Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 3 (18.1.1895)
- Date
- 1895-01-18
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
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für die unbegrenzte Verehrung, die sich der Verstorbene erworben Der Magistrat und die Stadtverordneten, an ihrer Spitze die Herren Erster und Zweiter Bürgermeister Schneider und Kosch, sowie Herr Stadtverordneteu-Vorsteher Rechtsanwalt Sachs. Vorstand und Repräsentanten der Gemeinde, sowie die Meister und Gesellen der Maurerinnung mit reichgeschmückten Kränzen, sowie eine große Anzahl Mitglieder der hiesigen Stadt und Gemeinde gaben dem Verstorbenen das Ehrengeleit. In seiner erhebenden Ansprache gab Herr Rabbiner Dr. Cohn, ein Verwandter der Familie des Verblichenen, mit Rücksicht auf den Chanukatag der allgemeinen und persönlichen Trauer um den Heimgegangenen nur beschränkten Ausdruck, pries aber in gebührender Form die Energie und Hingebung, die Sittenreinheit und Wohlthätigkeit, sowie die innige Familienanhänglichkeit und spendete der gottergebenen Gattin und den Angehörigen des Verstorbenen lindernde Worte des Trostes. Dann wurde der Heimgegangene zur letzten, ewigen Ruhe gebettet. D Dresden, 6. Januar. Ein hiesiger Einwohner gebrauchte in einer Wirthschaft gegen die Juden im Allgemeinen beschimpfende Ausdrücke. Ein anwesender Jude fühlte sich hierdurch beleidigt und stellte Strafantrag. Das Schöffengericht gelangte jedoch zu einem freisprechenden Urtheil, ebenso erkannte das Landgericht als Berufungsinstanz, es sei nicht erwiesen, daß durch die allgemeinen Schimpfreden auf die Juden der Kläger persönlich getroffen werden sollte und mitbeleidigt sei, wie er im Strafantrag betont hatte. (D Hamburg, im Januar. Am verflossenen Sabbathchanuka vereinigte ein schönes Fest alle Streife der hiesigen jüdischen, sowie der benachbarten Altonaer und Wandsbecker Gemeinde in dem großen Saal des Konvenlgartens. Das Chanukakindersest der Henrp-Jones- Loge wurde zum siebenten Mal gefeiert. Nach Sabbathausgang versammelten sich 520 Kinder, festlich gekleidet, in dem Vorraum des herrlich geschmückten Saales. Von Damen und Herren geleitet, nahmen die Kinder ihre Plätze ein und ließen sich bei den Klängen heiterer Musik Chokolade und Kuchen wohl schmecken. Darauf betrat Rabbiner Dr. Werner-Danzig das Podium und Hielt die Festrede. Auf die erhebende Ansprache, welche nicht nur eine tiefe Wirkung auf die Kindergemüther ausgeübt, sondern auch auf die der Erwachsenen, fanden die unterhaltenden Aufführungen statt. Nachdem die Kinder ihre Plätze wieder eingenommen, sprach Herr Rabbiner Dr. Werner auch das Tischgebet, worauf sämmtliche Kinder kleine Geschenke, Bücher, Spiele :c erhielten. Darauf gingen die Kinder unter einem schallenden Hoch auf die Loge mit fröhlichem Herzen und um eine schöne Erinnerung reicher nach Hause. Das Kinderfest war nur die Krönung eines wohlthätigen Werkes, das sich alljährlich um diese Zeit wiederholt. Alljährlich erhalten einige 100 Kinder, in diesem Jahr 380, von Seiten der Loge Kleider, Wäsche und Schuhzeug. 9lber nicht die Beschickung selbst j ist es, die wir hier hervorheben wollen, sondern die Art und Weise, die! wir zu Nutz und Frommen ähnlicher Institutionen hier kurz schildern > möchten Gleich nach den Feiertagen wird in den Synagogen und! Schulen bekannt gemacht, daß bedürftige Eltern ihre Kinder für die! Beschenkung anmelden mögen. Nach sorgfältigen Recherchen, in welchen j diesmal die Loge in dankenswerther Weise von einigen Damen des j israelitisch-humanitären Frauenvereins unterstützt wurde, erhalten die j Eltern unter Kouvert die Anweisungen an die betreffenden Geschäfte ins! Haus geschickt. Die Anweisungen enthalten nicht die Namen der Be-! schenkten, so daß selbst den Lieferanten gegenüber Diskretion gewahrt j bleibt. Gleichzeitig mit den Bons erhalten die Kinder Eintrittskarten zu dem Fest gratis. Für die Kinder bemittelter Eltern, welche sich auch stets zahlreich einfiuden, werden Eintrittskarten gegen Bezahlung ausgegeben. Wie absolut kein Unterschied zwischen den reichen und den armen Kindern an dem Abend zu bemerken ist, geht aus einer an dem jüngsten Festabend gethanen Frage eines kleinen Knaben hervor, welcher seine die Kinder bedienende Mutter fragte: „Mama, wo sind die armen Kinder?" Es herrschte nur eine Stimme des Lobes über das wohlgelungene Fest. OO Köln, im Januar. Auf Einladung eines provisorischen Komitees waren im Hotel Kaufmann, Köln, ca. 3O Lehrer aus Rheinland und Westfalen erschienen, um über die Nothwendigkeit und die Ziele eines zu gründenden Vereins zu berathen. Herr Rabbiner Dr. Lazarus, der an der Spitze des Komitees stand, eröffnete die Versammlung, darauf ertheilte er Herrn Lob als Aeltestem das Wort zur Begrüßung. Airs Vorschlag aus der Mitte der Versammlung wurde hierauf das bisherige Komitee zum Biireau, der bisherige Vorsitzende Dr. Lazarus zum Tagespräsidenten, Dr. Munk zum Schriftführer, die klebrigen zu Beisitzern ernannt. Dr. Lazarus begrüßte hierauf die Versaunnlung. Seinen Worten einige Midraschin zu Grunde legend, verglich er die dem jüdischen Lehrer von der Religion zugewiesene Stellung mit der thatsächlichen. Daran knüpfte er die Beschreibung der Mittel an, welche dem Lehrer diese Stellung wieder zurückgeben können, stellte in allgemeinen Zügen die Ziele des Vereins dar und forderte sie auf, recht eifrig an den: heiligen Werke mitzuwirken. Herr Löb referirt hierauf über das Verhältniß des zu gründenden Vereins zur Unterstützungskasse der israelitischen Lehrer u. s. w. Er betont, es sei heilige Pflicht, bestehende Kaffen zu fördern und ihnen neue Mitglieder zuzuführen Dies sei auch der sehnliche Wunsch des neuen Vereins, dessen Erfüllung er aber von dem Entgegenkommen der rheinisch-westfälischen Unterstützungskasse in Bezug auf Abänderung der Aufnahmebedingung abhängig mache. Er empfiehlt, eine Kommission für die Verhandlungen mit der Unterstützungskasse zu erueuuen. (Von der Wahl eines solchen Komitees wurde jedoch Abstand genommen.) In der sich darall anschließenden Generaldiskussion wurde von verschiedenen Mitgliedern der Unterstützungskaffe die Befürchtung allsgesprocheu, es könne die Gründung eines solchen Vereins der Unterstützungskasse Abbruch thun. Es wurde dagegen von allen Seiten betont, daß im Gegentheil eine Hebung derselben nicht allein beabsichtigt werde, sondern geradezu in Aussicht gestellt werden könnte. Kollege Graf-Essen stellt den Antrag: „Die anwesenden Lehrer wollen beschließen, bei dem Verein der israelitischen Lehrer Nheinland-Westsalens den Antrag zu stellen, eine Statntenveränderung in dem Sinne vorzunehmen, daß er genauer ausdrücke, daß er als Verein existire, sowie daß Erleichterungen bezüglich der Aufnahlne der jüngeren Mitglieder in die Wittwen- und Waijeickasse stattsinden." Kollege Abraham-Kettwig macht darauf aufmerksam, daß ca. 25 Kollegen ihren Beitritt zum Verein schon erklärt hätten, dieser Verein sich als solcher konstituirt habe, man daher nur von Vereinsbeschlüssen reden könne, und macht das Amendement: „Der Verein der Rabbiner und jüdischen Lehrer in Rheinland und Westfalen wolle beschließen, bei der Unterstütznngskommission der israelitischen Lehrer Rheinlalld-Westfalens 51t beantragen u. s. w., streicht dann die Worte „daß" bis „sowie". Der Antrag Graf wird abgelehnt, derselbe Antrag mit Amendement Abraham angenommen. Es folgt hierauf die Spezialdiskussion der Statuten und die Vorstandswahl. Rabbiner Dr. Lazarus dankt darauf den Erschienenen für ihre Mühe und hebt die Sitzmlg auf. Beitrittserklärungen sind an den Vorsitzenden Rabbiner Dr. Lazarus, Königsplatz 3> Jil, zu richten. Oesterreich - Ungarn, LH Wien, 14. Januar. In einer der letzten Sitzungen des niederösterreichischen Landtages gab es abermals erregte Wortkämpfe, und zwar war es diesmal der Landmarschall-Stellvertreter Tr. Haberl, der den Vorwurf Gregorig's, ein Freimaurer zu sein, entschieden zurückwies, und auf dessen Behauptung: Freimaurer seien eine hochverrätherische Bande u. s. w., mit einer sehr würdigen Rede entgegnete: „Gregorig's Tendenz ist die der Verdächtigung und der Denunziation!" Abg. Gr eg orig: Der Vorredner hat unter Gutheißung des Herrn Landmarschalls mir eine grobe Beleidigung zugerufen. Er hat mir die Worte Verleumdung und Denunziation zugerufen. Er hat mich einen Verleumder und Denunzianten unter Zustimmung des Landmarschalls genannt. (Lärm.) Landmarschall: Ich bitte, keine derartigen Bemerkungen zu machen. Der Abg. Dr. Haberl hat nur auf die Vorwürfe geantwortet, die Sie ihm gemacht haben und die ganz unrichtig sind. Ich kann sie nicht anders nennen, als sie genannt worden sind, und sehe mich daher nicht veranlaßt, einzuschreiten. Abg. Gregorig (schreiend): Unter solchen Umständen ist mir jeder Ordnungsruf gleichgiltig. Und in dieser Weise ging's weiter bis zum Schluffe der Sitzung. Der Antisemit Hauck sprach von einem Ueberhandnehmen jüdischer Aerzte auf dem Lande. Landesausschuß Dr. Weit los wies mit Berufung auf die letzte Rede des Ueetor magnificus Dr. Müllner den Redner zurecht. Sie werden, sagte Redner, an vielen Orten hören, daß die jüdischen Aerzte es durchaus nicht verdienen, in Bausch und Bogen verdammt zu werden An sehr vielen Orten haben wir jüdische Aerzte, welche mit Hingebung ihrem Berufe obliegen. In einem Ort, dessen Bevölkerung