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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-01-18 · Heft 3 (18.1.1895) · p. Seite 34

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 3 (18.1.1895)
Date
1895-01-18
Page
Seite 34 (sequence 10)
Language
German
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34 obgleich es mich hier Ausnahmen giebt; ich liebe sie nicht, wie man das Ueberlebte, Veraltete und Morsche nidjt lieben kann. Ich kann nichts dafür, vielleicht liegt's an meiner Erziehung, obgleich meine Eltern doch anders denken." „Und was funu ich dafür, daß mir dies an Ihnen nicht gefallt, iveun ich Ihre Art, die Tinge zu sehen, für ganz falsch halte, lveil sie nur Portirtheilen entspringt," unterbrach ich sie. „Meinetwegen. Aber Sie miissen das nicht so tragisch nehmen als Sie es thirn. Was Liegt an mir?" Sie schaute einige Minuten vor sich hin, wie in Gedaltken versunken. Sie hatte die beiden Rosen, die sie in der Hand gehalten — eine weiße und eine rothe — vor sich auf den Tisch gelegt. Und dann begann sie wieder zu sprechen, während ihre Wangen sich rötheten und ihre Angen zu leuchten anfingen in einem Feuer, wie ich es noch nie bei ihr gesehen, und ihre Stimme klang ganz gedämpft, aber voll verhaltener Leidenschaft: „Wenn Sie es begreifen könnten, wie ich mich nach den Anderen sehne, die stärker sind als nur armen Juden. Es ist nicht ihre Religion, die mich anzieht, sondern die Ueberlegenheit, die Kraft, das Fremde, der ganze Gegensatz, der zwischen uns ist. Sie können über mich lachen, Sie können mein Empfinden unfein und feig nennen, aber gleichviel, ich sage es Ihnen offen: Je mehr sie uns hassen, desto schmerzhafter mein Sehnsuchtsgefühl, mein Bedauern, nicht als eine der Ihren geboren worden zu sein. Ties Gefühl hatte ich schon in früher Jugend. Meine Schulkolleginnen behandelten mich wenig liebevoll und sie hattet! ein großes Vergnügen daran, mir alles Mögliche und Unmögliche an Lächerlichkeit anzndichten, weil sie mich beneideten meiner Fähigkeiten, meiner Kleidungsstücke wegen. Wenn ich auch innerlich darüber empört war und ihnen Rache schwur, ich duldete doch Alles und schloß mich ihnen immer wieder und nüeder an, denn mein Reidgefühl war doch viel stärker als das ihre. Ich war ganz feig in dieser Hinsicht. Ich beneidete sie um Alles, vor Allem um ihre Feiertage. Wenn Weihnachten herannahten, da stand ich frierend vor all' den Schaufenstern der Handlungen, Konditoreien, all' die Tannenbäumchen, frommen Büchlein erschienen mir als die wunderbarsten Schätze, obgleich ich doch kostbarere Sachen hatte, llnb als ich dann all' die frohen Gesichter sah, die erleuchteten Fenster, frohen Gesang und die Menge, die aus der Kirche strömte, da fühlte ich mich verlassen, und ich weinte heiße, heiße Kinderthrünen. Ich ging zu meinen Eltern und klagte ihnen mein junges Leid. Papa wurde bös. Es sei sündig von mir, solche Wünsche zu hegen, ich, die ich alle schönen jüdischen Feste verschlafe und ihnen dabei allen Frohsinn verderbe. Ich möge nicht mehr mit solchen kindischen, unstatthaften Tingen kommen. Mama aber bat für mich und versprach mir für den zuzeiten Abend einen Weihnachtsbaum. Aber als er dann vor mir stand, mit herrlichen Sachen behängt, mit unzähligen Lichtlein, da wurde ich erst recht traurig und fühlte mich enttäuscht, da die Eltern ernste Gesichter machten und theilnahmslos waren. . . An einent brennend heißen Sommertage schaute ich durchs Fenster hinaus und sah eine Prozession daher kommen. Es hatte lange nicht mehr geregnet, auf den Feldern war Alles verdorrt, und so zogen sie hin tnit flatternden Fahnen, heiligen Bildern und Lichtern: der Pope und mit ihm eine Schaar cinsältiger junger und alter Frauen, Bettler mit geflickten Kleidern, Bauern, Greise, und der feierliche, monotone Gesang drang zu mir hinauf. Da konnte ich es nicht länger lassen, ich schlich mich hinaus und schloß mich von fern dem Zuge an. llnb ich wandelte mit im Sonnenbrände, daß ich vor Hitze schier umfiel, über die verdorrten Felder — es waren die Fahnen, die Lichter, der Gesang, die inich ntitzogen. Mir wurde säst dunkel vor Augen, so müde war ich, und wer weiß, was mit mir hätte I geschehen können, wenn mich nicht meine Amme erblickt hätte. Sie! trug mich auf den Händen nach Hause. Weinend bat ich Mama! um Verzeihung; sie möge ja nichts Papa davon erzählen. Die ganze j Rocht aber träumte mir von goldumrahmten Heiligenbildern, von flatternden Fahnen und von heiligen Liedern. . . Sehen Sie, das war Kiuderschwärmerei, aber es ist sehr viel davon in mir geblieben, | und wer mich nicht verstehen kann — wohlan, der möge mich verj dämmen, wie Sie mein gestrenger Freund."! Ich hatte ihr nichts darauf zu antworten; ich verstand sie. Ich | sagte ihr nur, daß es der Mangel an Selbst bewußt sein ist, der! uns Inden so schwach und unterwürfig mache. Und daß wir blind! sind gegenüber der goldenen Poesie unserer Dichtungen, daß ein j starrer Dogmatismus alle Wärme und Liebe für alle die Schätze, die wir aus der Vergangenheit herübergerettet, vernichtet habe. Und deswegen seien wir heute nicht mehr so stark, als wir es waren. Sie hatte darauf nur ein bedauerndes Kopfschütteln —das war ihr ja Alles eine fremde Welt. Und ich dachte daran, wie so verschieden unserer Beider Jugend gewesen. Sie hatte mich einen kleinen Einblick in ihr Seelenleben thnu lassen, und wie ich sie nun auch begriff, ich mußte mir doch sagen, daß eine Kluft zwischen uns lag, über welche kein Steg führte. > Sie konnte ja keinen Juden lieben! Wie das klang. . . j Es traf sich gerade, daß ich meine Heimath verlassen mußte,! und wie tief es inich schmerzte von meiner Mutter für längere Zeit! zu gehen, ich begrüßte doch diesen Zufall als eine glückliche Wendung! in meinem Leben. Ich wollte, ich mußte sie ja vergessen, j Ich hatte in der Fremde noch ab und zu an sie gedacht mit i einem Gefühle wärmsten Bedauerns, — aber ich fühlte, daß es nur; Täuschung gewesen, wenn ich sie früher zu lieben wähnte. Und dann I schrieb mir Mama, daß sie sich verlobt — aus glücklicher Liebe. Es! ivnnderte mich nicht, daß es ein Andersgläubiger gewesen, den! sie! ihre Liebe geschenkt. Anfangs überkam es mich wie Reid und Schmerz, i aber es hatte nicht lange gedauert. . . Und dann vergaß ich sie ganz,; als ich die treue Liebe meiner sanften, süßen Josephine fand, j (Fortsetzung folgt.)! »»» i | Der Iudenpmge. Eine Erzählung aus Ostgalizie» von Wilhelm Feldmaun. j (Fortsetzung.) #ofcn Sie!" sagte der Direktor zu Jizchak, „ich habe eine glänzende Idee. Sie brauchen Geld!" „O sehr." | „Sie werden es habe». Ich werde Ihnen ein Fascikel, Prvj gramme und Aufrufe geben ... Sie können doch gut Hebräisch?"! „Sn-" „Sie werden mir dieselben ins Hebräische übersetzen, den lokalen! Bcrhültnissen anpassen, aber klug und geschickt . . . und dann können Sie sich in jene Gegend zurückbegeben, zu Ihren Bekannten. . . Jizchak erhob sich mit finsterer Stirne.! „Nein, Herr!" j „Aber junger Mann! Ich werde sehr gut bezahlen . . . sofort ... und dann später, wen» ich mit Hilfe des Zaddik, und wie heißt j er doch . . dieses . . . Lejbele .... gewühlt werden sollte, will ich j Eurer nicht vergessen, werde Euch reichlich belohnen . . . auf Ehre!; „Ich danke," erwiederte Jizchak trocken und vertief; ohne Gruß! das Zimmer.

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