Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 3 (18.1.1895)
- Date
- 1895-01-18
- Page
- Seite 29 (sequence 5)
- Language
- German
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29 habe, einen Tadel über die Rabbiner auszusprechen. Auch der Altmeister der Reform in Amerika, der ehrwürdige Jsak M. Wise, wies in meisterhafter Rede die Angriffe auf die Reform zurück, die eigentlich nur, um Sensation zu erregen, gemacht worden seien. In jedem Falle wird die Rede Levy's noch lange das Diskusfionsthema in allen jüdischen Kreisen Amerikas bilden. Mie Juden in Oesterreich. i. fas innere Leben der jüdische» Gemeinden des diesseitigen Oesterreichs ist durch „das Gesetz zur Regelung der äußeren Rechtsverhältnisse der Juden" vom 21. Mürz 1890 aus seiner Lethargie geweckt worden, wie das Leben nach außen durch den Antisemitismus einen gewaltigen Ruck erhalten hat. Liegt in Ersterem die Aufforderung zum ungesäumten Vollzug der Organisation der Gemeinden, so birgt der Letztere die gebieterische Pflicht in sich, zur Abwehr gegen den anstürmenden Feind sich zu rüsten. Mit der einen Hand baue», mit der andern kämpfen, wie es die Rückkehrenden aus dem babylonischen Exil gethan, ist das Arbeitsprogramm der österreichischen Juden. Bleiben wir vorderhand beim ersten Theil dieses Programms. Die Organisation der Gemeinden geht aus verschiedenen Gründen nicht so leicht von statten. Die Freizügigkeit, eine Errungenschaft der modernen Gesetzgebung, hat einen vollständigen Populationswechsel in vielen Gemeinden herbeigeführt. Hierdurch gerieth ein für die Konsistenz der Gemeinden hochwichtiges Moment in Verlust: ihre Tradition. Für die Organisation einer Gemeinde bildet nämlich diese den Krystallisationspunkt, um den sich weitere Theile in festem Gefüge zu gruppiren vermögen. Wo aber dieser Punkt fehlt, da ist eine Zerfahrenheit, welche jede Konsolidirung erschwert. Leider zeigt sich dieser Fall allzu häufig. Wie die Glieder in der Apokalypse Ezechiels sind die Glieder mancher Geineinden zusammenhanglos. Das, was ihnen, ivir möchten sage», die Sehnen geben soll, fehlt eben: die Gemeinsamkeit der Stätte, wo ihre Wiege gestanden, ihre Eltern gelebt, gewirkt und — ihr Grab gefunden, die Schulbank sie nahe au einander gebracht und das Bethans zur gemeinschaftlichen Andacht zusammengeführt. Jeder möchte nun die Gemeinde »ach jener Fagon einrichten, wie er sie ans seiner Heimath überkommen hat. Minhag Polen, Minhag Aschkenasim, Minhag S'phardim lind so fort ad infinituni. Wie soll nun die Einheitlichkeit einer Organisation zustande kommen? Wohl hat das Gesetz mit seinem kategorischen Imperativ die Organisation der Gemeinden zu einer nicht ausznweichenden Rothwendigkeit gemacht; aber welche Festigkeit und Dauerhaftigkeit kau» denselben iunewohnen, wenn sie nicht den Impuls ans dem eigenen Bedürfniß empfangen haben und nichts anderes sind als das Ergebniß einer legislativen Pression? Wie auch das Gesetz seine Jngereuz lediglich auf jene Gemeindeageuden beschränkt, die in die staatliche Interessensphäre hinüberspielen, so will es doch, daß Wandel geschaffen werde im ganzen Gemeindebetriebe. Und hierin zeigt sich der Jammer mangelnden Zusammengehörigkeits-Bewußtseins. Dieser Mangel hat die nicht genug zu beklagende Konsequenz, daß so zu sagen kommunal-politische Vereine in manchen Gemeinden wie die Pilze aufschießen, die wie ein Manerfraß zerstörend auf die Gemeindeverwaltung wirken. Sie entblöden sich zuweilen nicht, den berechtigten Vertretern der kommunalen Angelegenheiten die Direktive vorzuschreiben. Man kann sich allenfalls in Galizien mit der Etablirung ähnlicher Vereine befreunden. Wo so Vieles zu schaffen ist und nicht selten so wenig — aus welchen Ursachen immer — seitens mancher der hierzu in erster Linie berufenen Vorstände geschieht, kann es nicht nur gntgeheißeu, sondern auch gewünscht werden, daß die Selbsthilfe durch Gründung von einschlägigen Vereinen zum Durchbruch gelange. Es muß in dieser Beziehung dankend anerkannt werden, daß die größten galizischen Gemeinden ihre Schuldigkeit hierin thun. Bemüßigt sie auch die Unzulänglichkeit der ihnen zu Gebote stehenden Mittel, in diesem Streben Maß zu halten, so wirken sie doch im bescheidenen Ausmaße ihrer Kraft genug, um die jüngere Generation zur zivilisatorischen Arbeit zu bestimmen. Dagegen erweist es sich als hemmend und störend, wenn in den übrigen österreichischen jüdischen Gemeinden, wo die Verhältnisse ganz anders wie in Galizien liegen, solche Vereine sich mehren. Sie fallen oft den Gemeindcvorstünde» rücksichtlich der ungehinderten Ausübung ihrer Machtfülle in den Arm. Man kann das Jnslebentreten von Vereinigungen begrüßen, wenn sic die Förderung des Guten, Edlen und Schönen zum Ziele haben; wie sie aber ans den Gang der Leitung und Verwaltung Einfluß zu nehme» sich unterfangen, muß ihnen laut und vernehmlich ein „Hand iveg!" zugerufen werden- Leider sind es die sogenannten Gernegroße, welchen die Vereine nur die erwünschten Tummelplätze für ihre ehrsüchtigen Bestrebungen sind. Damit könnte man sich noch anssöhnen, wenn nach irgend einer Seite hin die Berechtigung hierfür sich finden ließe. Es ist aber in den meisten Fällen anders; inan erblickt Sanlnsse, die zu den Propheten gezählt werden wollen, lind eine weitere Eigenthümlichkeit ist dabei wahrnehmbar. Bekanntlich ist beim Vorleseu der Thora das „Mische bernch-Machen" durch restringircnde Bestimmungen so viel wie abgeschafft. Es fehlt hierdurch die Gelegenheit, auf Kosten fremder Zeit den Betannlen eine billige Ansinerksamkeit zu schenken; es mußte also ein Surrogat dafür gesunden ivcrden: man bringt seine Protektionsknider in den Vorstand von Vereinen oder öffentlichen Korporationen. So erklärt es sich, daß Wohlthätigkeitsvereine durch Individuen vertreten sind, die nicht immer das Herz auf deni rechten Fleck haben; Unterrichtsanstalten von Leuten, denen Pädagogik, Didaktik, einschlägiges Wissen spanische Dörfer sind; Schöpfungen zur Wahrnehmung glaubenSgenössischcr Interessen von Männern, denen es an dem hierzu erforderlichen Verständnis; vollkommen mangelt. Die Konsequenz dieser Erscheinung muß nothwendigerweise der Niedergang solcher Institutionen sein. Noch ein weiterer Umstand wirkt wie Mehlthau auf diese Pflanzungen. Unsere, den Glanz, den äußeren Schein favorisirende Zeit giebt zu häufig denselben ihren Stempel. Namen und wieder Namen, insbesondere wenn sie das kleine „v." oder einen klingenden Titel vorantragen, werden mit der Diogenes-Laterne gesucht, wenn cS sich um die Wahl von Vorständen handelt, als ob der dauernde Bestand von Gebäuden von der Fagade und nicht vom soliden Unterbau abhinge. Verheerender als manche physische Epidemie wirkt dieses liebet auf die Existenzen vieler Stiftungen neueren Datums. Wir kommen daraus zurück. Ein wichtiges Moment für die Entfaltung des inner» Lebens in nusern Gemeinde» bildet das Verhältnis; des Rabbiners zu denselben. Im Allgemeinen kann gesagt werde», daß dieser jene Stellung einninnnt, die er (ich zu verschaffen versteht. Wie immer, liegt im eigenen Thun und Wirken die Anziehungs- und Abstoßnngskraft. Es ist eine goldene Sentenz der Weisen des Talrnnds: „Deine Handlungen bringen dich in. die Nähe (ziehen dich an), deine Handlungen halten dich ferne (stoßen dich ab)." Die Zeiten sind aber andere geworden. Tempora mutantur. Ter Rabbiner alte