Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 2 (11.1.1895)
- Date
- 1895-01-11
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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4 Der Kaiser hat den Privatdozenten Dr. Gustav Kohn zum außerordentlichen Professor der Mathematik an der Universität in Wien, der Handelsminister hat den Fachschriftsteller Sigmund Sonnenschein, welcher gegenwärtig der Präsidialabtheilung zugetheilt ist, zum Inspektor der Staatsbahnen ernannt. 81. Budapest, 6. Januar. Eines in jeder Beziehung mustergiltigen Aufschwunges erfreut sich das isr. Knaben Waisenhaus, welches kürzlich sein fünfundzwanzigjähriges Jubiläum feierte. Dank den Bemühungen des eifrigen Präsidenten Jakob Deutsch entwickelte sich dieses von Anton Fochs gegründete Institut aus bescheidenen Anfängen zu einer großangelegten, der hauptstädtischen Judenheit zur Ehre gereichenden Humanitären Anstalt, welcher der wackere Präsident aus diesern feierlichen Anlasse einen durch Sammlungen aufgebrachten Fond von 200,000 Kronen zuführte, damit selbe nicht wieder auf zufällige, mannigfachen Schwankungen ausgesetzte Spenden und Unterstützungen angewiesen sei. — In Ober Ungarn starb dieser Tage ein armer jüdischer Lehrer. Er hieß Hermann Waldmann, und nur Wenige hatten Kenntniß davon, daß Waldmann einer der Helden von Custozza gewesen. Als Freiwilliger hatte er erst den Freiheitskampf mitgemacht, und nach der Vil.'igoser Waffenstreckung wurde er in die kaiserliche Armee ein gereiht. Als Artillerist nahm er an dem Kriege 1859 und 1800 Theil. Bei Custozza rettete er seine Kameraden, indem er als Schildwache, ohne Ordre auf einen Trupp feindliche Kavallerie, welche einen Ueberfall beabsichtigten, sämmtliche vorhandenen Geschütze abfenerte. Waldmann erhielt für diese Bravour die goldene Tapferkeitsmedaitle und durste nach der Schlacht heimkehren. — Die jüdischen Religionslehrer reichten beim Kultus- und Unterrichtsminister ein Memorandum ein, in welchem sie um die Verbesserung ihrer Lage ansuchen. In demselben setzen selbe auseinander, daß sie, nachdem das 1868er Schulgesetz auf die Religionslehrer nicht ausgedehnt wurde, der Willkür der Schulhalter unterworfen sind, und daß sie der Landes- Lehrerpensionsfond ohne Weiteres ausschließt. Sie wünschen nur vorläufig die Aufnahme in den Pensionsfond, um sich eine einigermaßen annehmbare Existenz im Alter nach der mühseligen Laufbahn gründen zu können. er. Paris, 0. Januar. Unsere falschen Freunde haben anläßlich der Asfaire des Kapitäns Dreyfuß, über dessen Degradation und Versicherung seiner Unschuld Ihnen ja die politischen Blätter berichtet haben, wiederholt mit schmerzlich süßen! Lächeln es beklagt, daß die französischen Juden, vor Allem die in der Armee dienenden, dadurch viel zu leiden haben würden. Wir können heute die braven „Verkappten" hüben und Drüben beruhigen: Bei dem Neujahrs-Avancement sind trotz alledem und alledem wieder zwei jüdische Obersten zu Brigade-Generälen ernannt worden! Und zwar Oberst Aron vom 26. Regiment und Oberst Wolfs vom 15. Artillerie-Regiment. — Auch die Ehrenlegion haben mehrere Juden erhalten, so der Chef-Architekt der Stadt Lyon, Abraham Hirsch, ferner der Artillerie-Hauptmann Leopold Franck n. A. — Bei dem Neujahrsempsang im Elysee waren, wie alljährlich, die beiden Konsistorien durch eine Deputation, bestehend aus Baron Gustav v. Rothschild, den Großrabbinern von Frankreich und Paris, vertreten. — Auch bei dem Ministerpräsidenten Dupuy haben die beiden Großrabbiner Z. Kahn und Dreyfus ihre Aufwartung gemacht. Dupuy versicherte ihnen in herzlicher Weise, daß die Regierung der Republik nach wie vor alle Franzosen, gleichviel welcher Religion sie angehören, als gleichberechtigt achten werde. — Nach dem „Journal officiel" sind in dem diesjährigen Budget folgende Posten für den israelitischen Kultus ausgeworfen: Ausgaben für den israelitischen Kultus überhaupt 22,256 Francs, für das Seminar 3667 Francs, Unterstützung für Bauten 9800 Francs. — Das Centralkonststorium hat den Preis Weil! aus Straßburg, bekanntlich zu Gunsten von Rabbinern und Lehrern oder anderer Personen gestiftet, die dr!rch ihre Schriften die Bildung der jüdischen Jugend gefördert haben, nach Bericht der Spezialkommission an folgende Herren diesmal vertheilt: An die Großrabbiner Bloch in Nancy, Abr. Cahen und Js. Levy in Bordeaux, an die Herren L. Wogue, Rabbiner M. Mayer, Leon Kahn, Sekretär des israelitischen Konsistoriums in Paris, Lehrer Ury in Bordeaux, Schuldirektor Leopold und Madaine I. Levy in Paris. Die zur Vertheilung gelangende Summe beträgt 6500 Francs für dieses Jahr, so daß auf jeden der Genannten der Betrag von 650 Francs kommt. Von Nah und Fern. ---- Herr Geh. Kommerzienrath Herz ist zum Vorsitzenden des Aeltesten-Kollegiums der Kaufmannschaft in Berlin erwählt worden. — Herr Oberlehrer Dr. Samuel Elias am Leibniz-Gymnasium in Berlin hat den Titel „Professor" erhalten. — Am Sonntag den 13. Januar feiert das Ehepaar Hirsch Steinberg und Frau, Elisabethstraße 20, die goldene Hochzeit. — Am 22. v. M. sprach Frau Nahida Remy aus Berlin im Litteraturverein zu Lissa über „Das Weib im Talmud" vor vollbesetztem Hause und mit großem Beifall. Dieselbe wird am 9. d. M. in Bromberg und am 12. in Glogau im Litteraturverein sprechen. — Am 7. Januar d. I. feierte der Kantor Herr Bischofs w erde r mit seiner Ehegattin in Lissa die goldene Hochzeit. Der Jubilar hat mehr als 33 Jahre in unserer Gemeinde gewirkt. Am 1. Juli 1891 trat er in den wohlverdienten Ruhestand. Landrath von Hellmann überreichte dem Paare nebst einem huldvollen Glückwunsch-Schreiben aus dem kaiserlichen Kabinet die Ehejubiläus-Medaille. Die städtischen Behörden entsandten die Herren Oberbürgermeister Herrmann und Stadtrath Jakubowski zur Beglückwünschung. Eine Deputation der Synagogen-Gemeinde überbrachte einen Becher mit angemessener Widmung. Möge dem greisen Paare ein freundlicher Lebensabend beschieden sein. — Dr. med. Sigmund Asch in Breslau, ein alter Freiheitskämpfer, feierte am Sonnabend seinen 70. Geburtstag. Dr. Asch gehört mit zu denen, die in den bekannten Breslauer Maiprozeß verwickelt waren, worin er zu einem Fahr Gefängniß verurtheilt wurde. Er ist bekanntlich das Borbild des „Doktor Klans" in dem Stück von A. L'Arronge. — Herr Theodor Adler, Mitinhaber des Dresdener Bankhauses Ouellmalz u. Adler (Sächsische Bankgesellschaft) seit dessen zwanzigjährigem Bestehen, siedelt Mitte dieses Monats nach Paris über, um beim Baron v. Hirsch die Stellung eines Direktors der finanziellen Angelegenheiten der jüdischen Kolonisations-Gesellschaft für Argentinien (Jewish Colonization Association) einzunehmen. Herr Adler wird gleichzeitig mit der Verwaltung aller finanziellen Angelegenheiten des Herrn v. Hirsch betraut sein. — In Seelow feierte die Wittwe des früheren fast 40 Jahre thätigen Vorstehers Frau M. Lewy geb. Golde im Kreise ihrer Kinder und Enkel in voller Rüstigkeit ihren 70. Geburtstag unter allgemeiner Theilnahme der Gemeinde. In der Synagoge gedachte der Kultusbeamte Goldberg der Jubilarin, welche mit ihrer Frömmigkeit, Wohlthätigkeitssinn und innigem Familienleben allen jüdischen Frauen ein leuchtendes Beispiel sein möge. Möge ihr noch lange ein ungetrübter Lebensabend beschieden sein. — In Lodz sind in Folge der Cholera- Epidemie 600 israelitische Waisen elternlos zurückgeblieben, für welche seitens der dortigen jüdischen Gemeinde ein Asyl gebaut wird. — Die jüdische Gemeinde zu Rostow am Don erhielt durch den Oberstkomniandirenden des Militärbezirks der Donischen Kosacken ein vom Zaren Nikolaus II. eigenhändig unterzeichnetes Dankschreiben auf ihre aus Anlaß des Todes Alexanders III. und der Thronbesteigung des neuen Zaren dem Letzteren gesandten Beileids- und Huldigungs-Telegramme. — Kollegienrath Dr. med. Arie in Odessa wurde vom Kaiserl. russischen Senat wegen hervorragender Leistungen im Dienste der Humanität als erblicher Ehrenbürger in den Adelsstand erhoben. — Einem jüdischen Elementarlehrer in Kischinew (Süd-Rußland) wurde nach Mittheilung des russischen „Regierungsanzeigers" der „Alexander- Orden am Bande" verliehen. — Unter dem Titel: „Die Dramen der Kaserne" bringen die rumänischen Zeitungen spaltenlange Artikel, welche die traurige und verzweifelte Lage unserer Glaubensgenossen auch in der Arrnee in einer schrecklichen Beleuchtung schildern. Der jüngste Fall betrifft einen intelligenten, allerseits beliebten jungen Menschen, Namens Josef Jampolis, Rekrut im 3. Reiterregimente, der sich wegen der unglaublich rohen Behandlung seitens seiner Vorgesetzten mit Selbstmordgedanken trug, aber bevor er dieselben zur Ausführung brachte, den in der Kaserne erlittenen Qualen erlag. — Die Königin von England hat dem Mr. Israel Hart, dem früheren allgemein beliebten Mayor von Leicester, die Ritterwürde verliehen. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.