Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 4 (25.1.1895)
- Date
- 1895-01-25
- Page
- Seite 38 (sequence 2)
- Language
- German
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38 den letzten Jahrzehnten aber sicher noch viel weniger, wie ans folgender Gegenüberstellung sich ergiebt. Die Volkszählung von 1880 verzeichnet die freindbürligei: Inden nicht ans ganz Preußen, sondern nnr ans den Ostseeprovinzen, diejenige von 1890, deren Zahlen wir oben gaben, die Ziffern ans dein ganzen preußischen Staat. Demnach lebten: ('llDCll llll: Jnso in Don Prov. Oft n. ^'cnprouncn 'l'OH’ii, £d)lcfien und Der 2taDt Berlin! S9<) i in aaiuon prein'iiidii'i! Staate Nußland. Oesterreich-Ungarn . . . . sonstigen ungarischen Staaten außereuropäischen Staaten . 11,664 Seelen, 645 ,, 15,165 Seelen, 8,264 Seelen, 6,492 „ o,049 19,604 Seelen. Im Jahr 1880 lebten also in einem Drittel der Monarchie beinahe so viel fremdbnrtige Juden, als im Jahr 1890 in der ganzen: Bionarchie, besonders die russischen Juden haben sich auch absolut bedeutend vermindert. Dagegen ist mit nichtjüdischen Ausländern das Gegentheil der Fall gewesen: 1880 waren Fremdbnrtige in Preußen 310,979 Seelen, dagen 1890 schon 420,858 Seelen. Wenn man diese Entwickelung ans der einen Seite, die Geringfügigkeit der Zahl der russischen Juden überhaupt auf der andern Seite znsanunenhält, begreift man schwer, wie ein Reichstagsabgeordneter, der Eenttrnmsmann Euler, am 10. Januar im Parlament den Ausspruch mit deutlichem Hinweis auf die Inden thun konnte: „Der goldene Boden ist dem Haiidwerk nicht verloren, aber wer nutzt ihn aus? Nicht die Handwerker, sondern Diejenigen, welche vordem in Rußland Lumpen gesammelt haben uub dann nach Deutschland kamen und dem oandwerk rächt blos das Gold, sondern auch das Silber nahmen, und nur ein wenig Kupfer und Nickel zurückließen. (Zustimmung rechts.)" Ob wohl Herr Abgeordneter Euler diesen Ausspruch gethan hätte, wenn ihm bekannt gewesen wäre, daß es in Preußen überhaupt nur 8204 Juden giebt,die aus Rußland stammen? Glaubt er wirklich, daß die Millionen deutscher Handwerker sich den goldenen Boden von den ' 000 russischen Juden (mehr Erwerbsfähige sind unter den 8204 Seelen sicher nicht) wegnehmen lassen? Wir können nicht glauben, daß er dieses Armnthszeugniß dem deutschen Handwerk hat ansstellen wollen; sein Ansspruch wird vielmehr nnr erklärlich durch den blinden Glauben an die Schlagworle von der Einwanderung russischer Juden. Mit dem zweiten Vorurtheil, dem gegen die russischen und polnischen Juden, wollen wir uns in einem folgenden Artikel beschäftigen. feit. Berlin könne für die antisemitische Bewegung nicht maßgebend sein, da es sich von falschen Führern leiten lasse, unter denen sich auch Lockspitzel der Juden befinden. Elemente, die.in ihren Forderungen über die möglichen Grenzer: hinausgehen, müssen wir uns vom Halse halten." Wir haben schon seit Monaten auf die interessante Nachricht gewartet, daßAhlwardt eigentlich in: Dienste der „Alliance Israelite Universelle“ stehe und von ihr fürstlich besoldet werde. Sollten obige Schlußbemerknngen vielleicht der Borbote dieser Nachricht sein? * In Frankreich hat die große Regierungskrisis alle anderen Interessen in den Hintergrund gedrängt. Sobald die erste Aufregung vorüber, wird wohl der sozialistische Lärm und die antisemitische Orgie von Neuem beginnen, die sich zuletzt gegen den ehemaligen Minister des Innern, David Ray na l, gerichtet haben. Es handelt sich dabei um Einsetzung eines Untersuchungs-Ausschusses über die Eisenbahnverträge von 1883. Der „V.-Z." schreibt man darüber aus Paris: „Herr Raynal war es selbst, der dringend die Untersuchung verlangte und seine Freunde bat, für sie zu stimmen. Herrn Raynals Haltung ist verständlich. Um die Eisenbahnverträge hat eine üppige Sagenbildung stattgefunden, die noch immer im vollen Gange ist. Zur Zeit, als sie abgeschlossen wurden, dachte Niemand daran, hinter ihnen Bestechungen und Trinkgelder zu wittern. Ihre Gegner selbst glaubten nicht, daß sie die Vahngesellschafteu begünstigten Im Laufe der Jahre wußten die boulangistischen und antisemitischen Blätter aber die Vorstellung zu erwecken, daß durch die Verträge den Bahnen vom Staat ein Milliarden-Geschenk gemacht worden war und daß die Bahn-Gesellschaften viele Millionen an Minister, Parlamentarier und Zeitungen vertheilt hatten, um jene Vortheile zu erlangen. Es kam den Erfindern dieser Sage zu Statten, daß Herr Raynal, der die Verträge als Minister schloß, Jude ist; sie konnten von „jüdischem Betrug", vom „jüdischen Helfershelfer der Eisenbahnbarone" sprechen und die Verträge als einen Börsen-Gewaltstreich, als eine „jüdische Ausplünderung Frankreichs" hinstellen. Obschon die Verleumdung seit Jahren fortgesetzt wird, hat Herr Raynal sich an sie noch immer nicht gewöhnen können. Er hat sich mit einzelnen Verleumdern geschlagen, andere hat er vor den Richter geschleift und ihre Verurtheilung durchgesetzt. Aber ein Zweikampf beweist nichts, und vor Gericht wird eine verwickelte Staatsangelegenheit nicht erschöpfend behandelt; der Richter begnügt sich damit, die formale Beleidigung festzustellen und den Beleidiger zu verurtheilen. Herr Raynal ist deshalb hocherfreut, daß sich eine Gelegenheit darbietet, die ganze Sache wieder vorzunehmen, sie aus den Urkunden darzustellen, alle Betheiligten zu vernehmen und über den Gang der Verhandlungen helles Licht zu verbreiten. Da ein parlamentarischer Untersuchungs-Ausschuß nicht mit Ausschluß der Oeffeutlichkeit verhandelt und beschließt, so wird es möglicherweise gelingen, die Sage von den Millionenvertheilungen im Jahre 1883 zu zerstören." £ Die Woche. Berlin, 22. Januar. ie Harmonie innerhalb der deutschen Antisemiten Partei trübt seltsame Blüthcn. Während die Ahlwardt-Posse noch innner kein Ende gesunden, und es in der Reichstagsfraktion wohl zu Auseinandersetzungen wegen des Ahlwardt'schen Programms gekommen, einstweilen aber man sich doch noch scheut, den: „hospitirenden" Bundschuh-Mann die Thür zu weisen, hat einer der Führer der Partei Herr Liebermann Don Soiinenberg, in Ottensen in einer Bersannnlnng über das Programm der deutschsozialen Reformpartei sich n:erkwürdig ausgesprochen. Zur Einigungssrage bernerkte Redner: „Eine vollkounnene Einigung aller Antisemiten sei ein Ding der Unmöglich¬ Aus Rußland kommen noch imn:er sehr verschiedene Nachrichten. Man hat es, wie es scheint, gegenwärtig n:ehr mit den Meinungen und Wünschen Einzelner als mit Thatsachen zu thun. Die neueste Meldung aus einer sonst für russische Nachrichten ziemlich zuverlässigen Quelle lautet folgendermaßen: Die Judenfrage soll demnächst entschieden werden. In erster Linie ist es der Finanzminister, der auf ihre Regelung drängt, indem er geltend macht, daß der russische Handel durch die Maßregeln gegen die Juden schwer gelitten habe. Wie es heißt, würden demnächst neue Bestinnnungen in Kraft treten, nach denen es den Juden gestattet sein soll, überall in Rußland ungestört zu wohnen.