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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-01-18 · Heft 3 (18.1.1895) · p. Seite 31

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 3 (18.1.1895)
Date
1895-01-18
Page
Seite 31 (sequence 7)
Language
German
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31 Zum Handwerker — nun. das ginge wohl noch. Arme Eltern j können sich glücklich schützen, wenn man ihnen die Kinder abnimmt! und sie zu tüchtigen Handwerkern heranbilden läßt. Das ist eine! Wohlthat für Eltern und Kinder. Und als Sache der Wohlthätig-! feit kann man allen Bestrebungen zur Beförderung des Handwerks! unter den Inden nicht nur volle Zustimmung, sondern auch eifrige; Unterstützung angedeihen lassen. Ein ernstliches Widerstreben gegen j das Handwerk meine ich bei den Juden nirgends mehr wahr-! genommen zu haben; wenn man und wo inan nicht etwa aus j religiösen Skrupeln und ganz besonders aus Furcht, auch am Sabbath arbeiten zu müssen, gegen das Handwerk Bedenken erhob. Wenn nun aber, ganz besonders bei den deutschen Juden, nur j sehr geringe Borliebe für den Ackerbau vorhandeil ist, so hat das! seinen Grilnd auch nicht etwa itt eitler natürlichen Abneigung, sondern! in ganz andern Rücksichten. Der Jude auf dem Lande blickt mit > Stolz und Herzensfreude auf sein wohlerworbenes Stückchen Ackeri land; freilich weiter als zu einem bis zwei Morgen bringt er es selten.! Auf die Frage: „Warn m beschäftigt Ihr Euch nicht mit deni Acker-! ball?" ist mir geantwortet worden: „Mit dem Ackerbaud Haben! mir denn Geld genug, um uns Aecker zu kaufend Nicht einmal das kleinste Bauerngilt tonnen wir bezahlen, und müssen uns mit unfern paar Groschen Tag und Nacht quälen, um uns anständig 311 ernähren. Und wenn mir Ackerbauer sind, können wir dann auch noch Schabbes unb Jomtof (Sabbath und Feiertag) galten?" Ein andermal erhielt ich zur Antwort: „Für mein ganzes Vermögen kaiiii ich iloeh keine drei Morgen Land kaufen, davoii kanii ich mich doch liicht ernähren." Doch das ist's nicht, was uns die Vorschläge des Herrn Rechtsanwalts Dr. Nie her ails Haiiiiover so iniannehnibar erscheinen läßt, was insollderheit nlich gegen alle seine Ausführungen entschieden eiugenoiilmen hat. Was ich dagegen einzuwenden habe, will ich in die nachfolgenden Punkte zusammenfassen. 1. Dinch solche Beranstaltmig glaubt Herr Rechtsanwalt Meyer „die Judenfrage" — gemeint ist wohl der mehrtausettdjährige Judenhaß unb die gleichzeitige Berfolgungswuth — lösen zu könlien. Ich j kaiiii ihm leider hierin nicht beiftimmen. In früherer Zeit habe ich mich in Rußland öfters iunzusehen, Gelegenheit gehabt; da habe ich die Männer 311 Hunderten und Tausenden gesehen, die niis nach seiner Meinung die Erlösung bringen sollen. Innerhalb der Judengrenze, ein Flächenraum, der wohl so groß sein mag als ganz i Deiltschlaiid, silid die Handwerke vorzugsweise in den Händen der Juden. Auch jüdische „Dachdecker" habe ich da genug gesehen. Aiif deni Dache eines uralten, gewaltigen Kirchenbaues sah ich eine Aiizahl Arbeiter theils mit Reparaturen der Bedachulig. theils mir der Broiizirlilig der nlächtigeil Kuppelii beschäftigt. Unb als ich genauer hinschaute, erkannte ich, besonders mit Hilfe meines Augcnglases, daß es ganz unverkennbar Juden waren. Unter der Weste vorn und hinten hervor war der schwarze Rand des „Arba-Kanfos" sichtbar und die Zizis hingen bis zur Kuieebeuge herab. Auf einer Eisenbahnstation, Smorgon, traf ich eine große Anzahl Juden, tvelche eben ein hölzernes Bahngebüude vollendet hatten und mit der inneren Einrichtung beschäftigt waren. Auch jüdische Schaffner, Briefträger, Fabrikarbeiter, fomie auch Gerichtsschreiber, Subalterubeamte jeder Art gab's dort die Menge. Auch fehlte es nirgends an jüdischen Kleinbauern. Es ist wahrhaft herzzerreißend, wenn man bedenkt, wie man oiesen braven, arbeitsamen Menschen mitgespielt, sie ans ihren Besitzungen herausgejagt und aus ihre Stellung vertrieben hat. Nur die jüdischen Handwerker auch die Dachdecker auf den Kirchenluppeln mußte man gewähren lassen bis auf bcu heutigen Tag, weil für diese kein Ersatz zu finden war. Ja, wird Herr Rechtsanwalt Meyer sagen, das worin Rußland, allein bei uns in Deutschland ist das doch ein ganz anderes Ding. Auch dem muß ich widersprechen. Hier in Mensel, auf deutschem Grund und Boden, hatte sich eine Anzahl jüdischer Handwerker aller Gewerke, arme, bescheidene arbeitsame Menschen, niedergelassen. Die Agitation gegen diese armen Menschen wollte gar kein Ende nehmen, besonders aber zur Wahlzeit. Als die Ausweisungen im Jahre 1885 kamen, da wurden auch alle jüdischen Handwerker, etwa 00 Familien ans Meinet und vom preußischen Gebiete allsgewiesen; mir Alles, was zum Handelsstande gehörte, durfte bleibell; für diese war die Kauflllannschaft mit der größten Wärme und Entschiedenheit eingetreten. Die nöthigen und möglichen Schlnßfolgeruligen aus diesen Darstellullgell zu ziehen darf ich getrost den Lesern überlassen. 2. Was mir ferner mißfallen, ist die Stellung, welche Herr Rechtsanwalt Meyer der Sabbathheiligung gegenüber einnimmt. Es ist ja wahr, Biele halten am Sabbath ihr Geschäft offen — es ist auch wahr, daß das Festhalten an der Sabbathfeier immer schwieriger wird. Allein es ist doch ein großer Unterschied, wenn Eiller nicht kann, als wenn Einer nicht will. Selbst derjellige lvelcher aus purer Gleichgiltigkeit an die Sabbathfeier sich llicht kehrt, ist noch iininer feilt prinzipieller Gegner derselben; eitle solche prinzipielle Gegnerschaft muß ganz unfehlbar die Auflösung des Judenthutns zur Folge haben. Ter Sabbath ist nicht nur „das Zeichen zwischen lins unb Gott", sondern auch zwischen uns unb allen andern Religionen. 3. Herr Rechtsattwalt Meyer verlaitgt geradezll die Ullterdrückllltg alles wissenschaftlicheil und alles gelverblichett Strebetts. Wir sollen utlsere Kinder zu Handwerkern erziehen; bann dürfen sie aber auch keine höhere als die Volksschule besuchen. Höhere Bildung verführt zu höherem Streben „sollst liegt ja die Gefahr nahe, daß der Maurer — Ballunteruehnter, der Tapezierer — Möbelhäudlee, der Schneider Herreilgarderobengeschüstsitlhaber, kurz, daß wieder eilt großer Aufwand schmählig verthan lvird." „Die Zöglillge dürfen nicht überbildet werden". „Die Entanzipation tntlß tticht nur nach oben, sotlderll nach unten die Wege öffnen". — So ganz klar ist mir der Silltl dieses letzten Satzes nicht geworden. Was hilldert uns bcntt, Steinklopfer, Gassen- und Essenkehrer 31t werden? — „Eine Gleichheit vor beut Gesetze" . . . Der Herr Rechtsattwalt produzirt oder deduzirt da eittett Rechtsbegriff, barunter alle Welt bisher etwas ganz Anderes verstauoett hat. — „Die Gleichheit vor dem Gesetze, tvelche dazu führt, daß alle Jlldetl, oder die Mehrzahl derselben ben vornehmen, mühelosen Berufen sich zuweitdete, ist keine Gleichheit mehr, sondertl drängt, falls das Streben gelingt, zu einer Alisuahlttestellllug, zur Bildltug einer Finanz- oder Geistes-Aristokratie". Eine Fitlattzunb Geistesaristokratie hat es jederzeit gegebett uttb wird es auch ttoch weiterhitt geben, so lange cs geistbegabte, strebsame Menschen gebett wird. Ich glaube kaum, das selbst eilt sozialdemokratisches Staatswesetl, tvelches ja Alles, was Aristokratie heißt, auszulöschett bestrebt ist, hieran das Geringste würde ändern können. So lattge es nun aber eine solche Geistestmd Besitzesaristokrakie giebt, wird doch wohl auch ertaubt [ein, darnach zu streben. Eilt Nichtjude lvird sich ganz gewiß das Recht nicht streitig ntachert lassen, tlach bent Höherett uttb Höchsten zu strebet!. Wentt es mm in der That eilte Gleichheit vor bem Rechte — in diesem Sinne - giebt, warum soll butt Juden tticht erlaubt seilt, was bei Nichljuden überall als etwas Preislverthes betrachtet wird? Wir haben es stets, mettn tticht als Borzug, so doch als gute! Eigenschaft des Juden betrachtet — diese eifrige unb rastlose | Strebsamkeit auf allen Lebetlsgebietett, vorzugsweise jedoch sein! Bildungsstreben. „Habet nur Acht auf die Kinder der Artnett, beim

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