Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 3 (18.1.1895)
- Date
- 1895-01-18
- Page
- Seite 26 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3228094-3228098--51424-3272170- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
26 Vre Woche. Berlin, 10. Januar. ist eine Thalsache, daß außer der sozialdemokratischen keine Partei die Ulnsturzvorlage so fürchtet, wie die antisemitische. Das ging ans die Rede des Abg. Liebermann n. Sonnenberg am 11. d. deutlich hervor. Er bekannte ganz offen, das; die Bestimmungen, die die Umstnrzparteien treffen sollten, ganz sicher die Antisemiten treffen müßten. Er sagte u. 91.: Darin stimme ich mit dem Herrn Abgeordneten Auer überein, daß wir Antisemiten recht schlecht weakommen könnten, wenn 8 130 Gesetz würde. Wir könnten z. B, wenn wir in Preußen die Thierquälerei des Schächtens scharf tadeln, verurtheilt werden wegen Verhöhnung oder Beschimpfung einer gottesdienstlichen Handlung der Juden. Im Königreich Sachsen würde man uns deswegen nicht anklagen. Wir wünschen aber weder in Preußen noch in Sachsen verurtheilt zu werden. Daun sprach er wieder einmal gegen den Talmud und citirte wieder einmal den braven Eisenmenger. Auch die neuen Bestimmungen gegen die Presse erklärte der antisemitische Redner für unannehmbar. Schließlich wärmte er die alte Fabel auf, daß das Judenthum „zu allen Zeiten und in allen Ländern am Umsturz sich betheiligt habe", eine Behauptung, die er durch ein Citat-von Bruno Bauer zu erklären suchte. Merkwürdig! Die Inden sollen den Umsturz machen - und die 9lntisemiten fürchten die Umsturzvorlage. Ist das nicht in der That sehr merkwürdig! * Ter Böckelsche „Reichsherold" bringt unter der Ueberschrift „Ein hochwichtiges Ereigniß" folgende Nachricht: „Die Verschmelzung der drei in Berlin bestehenden Parteiblätter „Frei-Deutschland"' „Bundschuh" und „Reichs-Herold" ist von einer aus Vertretern aller Vereine Berlins bestehenden Kommission beschlossen worden. 9ln Stelle der drei Blätter soll ein Tageblatt treten, das der Partei gehören und unterstehen soll. Dieses Tageblatt soll das einzige Blatt der Partei für ganz Norddeutschland werden und in der als Parteidruckerei zu erwerbenden „Deutschen Druckerei" erscheinen. Die Reichstagsabgeordneten Ahlwardk, Professor Dr. Förster und Tr. Böckel sollen an die Spitze des Tageblattes, Herr v. Mosch als Redakteur in dasselbe eintreten. Das neue Tageblatt ist von allen Richtungen in Berlin als gemeinsames Organ anerkannt und wird auch von allen Vereinen in der Provinz begrüßt. Das Unternehmen, das ohne Konkurrenz dasteht, nniß gedeihen." Das Blatt soll am 1. März erscheinen. Bis dahin soll das erforderliche Kapital von 200,000 Mark von einer eigens zu diesem Zwecke eingesetzten Finanzkommission aufgebracht werden. 9lrme Finanzkommission! * In Ungarn ist tuieber ein liberales Ministerium ans Ruder gelangt. Tie Sache ist für uns von hoher Bedeutung, da es vielfach geheißen hat, das Ministerium Weckerle nulre gestürzt, weil die Regierung die beiden noch ausstehenden kirchenpolitischen Gesetzentwürfe, den über die Rezeption der Juden und den über freie Religions- Übung, nicht gutheißen wolle. Diese Nachricht hat sieh erfreulicher Weise als falsch herausgestellt. Das neue Ministerium Banffy hat bereits die kaiserliche Zustimmung dafür erhalten, die beiden obengenannten Gesetzentwürfe dem Oberhause vorzulegen. £ Tie Schwierigkeiten, welche sich an den unglücklichen Entscheid des Schweizervolkes in Sachen der Schächtinitiative knüpfen müssen, und auf die denn auch s. Z. sattsam hingewiesen wurde, stellen sich nachgerade ein. Jüngst hat das Basler Polizeigericht eine Israelitin, welche Hühner schachten ließ, die Thiere also vor dem Blutentzuge nicht betäubte, zu 0 Francs Buße verurtheilt. Natürlich ist die gleichmäßige und gerechte Durchführung einer solchen Praxis geradezu unmöglich. Aus der Berliner Gemeinde. Berlin, 14. Januar. ^^^elten ist ein Fest so harmonisch und stimmungsvoll verlaufen, wie die Feier des Jubiläums unseres Gemeindevorstehers, des Herrn cT Justizrath Siegmund Meyer, am gestrigen Sonntag. Der Tag brachte demselben vielerlei Ehren und Ueberraschungen — aber Alle, die dabei bet heiligt waren, hatten das sichere Gefühl, daß dieser Mann auch solcher Ehren in der That werth und würdig sei. Schon am frühen Morgen erschienen in der Wohnung des Jubilars zur Beglückwünschung zunächst die Verwaltungs-Beamten der Gemeindebüreaux unter Führung des Generalsekretärs PH. Wertheim, sodann die Dirigenten der Synagogenchöre, die Kantoren, die Dirigenten sämmtlicher Schulen der Gemeinde, der Knaben-, Mädchen- und Neligionsschulen, die Vorstände der einzelnen Gemeinde-Synagogen, der Talmud- Thora-Vorstand unter seinem Vorsitzenden, Geheimen Sanitätsrath Abraham, die Lehranstalt für die Wissenschaft des Judenthnms, für die der Dekan Dr. I. Müller eine Adresse überreichte, und endlich das Rabbinatskollegimn der Gemeinde, welches dem Jubilar durch Herrn Dr. Ungerleider seine Ernennung zum „Morenu“ kundgab. Das Diplom dieser höchsten rabbinischen Auszeichnung, nach Art der alten heiligen Urkunden in hebräischer Schrift und klassischer Sprache kunstvoll auf Pergament geschrieben, liegt in einem prächtigen Deckel, einem Kunstwerk der Collinschen Werkstatt. Die Rede des Herrn Dr. U. und die Ehrung des Nabbinats machte auf den Jubilar sichtlich einen tiefen Eindruck, und die Antwort, die er darauf gab, legte ein schönes Zeugniß ab für die Harmonie, die in unserer Gemeinde zwischen Rabbinat und Vorstand herrscht. Um 12 Uhr fand im großen Sitzungssaal des Synagogengebäudes in der Oranienburgerstraße zu Ehren des Jubilars ein großer Festakt statt. Der Sitzungssaal der Repräsentantenversammlung trug ein festliches Gepräge. Die ernste Stätte ernster Berathungen prangte in gärtnerischem Schmuck, unb der Nauru, der sonst nur einer kleinen 9lnzahl von Männern zum Aufenthalt dient, war erfüllt wohl mit der fünffachen Zahl auserlesener Mitglieder unserer Gemeinde. Und die Spitzen dieser Gemeinde, sie hatten sich in so stattlicher Zahl um ihren berufenen Vertreter geschaart, weil es den Berufensten unter ihnen zu ehren galt. Wie sonst immer hatten die Repräsentanten ihre Plätze an dem großen hufeisenförmigen Berathungstisch eingenommen. Hinweggeränmt aber war der Tisch des Vorstands und statt dessen war eine Hecke blühender Lorbeerbäume gezogen worden, die Sitze umsäumend, welche dem Jubilar und seinen nächsten Angehörigen reservirt waren. Als er, die Gattin am Arm führend, den Saal betrat, erhob sich die Versammlung, und von dem hinter gärtnerischem Schmuck verborgenen Chor der Synagoge Lindenstraße grüßte den Jubilar ein Lied, dessen Text von dem Gemeindesekretär Arnold Budwig für diesen Tag verfaßt war Wie des Liedes erste Strophe verklungen war, erhob sich Herr Julius Jacoby, um etwa mit folgenden Worten den Jubilar zu begrüßen: In diesem der Arbeit geweihten Raume haben wir uns heute zusammengefunden, einen Mann der Arbeit zu feiern. Ein Vierteljahrhundert hat Herr Justizrath Meyer für das Wohl unserer Gemeinde sich gemüht, eine lange Zeit, aber um so mehr müssen wir uns freuen, ihn noch so jugendfrisch und thatenfroh in unserer Mitte zu sehen. Hoffen wir, daß er uns so noch lange Jahre erhalten bleibe. Wohl selten ist ein Mann so vorbereitet in sein Amt eingetreten, wie der Jubilar. Im Elternhause schon wurde ihm die Liebe und das warme Empfinden für das Judenthum alterzogen, ist ihm in dem Vorbild, das