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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-01-18 · Heft 3 (18.1.1895) · p. Seite 27

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 3 (18.1.1895)
Date
1895-01-18
Page
Seite 27 (sequence 3)
Language
German
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27 sein Vater ihm bot, gelehrt worden, daß der von der Vorsehung Gesegnete mit seinen Fähigkeiten nicht nur seiner Familie, sondern auch der Allgemeinheit und insbesondere seinen Glaubensgenossen zu dienen habe. So vorgebildet hat er das Steuerruder der Gemeinde stets mit geschickter Hand zielbewußt zu führen verstanden. Mit allen Angelegenheiten vertraut, war der Jubilar stets bereit, sie durch Rath und That zu fördern. Um aus seinen mannigfachen Verdiensten nur eines zu erwähnen, will ich darauf verweisen, wie er der Gefahr einer drohenden Zersplitterung der Gemeinde entgegengetreten ist und dem Verständniß für die Nothwendigkeit eines Zusammenhaltens immer mehr Bahn gebrochen hat. Wir sind davon überzeugt, daß die Erhaltung und kraftvolle Entfaltung des Judenthums uns Allen am meisten am Herzen liegt; dem aber können wir uns nicht verschließen, daß die Art, in welcher wir unsere religiösen Empfindungen bethätigen, eine mannigfaltige ist. und daß nach dieser Richtung hin kein Gewissenszwang geübt werden darf. Nicht immer haben die Verwaltungsbehörden früherer Zeiten diesen Fehler vermieden, ohne zu merken, daß sie hierdurch die Gefahr einer Zersplitterung für die Gemeinde heraufbeschwören. Ich rechne es unserem Jubilar zum hohen Verdienste an, daß er, den auf Zerfall gerichteten Bestrebungen entgegentretend, stets den Frieden zu wahren versucht hat. In beredterer Weise, als ich es vermag, hat diesen Gedanken der Senior unseres Rabbinats jüngst zum Ausdruck gebracht. Seine Ansprache schloß mit den Worten, daß eine der höchsten Tugenden der Bekenner des jüdischen Glaubens die Duldsamkeit sei. Wenn diese Worte überall Eingang finden, dann wird der Friede in unserer Gemeinde dauernd gesichert sein. Und so wünsche ich, der ich das Glück gehabt, Schulter an Schulter mit dem Jubilar wirken zu dürfen, daß der Gemeinde stets Männer erwachsen mögen, die ihm gleichen. Nunmehr ergreift der Vorsitzende der Reprüsentantenversammlung, Herr Hermann Landsberger, das Wort. Er rühmte die unvergleichliche Arbeitskraft, die Frische und Freudigkeit des Jubilars, und indem er dessen Wirken zu schildern suchte, sagte er: Herr Justizrath Meyer hatte erkannt, daß auch bei unserer Religionsgemeinschaft jedes starre Festhalten am Hergebrachten Rückschritten gleich zu achten ist. Diese Erkenntniß spiegelte sich in dem Geiste seiner Thätigkeit wieder. Aber an den Grundvesten des Judenthums durfte nicht gerüttelt werden. Daß für Religionsunterricht und Gottesdienst gesorgt wurde, ist selbstverständlich, aber es kam auf eine würdige Ausgestaltung an, und da ist Berlin unter der Aegide des Jubilars vorbildlich für andere Gemeinden geworden. Oft haben ihn gewiß die Stunden der Mühen und Sorgen umdrängt, da es sich nicht nur um diese Gemeinde, sondern um die Gesammtheit des Judenthums handelte. Doch erfüllt von dem Bestreben, das Beste zu wirken, erfüllt von dem Gedanken an Frieden und Einigkeit, haben ihn die Sorgen nicht ermüden lassen in seinem Schaffen für die Gemeinde. Und wie dieses Schaffen nicht nur der Gegenwart, sondern auch den künftigen Tagen gegolten hat, so soll auch das Andenken an diesen Tag in der Zukunft festgehalten werden. Unter den Bildern der besten Männer, die uns gedient und deren Porträts von den Wänden dieses Saales herniederschauen, soll auch Ihr Bild, Herr Justizrath, eine Stelle haben. Es wird die in diesem Saale zu ernster Berathung Versammelten immerdar an einen Mann erinnern, der unserer Gemeinde zur Ehre und dem Judenthum zur Zierde gereicht hat. Bei diesen Worten zog Redner von einer blumenumgebenen Staffelei den Vorhang hinweg, und sichtbar ward das Bildniß des Jubilars, welches die geistvollen und Energie athmenden Züge des Gefeierten trug und lebenswahr wiederspiegelte, und das von Prof. Max Koner gemalt ist. An diesen Akt knüpfte sich die Überreichung einer kunstvoll ausgeführten Adresse, die im Hinweis auf diese Stunde dem Gefeierten den Dank und die Anerkennung der beiden Körperschaften aussprach. Nunmehr nahm der Gefeierte selbst das Wort. Nur mühsam vermochte er seiner Bewegung Herr zu werden, aU er ungefähr Folgendes sprach: So viele Anerkennung und Ehrungen, wie sie mir der heutige Tag hat zu Theil werden lassen, haben die Annalen unserer Gemeinde bisher nicht aufzuweisen vermocht. Sie haben dabei den guten Willen für die That genommen, aber Alles, was ich gethan, war nur die Beobachtung der Tradition meines Hauses, war der Ausfluß meiner Erziehung und galt vor Allem dem Gedächtniß meines Vaters. Seine Arbeitskraft, sein Eifer waren viel bedeutender als die meinigen Denr Tode nahe, kam er noch hierher, um an den Berathungen sich zu betheiligen Es ist sein letzter Gang gewesen. Wenn ich auf die Zeit zurückblicke, da ich vor fünfundzwanzig Jahren in den Vorstand trat, so hat sich vieles gewandelt. Damals hatten wir 5100 Censiten, heut sind es deren 15,800, damals verwandten wir auf die Armenpflege 47,000 Mk, heute beansprucht dieser Theil des Etats 250,000 Mk Das Schulwesen war damals mit 41,000 Mk dotirt, jetzt erfordert es 135,000 Mk. Diese wenigen Zahlen mögen Ihnen sagen, in welchem Grade die Verhältnisse und Anforderungen sich inzwischen geändert haben. Geändert hat sich aber auch das religiöse Bedürfniß. Kam früher die Erbauung von innen heraus, so war es jetzt nöthig geworden, sie von außen her anzuregen, und dies bedingte eine Umgestaltung des Gottesdienstes. Wenn nun vielleicht etwas erreicht worden ist, so ist das wahrlich nicht mein Verdienst. Kann doch der Einzelne nur wirken, wenn Kräfte da sind, ihn zu unterstützen. Diese Unterstützung ist mir im reichsten Maße zu Theil geworden, sie war aber auch um so nöthiger, als Berlin berufen ist, an der Spitze der deutschen Gemeinden zu marschiren und ihnen ein Vorbild zu sein. Das aber darf ich von mir sagen: Ich habe mich stets bemüht, den Frieden in der Gemeinde aufrecht zu erhalten, der durch das Gesetz vom Jahre 1876 sowie durch die Abzweigung einer Anzahl Glaubensgenossen zu einer selbstständigen Gemeinde schwer bedroht war. Ich lebe der Hoffnung, daß im Laufe der Zeit, bei beiderseitigem guten Willen doch mit der Reformgemeinde eine Verständigung zu erzielen sein wird, die diese in die große Gemeinde zurückführen werde; ich habe die Zuversicht, daß auch mit den jetzt abgezweigten Orthodoxen eine Einigung wieder erreicht werden wird, wenn ich selbst es auch nicht mehr erleben sollte! Der Jubilar gedachte sodann der mannigfachen Aufgaben, die noch zu vollbringen seien; er erwähnte das innige Freundschaftsverhältnis das ihn seit der Knabenzeit mit Herrn Justizrath Mako wer, dem früheren Vorsitzenden der Repräsentantenversammlung, verbunden, das ihn alle schwierigen Fragen mit diesem gemeinsam habe berathen lassen —; er erinnert unter großer Heiterkeit an ein bei seinem Eintritt vom Stadtrath Magnus, seinem Vorgänger, gesprochenes Wort: „Die Juristen sind noch stets ein Unglück für die Verwaltungen gewesen", und schloß dann: „Meinen innigsten Dank für das, was Sie mir heute erzeigt fyabeu! Auch meine Kinder werden dieses Tages immerdar eingedenk sein, und ich hoffe, daß, wenn einst an sie der Ruf ergehen sollte, auch sie ihre Kräfte der Gemeinde freudig weihen werden." — Wieder tönt Gesang. Der Chor singt die zweite Strophe des Festliedes: Vorwärts, aufwärts ging dein Ringen, Treu im Dienst des Herrn, Deine Kraft und dein Vollbringen Weihtest du uns gern. Drum soll dich das Lied erheben, Innig, dankerfüllt; Und in unsrer Brust wird leben Immerdar dein Bild. Als die letzten Töne des Liedes verklungen, war auch der Feier weihevoller Theil beendet. Im Nebenraum aber harrten reich gedeckte Tafeln der Festversammlung, und bei frohem Male ward noch manche herzliche Rede und Gegenrede getauscht. Auch hier war die Stimmung eine recht gehobene, der größte Theil der Ehrengäste blieb bis gegen 1 .23 Uhr Nachmittags zusammen. An Trinksprüchen sind zu erwähnen: der des Heern Justizrath Tiktin auf den Jubilar, des Herrn Geh. Sanitätsrath Dr. Boas auf die weiblichen Angehörigen des Jubilars (Gattin, Töchter und Schwiegertochter) und schließlich der des Hrn. Justizrath Makower, der gleichfalls in ein Hoch auf den Jubilar ausklang. Von letzterem Toast ist zu bemerken, daß er, in launiger Weise die vielfachen persönlichen Beziehungen erwähnend, welche zwischen dem Redner und dem Jubilar seit mehr als 50 Jahren bestehen, von heiterem Beifall vielfach unterbrochen wurde. Der gesammte Eindruck des Festes war, wie gesagt, ein harmonischer und stimmungsvoller. Es ehrt die Gemeinde ebenso wie den Jubilar und wird in den Annalen unseres Gemeindelebens einen unverlöschlichen Eindruck hinterlaffen. 14. Big.

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