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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-01-18 · Heft 3 (18.1.1895) · p. Seite 36

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 3 (18.1.1895)
Date
1895-01-18
Page
Seite 36 (sequence 12)
Language
German
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36 — Dr. M.Braun. Geschichte des Rabbinats in Schneidemühl. Nach gedruckten und ungedruckten Quellen. Breslau. Th. Schatzky. Festschrift zum 80. Geburtstag seines Vaters, der länger als 40 Jahre der geistige Führer der Schueidemühler Gemeinde ist, hat Dr. Braun eine Geschichte des Rabbinats in Schneidemühl veröffentlicht «der Reingewinn des Büchleins fließt der Salomon Brann- Stiftung für jüdische Studirende zu, die die dankbare Gemeinde ihrem Rabbiner gewidmet hat). Aus einem recht bunten, oft sehr mühsam zusammengeholten Material, das ihm die Akten des Posener Staatsarchivs, publizirte Rechtsgutachten, Scheidebriefe, das Halberstadter und Schneidemühler Memorbuch u. s. w., gewährten, baut der Verfasser eine Geschichte der Schneidemühler Gemeinde, soweit sie sich in den leitenden Persönlichkeiten ausprägt, auf und verschafft uns einen Einblick in die oft recht jammervolle Lage unserer Glaubensbrüder im Osten. Vertreibungen, Kriege, Seuchen und Feuersbrünste vernichten zu wiederholten Rialen die eben erst erblühende Gemeinde, bis endlich dieses Jahrhundert bessere Zeiten herbeiführt. Mit der Besetzung des Rabbinats durch seinen Vater bricht der Verfasser in seiner Geschichte ab; die große Bedeutung des Jubilars um die religiöse Entwickelung der Gemeinde kann nur der ermessen, der — wie der Referent — durch eine Reihe oon Jahren Zeuge der segensreichen Wirksamkeit Brauns gewesen ist. Ein auch weitere Kreise interessirender Theil dieser Thätigkeit, das anfangs von Erfolg gekrönte Streben des Rabbiners um Anerkennung des jüdischen Religionsunterrichts als eines obligatorischen Lehrgegenstandes, soll in Kurzem in diesem Blatt geschildert werden. Dr. S. Adler. Kpvechsaal. Verehrliche Redaktion! ^u Nr. 2 Ihrer geschätzten Zeitung befindet sich ein Artikel „Erinuerungen",von Dr. Albert Levy, welche ich durch einen kleinen, aber charakteristischen Zug zu ergänzen und damit den Manu, dessen Allgedenken aufgefrischt iverden soll, noch von einer ganz anderen Seite zu zeigen vermag. Gegen Ende des Jahres 1865 kam ich als Rabbiner nach Memel. Im Jahre 1868 brach in Ostpreußen der schwere Nothstand aus und unter der Protektion des Kronprinzen, späteren Kaisers Friedrich, bildeten sich überall Komitees zur Abhilfe. Zu dem aus drei Persoilen bestehenden geschästsführendeu 'Ausschüsse gehörte auch ich als dessen Schriftführer Mit Zustimmung des Komitees hatte ich von dem Aufrufe desselbeil einen Sonderabdruck Herstellen lassen, der nur für meine Glaubensgenossen bestimmt und dementsprechend mit einer besonderen Nachschrift von mir versehen war. 'An unserenr Orte befanden sich nämlich damals über hundert ärmliche Familien jüdischer Einwanderer, meist Flüchtlinge aus dem nahen Rußland. Obschon gar nicht zu den Bürgern der Stadt gehörend, wurden diese im Verhältnisse zu den übrigen Nothleidenden auch nicht im Mindesten verkürzt oder zurückgesetzt. Meine Absicht ging nun dahiil, für die Beeinträchtiglmg der städtischen Hilfsbedürftigen Ersatz zu schaffen. Die allererste Geldsendung, welche ich erhielt, war aus Berlin. In eineni kleinen, eingeschriebenen Briefumschläge befanden sich 100 Thaler, nur von der kurzen Zuschrift begleitet: „So ist's Recht! Geben Sie den Armen Brod." Unterschrift: Jo«"l Wolfs Meyer. Ein in warmen Worten abgefaßtes Dankschreiben sollte abgehen, da meinte der Vorsitzende, Konsistorialrath Hasse: „Berlin ist groß, Meyer ein sehr viel vorkoinmender Name — der Brief wird ohne Wohnungsaugabe gar nicht an seine Adresse gelangen." — „Ei was," meinte der Schatzmeister, Kaufmann Kundt, „wer 100 Thaler ohne nähere Wohnungsangabe spendet, der hat gewiß eülen der Post bekannten Namen." — Der Brief wurde abgeschickt und ist auch an die richtige Adresse gelangt. Meine Thätigkeit sollte bald einen sehr großen Umfang annehmen. Unter den Juden in den russischen Grenzbezirken war der Nahrungsmangel weit schwerer als diesseits der Grenze; was bei uns Nothstand, das war drüben Huugersnoth, welche die jüdische Städtebevölkerung in ganz entsetzlicher Weise dezimirte. Zur Abhilfe hatte sich hier ein Komitee gebildet, dessen Geschäfte fast ganz in meine Hand gelegt waren. Unser erster mit großer Theilnahme aufgenonunene Aufruf bezeichnet, richtig betrachtet, ein historisches Ereigniß, denn damit war die russischjüdische Frage aufgerollt und hat seitdem nicht mehr von der Tagesordnung abgesetzt werden können. Herr Joel Wolfs Meyer beantwortete auch diesen Aufruf wieder durch den Briefumschlag, welcher 100 Thaler enthielt, und ganz ebenso unsere beiden ersten Rechenschaftsberichte. Es schien mir befremdlich, daß unser dritter Rechenschaftsbericht vom Dezember 1860, welchen wir dem Genannten halten zugehen lassen, so gänzlich unberücksichtigt blieb. Durch obenbezeichneten Artikel habe ich den Grund erfahren. Der edle Mann befand sich schon nicht mehr unter den Lebenden. Wer war Joel Wolfs Meyer? Hier konnte mir Keiner Aufschluß gegeben. Vergessen habe ich, trotz meines schlechten Namengedächtnisses, diesen Namen niemals. So oft ich seitdem nach Berlin kam, wollte ich mich darnach erkundigen, habe es aber immer wieder versäumt. Jetzt nach mehr als 25 Jahren erfahre ich, wer und was dieser treffliche Mann gewesen ist. „Sein Andenken sei zum Segen!" Mit freundlichem Gruß Memel, im Januar. Rabbiner Dr. I. Rülf. * Sehr geehrter Herr Redakteur! ^ln Nr. 51 Ihrer werthen Zeitschrift sucht Herr Dr. Vogelstein die Angriffe zurückzuweisen, die seine im Aufträge westfälischer Gemeinden ausgeführte Modernisirung unserer Gebete erfahren hat. Er vertheidigt namentlich das grundsätzlich durchgeführte Ausscheiden jeder Erwähnung des Opserdienstes, weil er diesem letzteren keinen inneren Werth beimißt und die entsprechenden Gebete der heiligen Schrift nur als eine den heidnischen Begriffen der damaligen Zeit widerwillig gemachte Konzession betrachtet. Zur Stütze dieser Ansicht glaubt Herr Dr. Vogelstein sich auf die Autorität des Maimonides berufen zu können, da dieser in seinem More nebuchim sich in gleichem Sinne ausspricht, indem er den Opferdienst als ein Zugeständniß an die menschliche Schwäche auffaßt. Ich bin nun weit davon entfernt, mich in den zwischen Herrn Dr. Vogelstein und seinen Gegnern noch hell lodernden Streit, ob und wie weit eine Modernisirung unserer Gebete erforderlich und erlaubt sei, zu mischen- Wenn aber Herr Dr. Vogelstein die Kontroverse durch Anrufung maßgebender Litteraturzeugniffe der jüdischen Religionswissenschaft in das neutrale Gebiet der Wissenschaft verlegt, so handelt es sich jetzt nur darum, die objektive Wahrheit festzustellen und hier speziell nachzuweisen, wie denn der große Maimonides, der Gewährsmann des Herrn Dr. Vogelstein, über den Opferdienst gedacht hat. Klar und deutlich, jedes Mißverständniß ausschließend, spricht er sich über diese Frage in seinem Monumentalwerke Jad ha-Chasakah in dem Abschnitte Hilchot-Melachim, XI, 1 folgendermaßen aus: P prim .... -tiöi6 tdi? rroan “j^n! 131 nuznp pnpöT.cnp» i\mw ws „Und wer dies nicht glaubt, oder auf die Ankunft des Messias nicht harret, so heißt es dort weiter, der leugnet nicht nur die Verheißungen der übrigen Propheten, sondern er glaubt auch nicht an Mose und an die Thora selbst." Der Widerspruch zwischen dieser Stelle und dem von Herrn Dr. Vogelstein angeführten Citat ist nur ein scheinbarer. Hier spricht M. eine religionsgesetzliche Norm aus, dort aber, in dem religionsphilosophischen Werke More nebuchim, sucht er die Gesetze historisch und philosophisch zu erklären. Er ist aber weit davon entfernt, die Verbindlichkeit derselben in solchen Umständen und Zeitverhältnissen zu leugnen, für welche seine Erklärungsversuche nicht mehr zutreffend sind. Daß diese Auffassung richtig ist, beweist auch der Umstand, daß Maimonides am Schluffe seiner Hilehot Berachot bei der Fixirung des Textes der Gebete auch die von rn Dr. Vogelstein perhorreszirten Stellen unverkürzt anführt. Hochachtungsvoll Hamburg, 31. Dezember. Dr. med. E Fink. Kriefkasten der Redaktion. (tz. B. in A. Ihre Arbeiten kommen zum Abdruck. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin. i

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