Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 3 (18.1.1895)
- Date
- 1895-01-18
- Page
- Seite 35 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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35 XV. Wo ist da die Wahrheit, wo die Ehrlosigkeit'? fragte sich Jizchak von Neuem. Und wenn sein Endziel sogar gut, wenn seine Absichten wirklich edel waren, darf man sich da solcher Mittel bedienen? Er, der so viele Schulen beendigt, so viel gelesen und nachgedacht hat, er wird jetzt diesen Idioten, Blutsaugern und Elenden die Hand reichen, obgleich er sie im tiefsten Herzensgründe vielleicht verachtet. . . . In solchen Reflexionen versunken, blieb er vor einem glanzenden „Bankhause" stehen, an dessen Eigenthümer er auch eine Empfehlung hatte. In einem ganz abgesonderten Arbeitszimmer, dessen Haupteinrichtnng zwei Wertheimsche Kassen bildeten, saß der Ehef, über einem großen, messingbeschlagenen Buche vertieft. Beinahe eine Viertelstunde stand Jizchak auf der Schwelle unb betrachtete das wohlgeformte Profil und die glänzende Glatze des Bankiers. Die Aufzeichnungen wurden nun aber beendigt, und der Besitzer der zwei iniponirenden Kassen und der nicht welliger imposailten Glatze walldte sich liach ihm um. „Also vom Herrll Doktor." Er dlirchflog die Karte unb lehnte sich, nachdem er den Jüngling vonl Kopfe bis zll den Füßen genlustert hatte, behäbig in das Fauteuil zurück. „Sehen Sie Herr," sprach er ellschiedeilell Tolles, „es ist gar ilicht schön, in so jullgen Jahren von der Gnade Ariderer zu leben." Jizchaks Wangen waren voll brenllendem Roth übergossell. „Aber Herr!" stieß er mühsam hervor, „ich komnle nicht um Almosen zu Ihnen, ich sllche Arbeit!" „Wir kennen das. Wußten Sie beim nicht, daß in meiner Bank keine Beschäftigung für Sie zu finben sei?" Jizchak empfand die volle Wahrheit dieser Bemerkung und erwiederte erregt: „Ich dachte, daß es Pflicht des Mächtigen sei, dem Armen mit Hilfe aller ihm zll Gebote stehellden Mittel das Leben zu erleichtern." So kühn hatte noch Nieniand zu dem Millionär gesprochen. Dieser war auch llicht wenig überrascht und begann den Jrenlden aufmerksanl zu beobachten. „Dummkopf oder Spekulant?" fragte er sich, dann sprach er laut: „Kommen Sie näher. Setzen Sie sich. Was hat Sie eigentlich hierher gebracht?" Peinlich loar dem Armen die ewige Erzählung geworden, mit der er großthlm mußte, wie der Bettler mit seinem Gebreste, er wollte sich daher ganz bündig fassen. Aber der Bankier interessirte sich offenbar für seine Geschichte und befragte ihn um die Details, zuletzt aber schnellte er in die Höhe: „Das ist ja unerhört! Sie wollen den Talmud verwerfen?" „Genug, schon genug! Sie kölinen es noch bis zum Atheismus, Nihilismus und Gott lveiß, wie weit brillgell. . ." Der Erzähler verstummte. „Stellen Sie sich vor, wohin es kommen müßte, weilll alle Menschen so verkehrte Ansichten bekennen würden," schrie der Ballkier. „So könnte ich zum Beispiel lveder ruhig über die Straße gehell, lloch Jemalld bei mir empfangen, müßte immer ein eiserlles Hemd tragen und mit einem Revolver bewaffnet sein. Schrecklich, schrecklich, welche Zeiten silld das jetzt. . ." Jizchak vernlochte es gar llicht zu begreifen, welcher Zusammenhang zwischen religiöser Kritik und dem Räuberwesen bestehe; er fühlte, daß er trotz seiner Freisiunigkeit ein ehrlicher Mensch war, mtb daß er nicht die geringste Absicht hatte, eine Kasse zu erbrechen, wiewohl seine Tasche leer war. . . Er erhob sich. . . „Was soll ich denl Doktor sagen?" „Daß . . . daß . . . daß meine Ueberzengungeli es mir nicht! gestattell, Menschell mit derartigen Ideell zll lluterstützell. Adieu." Jizchak wandte sich zuul Gehen. Er mußte seine ganze Willens-! kraft aufbieten, um seinem Zorn, allgesichts dieses ihn in feinen Gefühlen auf so brutale Weise kränkenden Menschen keinen freien Lauf zll lassen. Im diesem Augeilblick aber erinnerte sich der Bankier, daß er dlirch feine Absage den Korrespondenten des Wiener Blattes beleidigen kölillte. „Junger Malln!" rief er dem das Zimnler Bertassendell nach. Jizchak kehrte zll rück. „Sagen Sie denc Herrll Doktor, daß ich, wie er mich tennt, mich nie von Werken der Nächstenliebe zurückziehe . . . im Gegentheil . . . hm, hlll. ... Ich bill allch jetzt gern bereit . . . und verpflichte lilich zu feinen Händen jeden Monat die Summe von . . . zwei Gulden zll spenden, wenn sich lloch Andere in dieser Art finden, danlit die Gesamilltsumiile zur gänzlichen Erhaltlllig gellügen soll." „Ich danke sehr," stotterte Jizchak und machte eine linkische Verbeugung. Er hätte sich aber ohrfeigen mögen, als er wieder drallßen war. Wie nichtsloürdig bin ich, voll ihm Geld anzllllehillen. Er erinnerte sich des Heimathlichen Sprichwortes: „Ter Arme darf nicht stolz sein." Warum denn nid)t? Bah, .und wenn er es durchaus sein will, all weil! wird sich dies rächen? — Tie Noth frißt llicht blos den Leib, zerreißt llicht lmr den Magen, dachte er voll Weh. Auch der von ihr gepeilligte Geist llnrß weinen, auch das Herz saugt gleich einem Schwamm Thränen und Bitterkeit ein. Wo ist da die Gerechtigkeit? (Fortsetzung folgt.) „Ja." „Na. das ist zll kühn! Ich verstehe zwar llichts voul Talmud, rallche am Sanlstag, aber das Leben hat lnich über Manches belehrt. Wenn wir nicht die Gesetze Mosis anerkennen würdell, müßten wir ja alle Merkmale des Judenthums voll llns werfen!" „Und wenn man daran doch nicht glaubt?" warf Jizchak ein. „Wird doch so Manches gethan. worall man nicht glaubt." erwiderte der Ballkier erilst. „Ich köllnte so llicht haudelil." „Nun, bann glaube ich schon, daß Sie kein Millionär merbcn können. Aber sprechen Sie weiter." Jizchak uahnl seine Erzählung wieder auf, aber bald unterbrach hn sein Zuhörer mit dem Ausdruck der Entrüstung.! Fitti'rarische MittheUungen.! IsraelitischerIugeubf r eit nb,herausgegebenvonE.Flanter.! Eine Jugendzeituug, in schlichter, unterhaltender Form geschrieben, bedarf keiner besonderen Empfehlung 'oder Einführung, muß vielmehr von allen Freunden desDmdenthums, von Allen, die an die Zukunft des jüdischen Stammes denken, mit Freuden begrüßt werden. Nur muß der j Herausgeber stets an seinem Grundsätze festhalten: Den mindern das j Beste. Wir verhehlen uns nicht die Schwierigkeiten, die sich einem solchen : Unternehmen in den Weg stellen. Um so größer aber wird das Verdienst! des Herausgebers sein, wenn er, getreu seinem in der uns vorliegenden! Nr. 1 entwickelten Programm, unserer Jugend das bieten wird, was sie i bis jetzt vermißt hat: eine vonl Geiste des Judenthnills dnrchtränkte, i belehrende und zugleich interessante Lektüre. A-tz.