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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-01-18 · Heft 3 (18.1.1895) · p. Seite 28

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 3 (18.1.1895)
Date
1895-01-18
Page
Seite 28 (sequence 4)
Language
German
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28 Der Konvent -er jüdischen Gemeinden Amerikas. New Orleans, 7. Dezember. (iVl ^cr Rotunda des Hotel Royal traten gestern Vormittags J%!y die Delegirten des „Verb ands amerikanischer israelitischer Gemeinden" zu ihrem 14. Konvent zusammen. Die Betheiligung war eine ungewöhnlich starke. Um halb zehn Uhr wurde der Konvent von Herrn Julius Freiberg aus Cincinnati eröffnet Auf sein Ersuchen sprach Reo. Joseph Strauß von Chicago ein Gebet, welches die ganze Versammlung stehend anhörte Der Vorsitzende begrüßte nun die Delegirten in warmen Worten des Willkommens. Er hob die edlen Ziele des Verbandes gebührend hervor und beglückwünschte die Delegirten, daß sie diesmal das schöne, gastfreie New-Orleans zu ihrem Konveutsort ausersehen. Herr Freiberg kam dann in gedrängter Kürze auf die Geschichte des Verbandes zu sprechen, betonte das segensreiche Wirken desselben und wies auch auf den rühmlichen Antheil hin, welchen die „Union of American Hebrew Congregations" an der Beschütznng der vertriebenen russischen Juden genommen, denen sie auf jede mögliche Weise ihr trauriges Loos zu erleichtern gesucht habe. Zu den Fonds des Verbands steuerte jetzt schon eine erkleckliche Anzahl von Gemeinden bei, aber dreimal so viele sollten dazu gehören, und der diesmalige Konvent werde jedenfalls zur Folge haben, daß auch die Stiftungen in Zukunft reichlicher ausfallen würden. Im verflossenen Jahre seien rund 50,000 Doll, gezeichnet worden. Herr Max Dinkelspiel von hier wurde als zeitweiliger Vorsitzender nominirt und seine Wahl erfolgte per Akklamation. Die Herren Bernhard Bettmaun von Cincinnati und Jsaac Strauß von Baltimore wurden als Komitee ernannt, um den Erwählten zum Vorsitz zu geleiten. Herr Tiukelspiel übernahm das Präsidium und hielt eine der Gelegenheit angemessene Ansprache. Zunächst bedankte er sich für die ihm einstimmig zuerkannte Ehre und erörterte dann die Aufgaben wie die bisherigen Leistungen des „Hebrew Union College". Mit vollem Recht stellte er die ausgezeichnete Lehranstalt jeder anderen Alma Mater an die Seite, die in den Ver. Staaten zn finden, möge sie sein, wo sie wolle. Die Zöglinge des College hätten ängstlich darüber gewacht, daß der glänzende Ruf des Instituts unbefleckt geblieben sei. Die Anstalt blicke daruni auf eine reine, ehrenvolle Vergangenheit zurück. Zum Schluß hieß er die Delegaten in New-Orleans herzlich willkommen. Die Komitees zogen sich zur Verathung zurück, und in der Zwischenzeit wurde unter den Delegaten zu Stegreisreden aufgefordert. Nach Wiedereröffnung der Versmnmlung wurde der Bericht des Beglaubigungs-Ausschusses vorgelegt, welcher einstimmige Annahme fand. Es wurden dann einige Abänderungen an den Nebengesetzen, welche die Exekutivbehörde in Vorschlag gebracht hat, verlesen. Dieselben bezogen sich hauptsächlich auf die künftigen Versammlungen des Verbands. Kurz vor Mittag vertagte sich der Konvent bis halb drei Uhr. Um drei Uhr wurde der Konvent durch Herrn Dinkelspiel wieder eröffnet: das Protokoll über die Verhandlung am Morgen wurde verlesen und gutgeheißen und der Bericht der ernannten Komitees entgegengenommen. Nachdem der Vorsitzende dann noch verschiedene Komitees ernannt hatte, wurde Herr Le o N Lev y, Advokat in Galveston, als der Redner des Tages vorgestellt. Die Rede des Herrn L. hat in ganz Amerika großes Aufsehen erregt! Sie war gegen die radikale Reform gerichtet. Derselben sind nachstehende Hauptpunkte entnommen: Eine höchst merkwürdige Erscheinung in der intellektuellen Entwickelung des neunzehnten Jahrhunderts ist die Neigung, Alles bei Seite zu schieben, was alt ist, um Platz zu machen für etwas, das modern ist. Hub da läßt sich nun sagen, daß, obschon die Entdeckungen uitb die Erfindungen des jetzigen Zeitalters alle früheren in den Schatten stellen, es nichtsdestoweniger wahr ist, daß werthlose Neuerungen gegenwärtig zahlreicher sind als je vorher. Selbst die Juden, welche sich stets durch ihr konservatives Verhalten ausgezeichnet haben, finb nicht der vorherrschenden Tendenz aus dem Wege gegangen. Zu allen Zeiten fiub die Juden dafür bekannt gewesen, daß sie die Gesetze und die Lehren ihres alten Glaubens in ihrer Reinheit bewahrt haben. Ihre Philosophie, die sich auf ihre Religion gründet, hat mit Erfolg allen Angriffen widerstanden, welche im Laufe der Jahrhunderte von jedem feindlichen philosophischen System, von Unglauben oder Skeptizismus darauf gemacht worden sind. Aber in Amerika, und besonders in den Ver. Staaten, hat sich eine große Anzahl mehr oder weniger erleuchteter Juden dem rücksichtslosen und berauschenden Verlangen nach Neuheiten ergeben und die rauhe Hand an Alles gelegt, was überhaupt Gelegenheit zum Angriff bol. Was immer alt ist, wird von ihnen als banal betrachtet. Die Bewegung, an welcher diese Juden sich betheiligen, wirkt lediglich zerstörend. Sie baut nicht auf, sondern reißt nieder. Damit soll nun beileibe nicht gesagt sein, daß die Errungenschaften dieses Jahrhunders zu unterschätzen sind. Die Civilisation ist in einer einzigen Generation mehr gefördert worden, als vordem in Jahrhunderten Aber Reform und Reform ist ein Unterschied. Von den frühesten Zeiten haben unter gelehrten und frommen Juden Meinungsverschiedenheiten bestanden in Bezug auf religiöse An-! gelegen Herten. Die religiöse Litteratur der Juden hat dadurch natürlich! ihre Bereicherung erfahren. Die Meinungs-Verschiedenheiten lassen sich j in drei Klassen zergliedern: 1. Verschiedene Ansichten über die wahre Auslegung von Theilen des Pentateuchs; 2. über die bindende Kraft traditioneller Lehre und Praxis, die nicht ausdrücklich in der Schrift selbst hervorgehoben sind; 3. über die Aenderungen in Liturgien und Ceremonien, welche durch die veränderten Verhältnisse, die auf den Fortschritt der Civilisation zurückzuführen sind, verursacht wurden. Alle diese Meinungs-Verschiedenheiten entstanden über Sachen, welche nicht die Integrität des Pentateuchs berühren Kommt jedoch jetzt eine Neuerung aufs Tapet, welche die Authenticität und bindende Kraft des Pentateuchs in Frage stellt, so wird das Judenthum selbst angegriffen. Es ist nichts in der Geschichte des Judenthums enthalten, welches der Annahme Vorschub leister: könrrte, daß es das Recht der individuellen Meinung urrd - die Gewissensfreiheit bestreitet. Betrachten wir nur die sogenannte jüdische j Reform-Bewegung in Amerika, so ist die erste Erscheinung, welche uns i da in die Augen springt, der Mangel an einem System. Sie ist spas- - modisch und durchweg verneinerrd gewesen. Sie hat niemals einen großen! Führer gehabt und besitzt auch jetzt feinen. Niemand ist als Reformer j mit einer bestimmten Idee oder eirrem bestimmten Programm erstanden, j um welche sich ernste Schüler oder Anhänger schaaren ließen. Im Gegen-! theil ist die Bewegung chaotisch, sensationell und unlogisch gewesen.? Die Verwilderung, welche aus der Thatsache erwachsen ist, daß von! jeder Kanzel, welche jüdisch zu sein vorgiebt, ein verschiedenes „Judenj thum" gelehrt wird, beweist am besten, wie nothwendig ein Gradmesser! für die verschiedenen religiösen Vereinigungen ist, und dies muß das | wahre „Judenthum" sein, welches für alle Juden der gemeinsame Grund! und Boden ist. j Die Juden dürfen die Demoralisation, welche in vielen Synagogen j besteht, nicht länger andauern lassen. Wenn sie ihre alte Religion be-! wahren und für ihre Kinder erhalten wollen, dann müssen sie darauf dringen, daß ihre geistigen Führer jene Religion definiren, ihr fest anhängen unb sie auch den Gemeinden lehren. Viele derjenigen, welche jetzt als jüdische Rabbis figuriren, werden dann zweifellos finden, daß sie von dieser oder jener Stellung, welche sie eingenommen haben, ablassen müssen, oder daß sie sich vom Judenthum zu trennen haben. Immer und immer wieder haben die Prediger unter den Juden falsche Lehren verbreitet. Es ist an der Zeit, daß einmal ein Führer ersteht, welcher in das Chaos Ordnung bringt. Das Volk ist reis dafür. Es ist dazu gekommen, manchen Rabbis zu mißtrauen und die Lehren, welche von der Kanzel verkündet werden, mit Gleichgiltigkeit zu betrachten. > Möge die Zeit nicht mehr fern sein, da Wandel hierin geschaffen wird.! Die Zukunft des Judenthums hängt davon ab. > Herrn Levy's Rede nahm eine volle Stunde in Anspruch und wurde! wiederholt durch lebhaften Applaus unterbrochen; nachdem er geendet, j wurde beschlossen, dem Redner den Dank der Konvention abzustatten und die Rede dem Protokoll einzuverleiben. Mittwoch den 5. war die Sitzung zurneist der Besprechung der Levy'schen Rede gewidmet. Auf Antrag Herrn Bettmann's wurde beschlossen, die Rede dem Protokoll einzuverleiben, jedoch zugleich zu konstatiren, daß ihr Inhalt den Anschauungen der Mehrheit nicht entspreche. Der Vorstand der Ceutral-Konferenz der Rabbiner las einen formellen Protest vor, dessen Einverleibung in das Protokoll gleichfalls beschlossen wurde. Demnächst kam ein Antrag auf Aussendung von Reisepredigern zur Verhandlung, der nach der Lage der Verhältnisse jedoch nicht zu praktischen Resultaten führen konnte. Freitag fand die Schlußsitzung statt, bemerkenswerth zunächst dadurch, daß Herr Julius Freiberg, Präsident der Union, der Tags zuvor seine Zustimmung zu der Rede Herrn Leo N. Levy's ausgesprochen hatte, jetzt das Wort nahm, um zu erklären, daß er nicht beabsichtigt

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