirung der diesbezüglichen Vorschrift hält sich die Statthalterei für berechtigt, auch jeder Wittwe Dispens zu ertheilen, die in zweiter Ehe den Bruder ihres verstorbenen Mannes heirathen will. Der Antrag des Dr. Kisch lautet nun: Der Ausschuß des Rabbiner-Verbandes wende sich an die Statthalterei mit der Bitte, Dispense von den Ehehindernissen der Verwandtschaft entweder nur bei der Ehe eines Wittwers und der Schwester der verstorbenen Frau jat ertheilen, oder vor Ertheilung des Dispenses ein Gutachten vom Rabbiner-Verband oder vom Prager Oberrabbinate abzuverlangen. Als vortheilhaft dürfte sich auch der von Dr. A Kaminka-Prag gestellte Antrag erweisen, eine Sektion für Litteratur und Wissenschaft zu bilden, deren Aufgabe es sei, durch eine gründliche und eingehende Besprechung die Verbandsmitglieder mit allen mit erscheinenden Werken der jüdischen Litteratur bekannt zu machen. Sowohl dieser Antrag wie auch der Zusatzantrag des Oberrabbiners Dr. Ehrenfeld, diese Besprechungen in der „Jüdischen Chronik" zu veröffentlichen, wurde einstimmig angenommen. In die Sektion wurden gewühlt Dr. Kaminka, Dr. Back, Dr. Kisch, Dr Goitein und Dr. Poznanski. Der Sektion wurde eine Subvention bewilligt, doch konnte diese nur so gering sein, daß es Aufgabe der Sektionsmitglieder bleiben muß, sich an die Schriftsteller um Ueberlassung von Rezensionsexemplaren zu wenden, wenn das Wirken der Sektion ein erfolgreiches sein soll. Mit einem Hoch auf den Kaiser wurde die Generalversammlung geschlossen, wie sie mit demselben vom Vorsitzenden eröffnet wurde. Die Juden in Oesterreich. tu nd min komme ich zum andern Theil dieses Aufsatzes; er betrifft die uns durch dcu Antisemitismus aufgedruugeue v Abwehr, d. h. das Leben uach außen. Tie Berküuder des Hasses, der Verfolgung sorgen dafür, daß eine Schilderung der dtlrch sie geschaffenen Situation unnöthlg ist. Vergeht doch keine Zeit und keine Gelegenheit — ob passend oder unpassend —- die sie unbenutzt lassen, um uns mit ihren unflüthigen Zungen zu besudeln und zn beschmutzen. Man müßte sie fast für wahnsinnig halten, lüge nicht Methode darin und nähme man nicht wahr, daß sie über eine Heeresfolge verfügen, die nicht ausschließlich ans ethisch Verkommenen besteht.