Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 3 (18.1.1895)
- Date
- 1895-01-18
- Page
- Seite 32 (sequence 8)
- Language
- German
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32 von ihnen geht die Gelehrsamkeit aus." Dieser talmudische Spruch hat mich immer mächtig ergriffen, denn er war mir die Gewähr, daß es niemals ein Proletariat unter den Juden gegeben hat und niemals — wenn sie ihre Stammeseigenthümlichkeiten bewahren — geben wird. Wo die Keime zur geistigen Kultur derart vertheilt sind, daß auch die untersten und ärmsten Klassen daran theilnehmen, da ist dem Proletariat der Boden entzogen. Das Wort „produktive Erwerbsart", „produktive Arbeit" im Sinne von Handarbeit wiederholt sich zu oft in jenem Artikel. Eine jede Arbeit ist produktiv. Eine andere als produktive Arbeit giebt's gar nicht. Was ist denn die Arbeit anders als Produktion? Wenn der Jurist Rechtsprechung, der Arzt Heilung produzirt, so sind diese Produktionen doch wohl nicht zu verachten. Mit denr Beginn der modernen Judenhetze hat man auch eine Handelshetze ins Werk gesetzt, indeni man diese „produktive Arbeit" mit dem Handel in scharfen Gegensatz brachte, um den Handel als unproduktiv zu mißkreditiren. Zn dieser Handelshetze, die inan gelegentlich auch als Judenhetze benutzte, mußte eine gewisse wirthschaftliche Afterwissenschaft das Rüstzeug liefern. Mit dem Worte „Arbeit", „wirthschaftliche Arbeit", „produktive Arbeit", „nationale Arbeit" ist ungeheuer viel Unfug getrieben worden, im Besonder« dadurch, daß man das Wort nicht ohne einen verächtlichen Seitenblick auf den Juden aussprach, welcher ja nicht arbeitete, sondern nur schacherte. Ter Jude soll nicht arbeiten; er, vielleicht in seinem Berufe der fleißigste, strebsamste, nnermüdlichste Mensch der Welt. Ja, aber der Handel, dieser unproduktive Handel, wenn er sich nur nicht so eifrig und fleißig mit diesem Handel beschäftigen wollte! Ist denn in der That dieser Handel so unproduktiv, wie man ihn hinzustellen beliebt? — Was soll er denn aber produziren; er arbeitet doch nur, um für sich irgend einen Gewinn, irgend ein kleineres oder größeres Profitchen hcrauszuschlage». Was ist es nun? Dummheit oder Bosheit, welche solche falsche, verderbliche Theorien hinzustellen, sich gemüßigt sieht?! Ja, wenn es wahr wäre, >vie man überall hören und lesen kann, daß diese sogenannte Arbeit die alleinige Schöpferin aller Werthe sei, dann könnte diese Geringschätzung und Herabwürdigung des Handels wohl Recht behalten; allein der Beweis für diese Behauptung ist nicht erbracht und kann nicht erbracht werden. Die Arbeit schafft nicht Werthe, sondern nur Bedürfnisse, deren Werth zunächst gleich Null ist, bis sich ei» Bedarf dafür herausstellt. Ta bemächtigt sich des Produkts der Arbeit oder der Industrie, welche ja nur Arbeit in großem Stil ist, der Handel, um dieses Produkt nach dem Orte zu bringen, woselbst ein Bedarf hierfür vorhanden ist; erst durch den Handelsverkehr erhält das Arbeitsprodukt seinen Werth, In einer hochcivilisirten Gesellschaft mit einer Anzahl, von Bedürfnissen, die aus allen Enden und Ecken der Welt herdeigeschafft werden müsse», erhält ein jedes Arbeits- oder Industrie- Produkt erst durch den Geschäftsverkehr seinen Handels-, seinen Cours¬ oder Tauschwerth, der allein auch für den Gebrauchswerth maßgebend ist. Produzirt die Arbeit die Bedürfnisse, so produzirt der Handel die Werthe. So war es, so ist es, und so wird es bleiben, so lange unsere gesellschaftliche Ordnung dieselbe bleibt, was auch eine, oft absichtliche Verkehrung des wahren Sachverhalts dagegen einwenden mag. Unter allen Berufsarte» ist dem Handels- und Geschäftsverkehr die wichtigste und bedeutungsvollste Mission zugefallen. Der Handel ist der Produzent aller Werthe, darum aber auch alles Volksreichthnms, der Hauptfattor der Welteivili sa tion und Weltkultur, der Hort des Friedens und Menschenverbrüderung. Der Handel ist es, welcher eine Industrie erst möglich macht, und in Folge deffen einen großen, wenn nicht dem größten Theile der Menschen zu Arbeit und Brod verhilft. Staat und Gesellschaft gestehen das auch zu; — der beste Theil aller Politik ist Handelspolitik, und die so geschmähte Geldaristokratie ist lediglich Handelsaristokratie. Es ist gewiß nicht von ungefähr, sondern vielmehr eine Fügung und Führung der die Weltgeschicke lenkenden Vorsehung, welche gerade unserem Volke einen so bedeutenden Antheil an der Weltmission des Handels zugewiesen hat. Wir haben hier schon um deswillen die wirthschaftliche Bedeutung des Handels ins rechte Licht rücken wollen, um anzudeuten, daß in der Beschäftigung mit dem Handel kein Grund zu einer „Judenfrage" gefunden werden kann. Laffet die Menschen nur erst wieder zur Besinnung kommen und ohne Voreingenommenheit ohne Mißzeitung und Mißdeutung zur vollen Würdigung des Handelsverkehrs hingelangt sein — dann, ja, dann wird auch die Judensrage gelöst sein. Dann wird man auch in dem jüdischen Trödler ein eben solch' nützliches und brauchbares Glied der Gesellschaft erkennen, wie in dem jüdischen Dachdecker, und einen Jeden in der Wahl seines Berufes ruhig gewähren lassen. Maydamns Predigten und Schrifterktürungen?) Von Dr. L. Blurnenthal, Rabbiner in Frankfurt a. O. L dem Jahre 1881 bekleidet Maybaum das Predigtamt in ,der größten Gemeinde Deutschlands und seit 1888 das "re! Lehramt für Homiletik an der Lehranstalt (Hochschule) für die Wissenschaft des Judenthums. Wer ihn näher und genauer kennt, weiß, daß ihm die gottesdienstliche Einrichtung der Predigt viel zu hoch steht, als daß er sie zu einer Sache bloßen ästhetischen Wohlgefallens herabwürdigen könnte; wer ihn längere Zeit hat predigen höre», weiß, daß er, wo es gilt die religiöse Bedürfnißlosigkeit oder Ehrlosigkeit gewiffer Kreise 311 geißeln, kein Blatt vor den Mund nimmt. Wenn einer, so hat Maybaum den Muth, seiner Gemeinde bittre Wahrheiten zu sagen, lind seine scharf ausgeprägte religiöse Ueberzeugung verleugnet sich auch da nicht, wo man ihr erfahrungsgemäß wenig Geneigtheit entgegenbringt. Obwohl also Maybaum keineswegs nach dem Beifall der Menge trachtet, so ist es doch eine ebenso offenkundige wie erfreuliche Thatsache, daß er ihn besitzt, daß seine Predigte» von Allen gern gehört werden und die beabsichtigte Einwirkung auf Geist und Gemüth fast nie verfehlen. Und das will in einer so verworrenen Uebergangsperiode, wie sie das Judenthum gegenwärtig durchlebt, und bei einer so heterogenen jüdischen Bevölkerung, wie sie die Berliner Gemeinde aufweist, nicht wenig bedeuten. Die Schüler und Fachgenossen des gefeierten Predigers kennen nun freilich die Theorie seiner Kanzelberedtsamkeit schon aus der jüdischen Homiletik^), die Maybaum nach seinen Vorlesungen an der „Lehranstalt" vor vier Jahren herausgegeben hat; allein wie Vieles wir auch diesem ersten „Versuch", der jüdischen Homiletik den gesetzmäßigen Charakter einer strengen Wissenschaft z» geben, verdanken: das Goethe'sche Wort: „Grau, theurer Freund, ist alle Theorie, und grün des Lebens goldener Baum", mußte so lange auch von diesem 1) S. Maybaum, Predigten. Zweiter Theil: Predigten und Schriftcrklärungen (1. und 2. Buch Mose). Berlin 1894. B. Weisstocks Buchhandlung. 2) Berlin 1690. Ferd. Düinmler.