Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 3 (18.1.1895)
- Date
- 1895-01-18
- Page
- Seite 33 (sequence 9)
- Language
- German
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33 grundlegende», systematischen Werke gelte», bis der Verfasser sich entschloß, durch Veröffentlichung einer Auswahl seiner in Berlin gehaltenen Predigten „zu zeigen, wie er nach Maßgabe der Kraft, die ihm geworden, nach dem hohen Ziele ringt, das er sich und Andern gesteckt hat"'). Darm» begrüßen wir es mit dankbarer Freude, daß Maybaum einem 1892 erschienenen Bande „Kasualreden"^) nunmehr einen zweiten Band „Predigten und Schrifterklärungen" zum ersten und zweiten Buch Mose hat folgen lassen, und wir können ihn nur ermuthigen, durch baldige Herausgabe seiner Sabbathreden zu den drei letzten inosaischen Büchern und namentlich seiner Festpredigten den bildungsfrenndlichen deutschen Juden ein Predigtwerk darzubieten, das so recht geeignet ist, ein Familienbuch für jedes jüdische Hans zu werde». Der uns vorliegende zweite Band der Maybaum'schen Predigtsammlnng enthält 39 Sabbathreden (und in einem Anhang 6 Kasualreden neueren Datums). Fast alle Wochenabschnitte des 1. und 2. Buches Mose sind bei der Auswahl berücksichtigt, mehrere sind mehrfach bedacht. Zum Sabbath Toledoth und Chanukkah werdeir je vier Reden dargeboten. Alle in diesem Band aufgenoinmene» Sabbathreden sind in den letzten zehn Jahren in den Berliner Gemeindesynagogen gehalten worden; sie haben also ihre erweckende Kraft bereits bewährt, und so werden sich auch beim Lesen und Durchdenken alle Bekenntnißgenossen, die sich die Empfänglichkeit des Gemüths für Hohes und Heiliges bewahrt haben, mächtig hineingezogen fühlen in den Bannkreis des Idealen. Je öfter wir diese Reden lesen, um so anziehender erscheinen sie uns, «veil sich Natur und Kunst in ihnen harmonisch vereinigen, um uns eine ebenso lautere wie tiefe Auffassung unserer Religion einzuprägen. Dies Predigtbuch trägt in der That alle Merkmale eines echten Volksbuchs in sich; es ist aus der Zeit für die Zeit geschöpft; die einzelnen Reden sind kernig in Gedanken, planvoll im Ausbau, schlicht in der Darstellung und gefällig in der Sprache. Wir glauben uns bescheiden auszudrücken, wenn wir sagen: diese Sabbathreden gehören zu dem Besten, was die homiletische Litteratnr der Juden hervorgebracht, und wenn an diesem Urtheil das persönliche Verhältniß des Schülers zum Meister einigen Antheil hat, so wird doch auch der unbefangene, aber aufmerksame Leser dieser Predigten und Schrifterklürungen sich für die empfangene geistige Anregung und sittliche Erhebung dein Verfasser zu lebhaftem Dank verpflichtet fühlen. m iiMiinriiniii lMMMn ■SiHKsiK 1 ü 8 FEUILLETON 8 in 3 M «tuimmiHiii imJEnwi B6 i! rifTi 'JLi1 / Uorurtheile. daher; Körben, irr dem Novelle von Hermann Menkes. (Fortsetzung.) on weither schwamm zu uns eine klagende Melodie herüber, die ein Chor junger Studenten angestimmt. Auf der steinigen Landstraße rollte ein alter, vollbepackter Wagen ein ganzer Haufen jüdischer Weiber saß darin mit großen in denen all' die Waarenlager, die sie auf dem Markte nahe gelegenen russischen Städtchen erstanden. Sie zanken ') S. Vorwort zum t. Theil, Vitt. '-) Berlin. Bibliographisches Bürcau. mit einander mit laut kreischende«« Stimmen; denn die Armuth kennt keinen Frieden. Ich sehe das Alles noch vor mir; die nun erwachte Erinnerung führt mir all' diese Bilder mit plastischer Deutlichkeit vor. Draußen hat es zu regnen angefangen; ganz langsam fallen die Tropfen, daß ich sie zählen könnte. Wieder versinke ich in Erinnerungen. Und meine Phantasie knüpft die Gedankenkette wieder an. Ihr Papa begann nun von dem Elend der russischen Juden zu sprechen; wieder hatten in Rußland Verfolgungen stattgefundeu. Sie fand nicht ein Wort des Bedauerns; sie wandte sich ganz theilnahmslos ab. „Lieben Sie Ihre Glaubensgenoffen nicht, Fräulein?" fragte ich sie. „Lieben? Die in Rußland? Wie kann man das Verkommene, Verkrüppelte und Unfeine lieben? Nein! Ich fühle nur eine bedauernde Abneigung, sowie mau das Unglück bedauern, aber nie lieben kann." Sie sagte das Alles mit kühler, ironischer Betonung, daß ich mich verletzt fühlte. Ich konnte ihr nicht zürnen, in diesen« Momente nicht, aber es stieg doch in mir ein Zorn auf über die moderne Erziehung in manchen jüdischen Familien, die ihre Kinder losrissen von aller Stamineszusamnieiigehörigkeit und aus ihnen ein Zwitterding machten. Und hatte es sich nicht stets gerächt? Es war daun in all' diese Jünglinge und Mädchen ein seelischer Zwiespalt gekommen, mtb wie mancher traurige Konflikt wurde dadurch nicht herbeigeführt. Und dieser eingepflanzte Jndifsereutismus der jüdischen Jugend hatte das Beste an ihnen getödtet, «vas ain Judeuthum «var, altes Warme und Feine seiner Empfindungen, die diskrete Bescheidenheit, die langes Unglück ausgebildet, und den ganzen Idealismus, den es sich aus einer großen Vergangenheit herübergercttet. Das klang in mit wie eine Anilage gegen alt' diese Väter und Mütter, die von einer falschen Voriiehmthuerei sich verleiten lassen auf Abivege, die nur schädlich fein können. Sie mußte es gefühlt haben, daß mich ihre Worte verstimmt, aber sie sagte nichts; ich fühlte es mit an ihrem Händedruck, der jetzt wärmer und herzhafter war als sonst, daß es ihr leid that. Ich «var dann von ihr gegangen mit den «viderstreitendsten Gefühlen. Ich hatte in den letzten Stunden in ihrem ganzen Doppelwescn gesehen: das Jnnige, das ganz verborgen in ihr ruhte, und das Kalte und das Herbe ihres Wesens, das «»ich abstieß. In meinen Gefühlen kämpfte es immerfort, es «var etivas, das «nich anzog an ihr, und dann tvieder et«vas Fremdes, das mir feindselig gegenüberstand. Ich liebe sie ja nicht! rief ich mit zu, um mich selbst zu beschwichtigen; aber iininer wieder «nußte ich an sie denken. Ich hütete mich, mit Mama darüber zu sprechen; sie konnte darüber nicht urtheilen, weil sie Antonia liebte. Ich beschloß, sie zn meiden. Und als «vir uns denn nach Wochen wiedersahen — «vir saßen in der Laube und zu «ms drang ein betäubender Duft von Rosen und Jasmin — da sagte sie mir mit einen« kühlen Lächeln, das ich an ihr so sehr haßte: „Sie inüssei« mir sehr gezürnt haben über meine Ansicht, die ich Ihnen auf nnserer letzten Spazierfahrt ausdrückte. Sie scheinen mich ja zu «neide««. Wie kann man aber als gelehrter und reifer Mensch so ««»psychologisch denken? Was können wir für nufere Sympathien und Antipathien? Ich kann mich mm einmal für meine Stammesgenofsei« nicht er- «värineu, «vie ich auch alle Brutalität, mit der man sie behandelt, verdainnie. Ich habe eine Abneigung gegen diese Menschen, die so klein, so kraftlos geworden sind durch Jahrhunderte langes Unglück.