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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-01-25 · Heft 4 (25.1.1895) · p. Seite 39

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 4 (25.1.1895)
Date
1895-01-25
Page
Seite 39 (sequence 3)
Language
German
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39 AasIndenthuin und dieSostaldemokratie. Von Hauptlehrer H. Reuß in Aurich. #ei der Berathnrig der Umsturzvorlage hat ein Di'ebner, der persönlich dem Antisemitismus fern steht, der bewiesen hat, daß er dem Gifte des Rassen- und Religtanshasses keinen Einlaß in seine Arbeitermassen gewähren will, durch Hinweis auf die Zugehörigkeit des Millionärs Singer zur sozialdemokratischen Partei wieder feststellen wollen, daß ein kausalerZnsammenhang zwischen der Sozialdeinokratie und dem Judenthum bestehen müsse. Derartige Versuche sind auch schon früher gemacht worden. Wir leugnen diesen Zusammenhang, ja, stellen fest, daß das Judeuthum mehr als irgend eine Religion die Bestrebungen der Sozialdemokratie für unzulässig erklärt, daß die jüdische Religion jedenfalls ihren Angehörigen strikte verbietet, sich irgendwo in den Dienst dieser Partei zu stellen, die, wie sie selbst eingefleht, auf den Sturz der bestehenden Gesellschaftsordnung, der zu Recht bestehenden Regierungen hinarbeitet. Wohl wissen wir, daß diese wiederholte Feststellung denen gleichgiltig sein uiirb, deren Berns es ist, bewußt das Judenthum und die Juden zu verleumden. Diesen gönnen wir den Genuß, den eigenen ethischen Defekt ihren Gegnern anzudichten. Aber der Mehrheit des deutschen Volkes, btit redlich nach Wahrheit strebenden Volksboten anstatt der vorgefaßten Meinungen richtige Anschauungen über die Stellung des Judenthunls zur Sozialdeinokratie zu bieten, muß angesichts der Wichtigkeit der Sache eine dankbare Aufgabe sein. Wir weisen also nach, daß heute kein deutscher Jude, der sich als solcher fühlt, der als solcher an die Grundwahrheiten des Judenthunls glaubt, ein bewußter Sozialdemokrat sein kann. Ich warte ruhig Gegenbeweise ab, die die Annahlne zulassen, als ob jene drei sozialdemokratischen Abgeordneten sich selbst als Inden betrachten. Ja, es sind geborene Juden. Sollen diese also eine Neigung des Judenthums zur Sozialdemokratie erkennen lassen, daun müßte doch auch ans Seiteu des Christenthums eine sehr bedenkliche Wahlverwandtschaft zwischen diesem und der Sozialdemokratie bestehen, da 42 Abgeordnete christlicher Konfession fiub oder waren, da über eine Million deutscher Wühler zur Fahne der Sozialdemokratie schwören. Und daß bisher alle Fürsten- und Prästdenteumörder Christen von Geburt waren, haben unsere Gegner übersehen. Wir stehen nicht an zu erklären, die Anarchisten sind solche trotz ihres Christenthums, und verlangen, daß man auf der andern Seite urtheile, daß jene Sozialdemokraten seien trotz des Lehrinhalts der Religion, der sie durch Geburt angehört haben. Demi das Judenthum verbietet jede Förderung jener Bestrebungen, die den Staat schädigen oder stürzen könnten. Die jüdische Religion, die Bibel, der Talmud sind eine unbedingte Verneinung der Grundlehren der Sozialdeinokratie. Indem ich für heute unterlasse, meine Behauptung in Bezug ans Eigenthnm, Ehe und Familie durch Quellen zu beweisen, stelle ich dein A uub O der Sozialdeinokratie: Abschaffung der Monarchie imb der durch historisches Recht bestehenden Regierungen folgende biblische und talmudische Religionslehreu gegenüber: 5. B. M. 17, 15. Einen König sollst du über dich einsetzeri. Spr. 24, 21. Fürchte Gott, mein Sohn, und den König! Mit Aufrührern laß dich nicht ein. Pred. 8, 2—3. Ich warne dich, vollstrecke des Königs Befehle! Dein Fürst erfüllt die Gott geschworene Pflicht. Verlaß ihn nicht aus Uebereilung und verwickele dich nicht in böse Anschläge. Spr. 21, 1. Königs Herz ist in der Hand des Ewigen wie Wasserströme. Er leitet es, wohin es ihm gefällt. Jerem. 29, 5-7. So spricht der Herr des Weltalls, der Ewige, Gott Israels: Bauet Häuser dort und wohnet daselbst! Pflanzet Grundstücke an und genießet ihre Frucht! Suchet das Wohl des Staates, dahin ich euch führen ließ; betet für denselben zu Gott! Denn das Wohl des Staates muß euer Wohl sein. Jerem. 40, 9. Gedaljah ließ sie schwören: Seid getrost den Chaldäern unterthan, bleibet im Lande, dienet dem König von Babel treu, und es wird euch wohl gehen. Chaje Odam 63, 6. Wer einen nichtjüdischen König sieht, spreche: Gepriesen seist du, unser Gott, König der Welt, der von seiner Majestät dem Menschen gegeben hat Ja, es ist Pflicht, sich zu bemühen, daß man einen König sehe, wenn wir sogar dadurch im Studiren der göttlichen Lehre gestört werden. Talmud Berachot 58. Die Negierung auf Erden ist ein Abglanz der Regierung im Himmel. Sprüche der Väter, 3, 2. Bete für das Wohl der Negierung; denn wäre nicht Furcht vor ihr, so würde einerden andern verschlingen. Talmud Horajoth. Der König hat den Vorrang vor dem Hohenpriester. Bereschit rabbah c 94 Wer seinen König mißachtet, ist, als ob er ehrfurchtslos gegen Gott wäre. Eleh hamizwoth 106. Die Könige der jetzigen Zeit haben uns freundlich und mit väterlicher Liebe in ihr Land ausgenommen, lassen uns in Freiheit des Körpers unserm Gewerbe und in Freiheit des Geistes unserm Glauben leben. Darum ist es religiöse Pflicht, ihnen Liebe zu zollen und für ihr Wohl zu beten. Ihr wahrer Lohn wird ihnen von unserm himmlischen Vater. Wir aber sollen ihre Liebe und Güte anerkennen. Diese (Stellen des jüdischen Schriftthums erklären also gleich der preußischen Tradition das Königthnm als eine Einrichtung von Gottes Gnaden, als Stellvertretung Gottes, sie verbinden mit dein Begriff des Königthums Macht, Würde, Glanz, Sieg und Unabhängigkeit. Wir nennen Gott in seiner Glorie und Macht unfern König. Unsere Geschichte zeigt klar, daß die Israeliten stets ein königstreues Volk waren, daß sie von allen zmn persischen Weltreiche gehörenden Völkern dein letzten Könige am längsten treu geblieben sind. Diesen rebenben Zeugnissen gegenüber, daß das Jndenthuni Vaterlandsliebe, Unterthanenlrene, Liebe zum Fürsten fordert, müssen alle Anklagen und Verleumdungen verstummen. Kein wahrer Jude wird in seinem staatsbürgerlichen Verhalten diese Forderungen seiner Religion verleugnen können, kein treuer Jude wird zu deu Feinden des Fürstenhauses gehören, dein ein Wilhelm I., ein Kaiser Friedrich entsprossen ist. Kein jüdischer Preuße und jüdischer Deutsche wird dem Fürsten die Treue weigern, dessen Geburtstag wir in den nächsten Tagen feiern, und der mit starker Hand und mit gerechtem Sinn gegen eine Welt voll Lug und Trug, gegen einen Abgrund voll Neid und Bosheit unsere Rechte wahrt. Jeder wahre, glanbenstrelle Jude muß der Sozialdemokratie entgegenwirken, wenn diese auch, um ihrem Programm treu zu bleiben, für die verfassungsmäßigen Rechte der Juden, die andere Parteien antasten, cintriit. Nein; am Geburtstage unseres Kaisers und Königs wollen wir mit jenen schönen Worten aus der heiligen Schrift, denen kein anderes Wort an die Seite gesetzt werden kann, mit der wahren jüdischen Parole sprechen: „So wahr der Elvige lebt, und beim Leben des Herrn, meine» Königs, an dem Orte, woselbst mein Herr der König sein wird, sei es zum Tode, sei es zum Leben, dort wird auch dein Knecht sein!"

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