Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 3 (18.1.1895)
- Date
- 1895-01-18
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3228094-3228098--51423-3272169- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
59. Jahrgang. Nr. 3. Berlin, 18. Januar 1895 Allgemeine eitung des Zudenlhums. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint w ö ch e n 11 i ch. Abonnements-Preis: Durch Buchbandel. Postoder direkt von der Erpedilion in Berlin unter Streifband bezogen vierteljabrl. 3 M. Nedacteur: (Gustav ZZ arpeles. Begründet von Rabbiner 23*- Ludwig Philippsou-Lonn. Vertags-Vrpedition: Berlin, Jerulalemerstr. 48/49 Alle ZuU'ndungm für Nedafrion und Erve Ditioii ftuD au Di*? Adresse: Berlag der „Alla .cm. Zeitung des Zudentluims", Berlin SW.. Zermalemei Dt ras;e!>/-lU;u richten. Ver lag von 0iada! E Masse, Berlin. Leitartikel: Die Litteraturvereine. — Die Woche. — Aus der I Berliner Gemeinde. — Der Konvent der jüdischen Gemeinden Amerikas. - Die! Juden in Oesterreich. I. — Berufswahl bei den Inden. Von Tr. I. Nülf. — Maybanms Predigten und Schrifterklärnugen. 1. Bon Dr. L. Blumenthal. — Feuilleton: Vorurtheile. Novelle von Hermann Menkes (Forts.). — Der Judenjunge. Eine Erzählung aus Ost-Galizien von Wilhelm Feldmann (Forts.). - Litterarische Mittheilirrrger,. — Sprechsaal. Der Gemeindevote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin. Sckivelbein. Miloslaw. Posen. Aus Schlesien. Kattowitz, Dresden Hamburg. Köln. Wien. Budapest. — Bon Rah und Fern. — Miscellen. — Briestaste,t de, Redaktion. Nie Litteraturvereine. Berlin. 15. Januar. ie Begründung des 50. Liiteraturvereins in Deutschland legt es der Publizistik wohl nahe, wieder einmal einen Blick auf die Bewegung zu werfen, aus welcher diese Vereine hervorgegangen sind. Wir haben wiederholt die Befürchtung gelesen, daß die Begeisterung, welche zur Stiftung dieser Vereine geführt habe, sehr oft nur ein „Strohfeuer" wäre. Diese Befürchtung hat sich Gottlob als unbegründet erwiesen. Die Litteraturvereine haben bereits ihre Feuerprobe bestanden. In einzelnen Gemeinden bestehen sie nun schon 4—5 Jahre, und es ist nicht nur keine Abnahme, sondern vielmehr eine fortwährende Steigerung der Mitgliederzahl und des Interesses zu konstatiren. In verschiedenen Vereinen sind die öffentlichen Vorträge durchschnittlich von 500, die Diskussionsabende von 200 Personen besucht, von Männern und Frauen und nicht zum wenigsten von unserer Jugend. Das ist eine erfreuliche Thatsache, die alle pessimistischen Stimmen zum Schweigen bringen muß. Wir haben aber auch kürzlich zu unserem Erstaunen gelesen, daß gegenüber verschiedenen neuen Wohlthätigkeitsinstituten „alle sog. israelitischen Bildungsvereine gleich Null seien". Und der Autor dieses Diktums beruft sich auf das Wort der Alten: „Im enkemacli en thora“; mit Beten vertreibe mau den Hunger nicht, sagte er, mit Litteratur- und Lesekränzchen löse man die soziale Frage nicht. Wir könnten nun sehr wohl mit dem Schriftwort antworten, daß „der Mensch nicht vom Brode allein lebt," wir könnten auch sagen, daß die soziale Frage nicht allein den Hunger nach Brod, sondern auch den Durst nach Wissen und Bildung in sichtrage. Aber wirmeinen, daß mit einer solchen Auffassung doch nicht ernstlich zu rechten sei, wir glauben auch nicht, daß dieselbe in jüdischen Kreisen sehr viel Anklang finden werde. Als Leopold Zunz vor 60 Jahren eine Betrachtung über jüdische Litteratur mit dem Satze schloß: „Die Gleichstellung der Juden in Sitte und Leben wird aus der Gleichstellung der Wissenschaft des Judenthums hervorgehen," da hat man diesen erhabenen Gedanken wohl noch nicht recht verstanden. Erst die Erfahrungen der letzten 20 Jahre haben das Verständnis für diese Idee geweckt, und wir wissen jetzt ganz genau, was nun vor Allem unsere Aufgabe ist. Aus den Erfolgen, welche die Bewegung für die Litteraturvereiue bis jetzt in Deutschland erreicht hat, erwächst für uns Alle die heilige Pflicht, auf diesem Wege unermüdet und unbeirrt weiter fort zu fahren. Nur ein kleiner Theil der Arbeit ist bis jetzt gethan. Es gilt namentlich den kleinen Gemeinden geistige Hilfe zu bringen. Und ferner gilt es noch ganze nullte Gebiete dieser Bewegung zu erschließen. In ganz Süddentschlaud bestehen nur zwei Litteratnrvereiue und in ganz Oesterreich kaum ein einziger, der diesen Namen wirklich verdient. Es ist also noch eine Fülle von Arbeit vorhanden für alle Diejenigen, die sich ernsthaft an dein Werk betheiligen wollen. Wir wissen es wohl, die Arbeit ist keine leichte, aber sie ist doch viel leichter als vor fünf Jahren, und sie ist wesentlich erleichtert durch die Erfahrungen, die man bis jetzt gemacht hat. Alle Bedenken, die gegen die Begründung von Litteratnrvereinen innerhalb dieser Zeit erhoben wurden, sind durch die Thatsache des Erfolges beseitigt worden. Ja, wir haben es zu unserer Freude erlebt, daß gerade in Gemeinden, in welchen die maßgebenden Persönlichkeiten es abgelehnt haben, an der Gründung eines solchen Vereins mitzuwirken, weil sie der Ueberzengung waren, daß innerhalb ihrer Gemeinde kein Raum und kein Interesse für derartige Bestrebungen sei, die Litteraturvereine den besten Boden gefunden und sich am raschesten entwickelt haben. Auch die Befürchtung, daß kleine Gemeinden nicht im Stande waren, Litteraturvereine auf die Dauer zu erhalten, hat sich als völlig grundlos erwiesen. Wir kennen eine ganze Anzahl solcher kleinen Gemeinden, die, nach dem Eifer und Interesse ihrer Mitglieder, geradezu als Muster dienen können. So ergeht denn von Neneln an alle Rabbiner, Lehrer und Gemeindevorsteher, ja. an alle Diejenigen, welche Sinn und Herz haben für das geistige Leben im Judenthum, die dringende Aufforderung, sich an diesem Werke zu beiheiligen und in ihren Gemeinden eine Stätte zu schaffen, in der die Geschichte des Judenthums, seine Lehre und seine Litteratur in allverständlicher Weise für Jung und Alt vorgetragen wird. Ter Verband jüdischer Litteraturvereine wird ihnen Allen und überall mit Rath und That gern zur Seite stehen. Nach unserer lleberzeugnng giebt es keine einzige Gemeinde im ganzen deutschen Vaterlande, in der es nicht möglich wäre, einen Litteraturverein ins Leben zu rufen und zu erhalten, wenn nur die maßgebenden Faktoren mit Entschiedenheit dafür eintreten würden. Und gerade die Winterszeit ist die beste für die geistige Aussaat. Möchte dies überall erkannt und durchgeführt werden!