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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-01-18 · Heft 3 (18.1.1895) · p. Seite 30

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 3 (18.1.1895)
Date
1895-01-18
Page
Seite 30 (sequence 6)
Language
German
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30 Zeit war ein self-miide-nian. Wenn man nicht die Jeschnva als eine Lehranstalt qnalisiziren will, war er ein Antodidakt. Was er lvnßte, erwarb er sich auf denn Wege des Selbststudiums. Die Liebe zn dem Lehrgegensta^ld selbst, von der die meiften der Jünger der Jeschiwa erfüllt waren, kam eirnm solchen Studiumbeflissenen wesentlich 31L statten; er hatte die reine und volle Hingebung für die Sache und ließ sich nicht leicht von außerhalb liegenden Momenten ablenken. Tie Studilunregel: „Brod mit Salz zu essen rmd Wasser mit Maß zu trinken," zumeist buchstäblich beobachtend, führte ihn dazu, daß ihrn die Verbindung „mit der Welt" fehlte. Er sah in sich nicht mir den Mikrokosmos, sondern auch den Makrokosmos. Die bescheidenen Ansprüche, die ein solcher aus der Jeschiwa hervorgegangener Rabbiner stellte, konnten bald befriedigt werderr, es entfiel somit jeder äußere Anlaß, um mit feirrer Geureiude in Differenz zu kommen. Nach einer andern Richtung nrachte ihn gerade dieser Umstand unabhängig; er konnte den Armen rvie den Reichen mit gleichem Maße messen. Es kam auch selten vor, daß der Rabbiner es für nöthig erachtete, den Gemeindevorstehern oder den Reichen in der Gemeinde den Hof zu machen; das Umgekehrte geschah: Arm und Reich suchte den Rabbiner auf. Man hatte eben Ehrfurcht vor dem Rabbiner. Selbst die nicht seltene sancta simplintas desselben flößte Respekt ein. Sein Wirkungskreis war ein genau umschriebener, und von einem Kompetenzkonflikt zwischen ihm lind den; Vorstand war fast nie die Rede. — Der Rabbiner von heutzutage ist aber schon vermöge der Mehrseitigkeit seinee öffentlich absolvirten Studien ganz anders gestaltet. Er hat nicht nur vom Baume der Wissenschaft, sondern auch vom Baunre des Lebens Früchte gepflückt; sein Reich ist auch von dieser Welt. Nicht traumversnnken, wie der Dichter bei der Theilnng der Erde, will er nicht leer ausgehen. Seine Ansprüche sind weitergehend, sowohl in materieller Beziehung als hinsichtlich seiner Stellung. Hinc illae Jacrymae. Da liegen die Streitpunkte. Wir wollen blos von dein seine Stellung betreffenden Verhältnis; sprechen. In dem Bioment, als die Gemeinden infolge des genannten Gesetzes gezwungen sind, sich zu organisiren, konnnen sie zur Offenbarung. Die Borstände vieler Gemeinden erblicken in dein Rabbiner blos den besoldeten Beamten und beanspruchen für sich die antokratische Machtfülle auch im Belang der religiösen und rituellen Einrichtungen; die Rabbiner prütendiren statutarische Bestimmungen, welche ihnen ein dezidives Votum in allen Angelegenheiten, welche die Synagoge, Schule, Ritualeinrichtnng betreffen, einräumeu. Beide Theile gehen aber zu weit. Ter Rabbiner ist einmal das geistliche Oberhaupt und es steht ihm das volle Recht zu, in allen Kultus- und Ritualfrageu seine Meinung abzugebem weil er im andern Fall ein überflüssiger Funktionär in der Gemeinde wäre: dagegen soll er sich and) mit diesem ihm zusteheuden Recht zufrieden geben und nicht verlangen, daß seine Meinung als ein „Er hat's gesagt" der Pythagoräer gelte. In dieser Weise hat er seinem religiösen Gewissen und seiner Gemeinde gegenüber seine Schuldigkeit gethan und entgeht allen Ursachen oder auch Borwänden zu Streitigkeiten. Der Friede muß fein Siegel fein, wie er Gottes Siegel ist. Nichts demoralisirt so sehr jede Gemeinde, als ein Streit innerhalb derselben, insbesondere wenn er zwischen den weltlichen und geistlichen Potenzen sich abspielt, da das Ansehen des Rabbiners ganz verloren geht und sein Wort jede Geltung verliert. Auch seine materielle Position hängt wesentlich davon ab. Je einträchtiger er mit der Gemeinde lebt, desto befriedigender gestaltet sich dieselbe. Wenn es auch selten dein Rabbiner gegönnt ist, in voller Bequemlichkeit sein Haus zu bestellen, so vermag er es doch, dasselbe angenehmer einvaiddeit, wenn er ein freundliches Verhältnis; mit seinem Vorstand j! zu unterhalten versteht. Es darf nicht dahin kommen, daß, wie ein Kreisrabbiner im Jahre 1850 in der in Prag stattgehabten Notabeln-Versanunlung sagte: „der Rabbiner nicht der Priester, sondern — das Opfer in der Gemeinde ist." Was die Kousolidirung dieses Verhältnisses erschwert, liegt zum Theil auch in den vagen Beziehungen der Gemeindenritglieder zn einander, woran aber auch nur der Umstand schuld ist, daß dieselben aus den verschiedensten Gegenden und religiösen Parteirichtuugen sich rekrntiren. Mehr als je ist aber gegenwärtig die Nothwendigkeit vorhanden, das; die Inden sich einig zeigen und nach außen als geschlossene Phalanx auf den Plan treten. '15 Berufswahl der den Inden. Von Rabbiner Dr. I. Rülf in Memel. it der „Allgemeine» Zeitung des Judenthums" Nr. 46 vom .O) 16. November los ich kürzlich eine» Artikel: „Produktive Arbeit uud Judeuthum" überschrieben, dem ich nach keiner Richtung zuznstiinmen vermag. Daß ich mit meinen Meinungen und Ueberzeugunge» ziemlich allein stehe, weiß ich, verlange auch nicht, daß die verehrliche Redaktion die Verantwortung ihren Lesern gegenüber übernehme, — was ich schreibe, will ich selbst verantworten. Wir Alle leiden schwer unter den Anfeindungen und Zurücksetzungen, welche wir als Inden zu bestehen haben; um so schwerer werden wir davon betroffen, als wir der Meinung waren, „die Sonne der Gerechtigkeit, Heilung tragend auf ihren Schwingen", sei endlich auch über unserem Volke aufgegangen, mittelalterliche Rohheit, Glaubens- und Rassenhaß, dem Hunderttausende von unfern Stammesgenossen als glaubensstarke Blutzeugen zum Opfer gefallen, seien für immer, wenigstens unter den gebildeten Völkern Europas, der Vergangenheit und Vergessenheit überliefert. Es ist anders gekommen; der Ausspruch des Nachum (Tröster) — und welcher Israelit wäre nicht ein solcher Nachm» — ist ja bekannt: „Garn su letaubo!“ „Auch das ist zum Guten!" Wer weiß, wozu cs dienlich sein mag. „Wenn Unheil über dich kommt, untersuche deinen Wandel." Sein unseliges Geschick hat auf das ganze Leben des Inden, auch auf das Geschäftsleben, bestimmend eingewirkt. „Ausgeschlossen aus dem Lande des Lebens" blieb ihm nichts weiter übrig, als in solchen Beschäftigungen seinen Lebensunterhalt zu suchen, welche von der übrigen Welt verschmäht wurden. Die allerschärfste Ablehnung und Zurückweisung erfuhr aber der Jude durch die Handwerkerzünfte; diese waren »in allen Besitz der Welt nicht zu bestimmen gewesen, durch die Zugehörigkeit eines Jude» ihre Gilden zu schänden und zu entweihen; und so ist's gewesen und geblieben bis in die neueste Zeit hinein. Nun soll der Jude, welcher ländlichen Besitz nie erwerben, ein Handwerk nie betreiben durfte, Plötzlich zum Ackerbauer und Handwerker erzogen werden. Nun ja, gerade weil er durch sein unseliges Geschick solcher Beschäftigungswcise entwöhnt worden ist, gerade weil er mit allem nur i h m eigenen Eifer und Fleiße, ansgebildeten und ausgeprägten Erwerbstrieb dem Handel und Geschäftsverkehr sich zngewandt hat, muß Sinn und Trieb umgelenkt und der Jude für die „prodriktive Erwerbsart" gewonnen werden. Der Jude soll nun einmal mit Gewalt, ob mit seinem, ob ohne seinen Willen zum Ackerba »er oder Handwerker erzogen ivcrde».

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