Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 2 (11.1.1895)
- Date
- 1895-01-11
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
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3 .int Schulzeugnisse hierüber etwas zu bemerken. — Die Erfolge der Verfügung dürften sich bald in größerem Fleiß der Schüler zeigen. 0. Aurich, im Januar. Nachdem Herr Hauptlehrer Neuß gelegentlich einer Predigt in der Synagoge nach bewährtem Muster die Gründung eines Litteratur-Bereins auch für hier empfahl und kurz nachher vor einer zu diesem Zwecke versammelten Gesellschaft seine Idee näher klarlegte, wurde ein solcher jüngst ins Leben gerufen. Die Versammelten, etwa 40 an der Zahl, sagten einstimmig ihren Beitritt zu, worauf alsdann ein Vorstand gewählt und als dessen Vorsitzender der Herr Lehrer H Reuß gewählt worden ist. Es ist auch bereits ein Vereinsstatut entworfen, nach welchem vorläufig einmal wöchentlich Lese- und einmal monatlich Vereins-Abende veranstaltet werden. Am 26. d. Mts. als am 4. Abend Chanuka hielt der Verein seinen ersten Leseabend ab. Herr Reuß eröffnete die Versammlung durch eine kurze, aber zweckentsprechende Ansprache, indem Redner besonders darauf hinwies, daß es bei dem heutigen Glaubenskampfe für uns von besonderer Wichtigkeit sei, mindestens in unserer eigenen Geschichte und über deren Hauptereignisse genau Bescheid zu wissen rc. re. Es folgte alsdann ein Vortrag des Herrn Lehrer Wolf über den Talmud. Hierauf wurden Gedichte und einige Zeitungsartikel vorgelesen und besprochen. Der nächste öffentliche Vereinsabend soll am 6. Januar d. Js. veranstaltet werden, für welchen Herr Hauptlehrer Reuß als Thema einen Vortrag über M. Mendelssohn zu halten beabsichtigt, Herr Lehrer Wolf dagegen seine noch nicht beendigten Erklärungen aus dem Talmud weiter fortsetzen wird. o. Essen a. d. Ruhr, 4. Januar. Gestatten Sie, daß ich Ihnen heute über unser schönes und wohlgelungenes Chanukafest Bericht erstatte. Zur Feier desselben hatten sich die drei hiesigen Wohlthätigkeitsvereine verbunden und eine Sammlung freiwilliger Beiträge betrieben, um eine Beschenkung der Bedürftigen in größerem Maßstabe zu ermöglichen. Das Ergebniß übertraf alle Erwartungen und erlaubte es, 46 Kinder in reicher und zugleich schonender Weise mit Kleidern, Wäschestücken re. auszustatten. Es verdient hervorgehoben zu werden, daß die Beschenkung selbst nur durch Mitglieder des Komitees und im Uebrigen hinter verschlossenen Thüren vor sich ging. Eine öffentliche Schulfeier sollte dagegen am letzten Chanukaabend die gesammte israelitische Schuljugend vereinen. Die Leitung der Feier selbst hatte der Hauptlehrer unserer jüdischen Schule, Herr S. Graf, übernommen und mit Geschick und Umsicht ausgesührt. Das reiche Programm des Abends enthielt passende Deklamationen, Musikvorträge und lebende Bilder, welch' letztere die Geschichte des Chanukafestes veranschaulichten. Da sah man Hanna mit ihren 7 Söhnen vor Antiochus; alsdann Juda mit seinen Helden das Weihefest begehen; Alles von Schülern und Schülerinnen dargestellt. Den Mittelpunkt bildete das Anzünden der acht Festlichtlein, woran sich eine nachdrucksvolle und begeisternde Ansprache unseres Rabbiners, Herrn Dr. Samuel, schloß. Auch an einer humoristischen Beigabe fehlte es nicht; eine „Militärkapelle des Juda- Makkabäischen Garderegiments auf der Konzertreise begriffen", gab ein von Herrn Graf gesetztes Potpourri zum Besten, in welches alle jüdischen Melodien des Synagogenjahres verwoben waren. Die Aufführungen klangen patriotisch mit einer sinnbildlichen Huldigung für unfern allgeliebten Landesvater aus. — Hierauf erfolgte an vier langen Tafeln die Bewirthung der Kinder mit Kaffee und Kuchen, wobei die Damen des Komitees das Amt des Aufwartens in liebenswürdiger Weise übernahmen. Gar manches Hoch wurde währenddessen als Zeichen der Dankbarkeit für den Leiter der Feier und Alle, die zur Verschönerung derselben beigetragen hatten, ausgebracht. — Auch wir können uns diesem Dank nur anschließen und wünschen, daß ähnliche Veranstaltungen auch in kleineren Gemeinden mehr und mehr Eingang finden mögen. H. Fürth, 4. Januar. Anläßlich des Neujahrsfestes verlieh der Prinzregent eine größere Anzahl von Auszeichnungen. Darunter befinden sich folgende an Glaubensgenossen vertheilte: Den Titel Justizrath erhielt der Rechtsanwalt Herr Heinrich Hahn in Nürnberg, den Titel Kommerzienrath empfing der von hier gebürtige frühere Fabrikant und jetzige Privatier Herr Heinrich Berolzheimer in Nürnberg und Herr Kaufmann Ludwig Metzger, Inhaber der Firma S. Guldmann in Nürnberg, den Titel eines Kgl. Professors Herr Maler Harburger in München. Edmund Harburger, der uns in den „Fliegenden Blättern" so lebenssprudelude, köstliche Gestalten vorzuführen pflegt, ward es att der Wiege nicht gesungen, daß er Maler werden werde Zu Eichstüd am 4. April 1846 geboren, widmete er sich als junger Mann nämlich zuerst dem Baugeschäft und sattelte erst mit 20 Jahren um. Die Kritik zählt ihn gegenwärtig zu den hervorragendsten Vertretern der deutschen Genremalerei. JE Mannheim, 4 Januar. Im Verein für jüdische Geschichte und Litteratur sprach gestern Abend Herr Rechtsanwalt Dr. Bodenheimer-Köln über „Napoleons I. Stellung zum Judenthum". Der zahlreiche Besuch bewies wohl am besten, wie in den betheiligten Kreisen den Bestrebungen des jungen Vereins intmer mehr Verständniß entgegengebracht wird und die Geschichte mehr und mehr in unserer heutigen Zeit zum Gegenstand des Studiums und der Unterhaltung gemacht wird. Der Redner ging in flüchtigen Skizzen auf den Lebensgang Napoleons 1. ein und führte in höchst belehrender und unterhaltender Weise Episoden aus dem Leben des großen Korsen an. Schrittweise begleitet er den genialen Kriegshelden auf seinen Sieges- Zügen bis zu jenem ewig denkwürdigen ägyptischen Feldzug, wo Napoleon zuerst zum Judenthum in Beziehungen tritt. Bei der Belagerung von Arco erließ der damalige General Bonaparte eine Proklamation an alle in Aegypten und Syrien lebenden Juden, sich unter seine Fahne zu fchaaren und versprach ihnen die Wiederaufrichtung ihres Reiches. Zwar wurde dieser Aufforderung nur vereinzelt Folge gegeben, denn eine solche Restauration des jüdischen Reiches erschien damals aussichtslos. Napoleon kehrte nach Frankreich zurück, wo er nach dem Sturze der Direktorialgewalt sich die Krone Frankreichs aufs Haupt setzte. Es kam das Jahr 1806, wo Napoleon auf seinem Feldzug gegen Preußen und Oesterreich in Straßburg verweilt. Dort war es, wo die elsässischen Bauern ihm ihre Klagen gegen das Judenthum vorbrachten. Ein Staatsmann von der Bedeuttrng Napoleons sucht dem Hebel an die Wurzel zu gehen, und so berief er den Staatsrath, der nach längerer Tagung unter des Kaisers Vorsitz beschloß, ein Synedrium der angesehensten Juden Frankreichs nach Paris einzuberusen. Dasselbe trat im Juli 1806 zusammen und berieth über die vom Kaiser gestellten zwölf Fragen, die sämmtlich in günstigem Sinne beantwortet wurden, womit sich das französische Judenthum als einen Theil des französischen Volkes erklärte. Merkwürdig ist dabei die Stellung Napoleons selbst, der niemals das Judenthum als eine Religion, sondern nur als ein Volk, eine Nation betrachtete und dabei sich auf jene Beweise stützte, die heute noch von antisemitischer Seite als Trumpf ausgespielt werden. Um den Beschlüssen des Synedriums gewissermaßen die Kraft eines allgemein jüdischen Dogmas zu geben, berief Napoleon 1806 das große Sanhedrin nach Paris, das, aus Juden aller Nationen bestehend, die Beschlüsse des Synedriums als bindend erklärt. Im späteren Verlaufe seiner Regierung kam Napoleon nicht mehr in Berührung mit dem Judenthum, doch ist die Stellung Napoleons um so weltgeschichtlicher, als er der Erste war, der in solcher Weise dem Judenthum nahe trat; die staatsmännischen Erwägungen, die ihn dabei leiteten, sind der Geschichte unbekannt geblieben. Frei von aller historischen Trockenheit wußte der Vortragende seine Ausführungen höchst interessant zu gestalten, und lohnte das zahlreiche Auditoriunt den belehrenden Vortrag durch reichen Beifall. Oesterreich - Ungarn» O Wien, 7. Januar. Am 4. d. Mts. war der nieder österreichische Landtag wieder der Schauplatz arger Szenen, welche die Antisemiten diesmal zur Abwechslung gegen einen katholischen Priester, gegen den Rektor der Wiener Universität Prof. Müllner, inszenirt hatten. Die Skandale waren um so mnthwilliger hervorgerufen, als in der Sache selbst, wie das Ergebniß der Debatte bewies, innerhalb des Landtags vollste Einmüthigkeit herrschte. Seit Langem hat im Landtagssaal eine Rede nicht so gerechtes Aufsehen erregt, wie die des Rektors Magnificus Professor Laurenz Müllner. Dr. Müllner ging in sehr gewandter Rede auf die Sache ein und erregte, wie selbstverständlich, die größte Aufmerksamkeit des gesammten Hauses. Darauf folgten die richtigen Skandalszenen, deren Schilderung Sie mir wohl erlassen worden. — In O st r o w o wurde das christlich-soziale Arbeiterblatt „Zajmy Delnictva", welches unter Patronanz des Klerus steht und bereits während der letzten Arbeiterunruhen durch antisemitische Artikel aufreizend wirkte, auf Veranlassung des Polizei-Kommissariats — binnen vierzehn Tagen zum zweiten Male — wegen aufreizender antisemitischer Artikel konfiszirt. —