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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-01-11 · Heft 2 (11.1.1895) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 2 (11.1.1895)
Date
1895-01-11
Page
[Seite] (sequence 13)
Language
German
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59. Jahrgang, »r. 2. Lerim. li.Lannar 1895. Weikage zur „Allgemeinen Zeitung des IuöenLHums". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. 2/D Berlin^ 8. Januar. In der am Sonntag den 6 d. M. stattgehabten Sitzung der Repräsentanten schritt die Versammlung zunächst zur Neuwahl des Büreaus. Der durch Stimmzettel vorgenommene Wahlakt ergab die Wiederwahl des alten Büreaus, so daß dieses, nachdem sämmtliche Herren die Wahl dankend angenommen, wie bisher aus den Herren: Hermann Landsberger als erstem Vorsitzenden, Rechtsanwalt Tiktin und Geh. Sanitätsrath Boas als erstem bezügl. zweitem Stellvertreter und Geheim. Sanitätsrath Mareuse und S. Leichtentritt als erstem bezügl. zweitem Schriftführer besteht. Sodann wurde zur Wahl des laut Beschluß der vorigen Sitzung neu zu bildenden Petitionsausschusses geschritten, der nunmehr aus den Herren Geheimräthen Boas und Kirstein, sowie den Herren Sanitätsrath Blumenthal, Löwenberg und Stadtrath Dr. Weigert gebildet wird. Herr Dr. Weigert, welcher für den aus dem Kollegium geschiedenen Herrn David Hirschfeld in dieses eingetreten ist, wird auch an dessen Stelle in den Finanz- Ausschuß gewählt, welcher nunmehr aus den Herren M. Manheimer, Leonh. Sachs, G. Löwenberg, Louis Sachs, Jos. Fränkel, Isidor Löwe, Moritz Heilmann, Martin Simon, Stadtrath Weigert besteht. — Die Versammlung wird sodann um ihre Zustimmung zur Annahme einer Zuwendung ersucht, die in Höhe von 70,000 Mk. von Herrn Louis Aaron und seiner Ehegattin geb. Friedheim für das neu zu errichtende Hospital (Siechenhaus) bestimmt ist. Die Schenkungsurkunde besagt, daß die Zinsen dieses Kapitals zur Pflege armer unheilbarer Kranken Verwendung finden sollen. Der hierfür bestimmte besondere Saal soll an der Eingangsthür eine Tafel mit der Inschrift tragen: Zum Andenken an unsere unvergeßliche Mutter Julie Friedheim geb. Baum. — Die Versammlung erklärt sich für die Annahme der Zuwendung, für welche die landesherrliche Genehmigung nachgesucht werden wird. Es werden alsdann pro I. Quartal 1895 150 Mk. bewilligt zur Remunerirung eines Wochentagsvorbeters in der Neuen Synagoge. Der Referent Herr Leonh. Sachs hatte die Forderung mit dem Hinweis begründet, daß nach dem Gutachten der Musikverständigen die rauhe Morgenluft der Stimme eines Sängers nichts weniger als dienlich sei. Man könne daher die Kantoren, die den großen Gottesdienst zu verrichten hätten, nicht auch für diesen frühen Morgendienst in Anspruch nehmen. Herr Landsberger fügte diesen Ausführungen hinzu, daß man andererseits nichts desto weniger einen guten Vorbeter zur Stelle haben müsse, weil es sich bei diesem Gottesdienst vornehmlich um Andächtige handle, die nur zur Jahrzeit zu kommen pflegen, und eben diese sollen, weil so seltene Besucher des Gotteshauses, von diesem die besten Eindrücke hinwegnehmen. Des weiteren werden bewilligt: 429 Mk. zur Anschaffung von Subsellien für die Lehrerbildungs-Anstalt und die Präparandenklasse und 350 Mk. zur Herstellung eines Abschlußgitters vor dem Portal des Verwaltungsgebäudes Oranienburgerstraße 29. Die öffentliche Sitzung schließt mit der Entgegennahme des Berichts über die Vermischung der Stände in der Synagoge in der Lindenstraße. Aus dem Bericht geht hervor, daß an Platz- . miethen 37,698 Mk. eingenommen worden sind, d. h. 1555 Mk. mehr als im Vorjahre. Jedoch wird dabei ausdrücklich betont, daß dieser Betrag sich! noch höher stellen würde, wenn es nicht an Frauenplätzen fehlte, ein Mangel, durch den sich begreiflicherweise viele Männer veranlaßt sehen, auch ihrerseits andere Andachtsstätten aufzusuchen. In der darauf folgenden geheimen Sitzung wurde in A., wie wir vernehmen, die definitive Anstellung der Lehrerin Fräulein Goldberg an der Mädchenschule, sowie des Herrn Albert Ginsberg als Assistent bei der Friedhofs- Inspektion von der Versammlung genehmigt. £2 Berlin, 8. Januar. Am Sonntag, den 13. er., vollenden sich 25 Jahre seit dem Tage, da Herr Justizrath Meyer in das Vorstandskollegium der hiesigen jüdischen Gemeinde gewählt worden ist, an dessen Spitze er heute steht. In einer gemeinsamen Feier werden Vorstand und Repräsentanten im Sitzungssaal der letzteren Körperschaft am Sonntag dieses Tages würdig gedenken. Die Feier beginnt Mittags 12 Uhr, doch ist der Zutritt nur gegen Karten gestattet, die bereits sämmtlich vergeben sind. sQc Berlin, 8. Januar. Karl Emil Franzos hielt gestern Abend im Saal der Gesellschaft der Freunde einen sehr interessanten Vortrag zum Besten des Stipendienfonds für die Wissenschaft des Judenthums, unter dem Titel „Jugenderinnerungen". Franzos, dessen Individualität aus seinen Werken klar zu erkennen ist, erläuterte mit bewundernswürdiger Objektivität seinen Bildungsgang, nachdem er einige kurze Notizen über seine Familie mitgetheilt hatte. Am werthvollsten war die Entstehungsgeschichte seiner ersten Ghettonovelle an der Spitze des weit über die Grenzen Deutschlands hinaus bekannt gewordenen Buches „Die Juden von Barnow". Der Dichter wollte seinem polnischjüdischen Heimathstädtchen Czortkow dienen: Als Philolog, wie er es ursprünglich zu können glaubte, war es ihm deshalb unmöglich, weil ihn sein Judenthum von einem Amte fernhielt; als Advokat zu wirken, wozu ihn sein späteres juristisches Studium befähigt hätte, verbot ihm seine Neigung; es blieb ihm also nur der Schriftsteller. Früh schon hatte sich seine Phantasie und Fabulirkunst bethätigt; zum ersten Male in einem Lustspiel „Der tanzende Lieutenant", wozu eine vagabundirende Scham spielertruppe die Anregung gegeben hatte. Das Stückchen wurde aber vor seiner Aufführung von der „Kritik" zerrissen. Später, als Student in Wien, entstand aus einer unglücklichen Herzensgeschichte, an der sich der Dichter verbluten zu müssen glaubte, die erste Novelle. In einer Nacht wurde sie niedergeschrieben, und die vertrauten Gestalten des polnisch-jüdischen Landstädtchens saßen ihm Modell dazu. Seit jener Zeit fühlte der Dichter, daß er feinen Landsleuten am besten dienen würde, wenn er ihnen einen Spiegel vorhielte, um sie loszulösen von ihren Vorurtheilen, sie geistig zu befreien. Aus dem Vortrage klang deutlich der Grundgedanke Franzosscher Lebensphilosophie heraus: Deutscher und zugleich Jude zu sein. Das Festhalten an diesem Gedanken hat dem Dichter manche Hoffnung vernichtet, manchen Wunsch versagt, aber er ist trotzdem nicht davon abgewichen bis auf den heutigen Tag. Die den Saal dicht füllenden Zuhörer folgten dem fesselnden, mit leisem Humor gewürzten Vortrage mit großer Spannung und belohnten den Redner am Schluß mit stürmischem Beifall. Im Verein für jüdische Geschichte und Litteratur hielt gestern Herr Dr. Gustav Karpeles in der Aula des Friedrich-Werderschen Gymnasiums den dritten der öffentlichen Vorträge über „Glaubenswechsel und Glaubenstreue". Der Vortrag behandelte natürlich das Thema der Judentaufen vom historischen, statistischen und ethisch-psychologischen Standpunkte aus. Da der Vortrag wohl im Druck erscheinen wird, so können wir uns ein näheres Eingehen auf denselben an dieser Stelle ersparen. g/s Berlin, 3. Januar. Gestern ist hier der Geheime Sanitätsrath Dr. med. Moritz Poppelauer gestorben. Derselbe erfreute sich in weiten Kreisen unserer Stadt einer großen Beliebtheit. Als Arzt wie als Mensch wurde er in gleich hohem Grade geschätzt. Schon im Jahre 1866 wurde ihm die Leitung des Cholera-Lazarethes übertragen, später verwaltete er das Amt eines dirigirendeu Arztes am Friedrich-Wilhelm- Hospital fast ein Vierteljahrhundert hindurch. Ueber seine Thätigkeit in den beiden Stellungen hat er sorgfältig abgefaßte Berichte verfaßt. , Poppelauer hat sich durch sein selbstloses, aufopferungsvolles Wirken! ein unauslöschliches Andenken bei seinen zahlreichen Klienten erworben, z Er übte seit 1851 die ärztliche Praxis aus. 1826 511 Peiskretscham in I Schlesien geboren, besuchte er zuerst die Volksschule in seiner Heimath, dann das Gymnasium in Gleiwitz. Im siebzehnten Jahre verließ er die Schule, um in eine Handlung als Lehrling einzutreten. Für die Reifeprüfung, die er 1846 in Breslau ablegte, bereitete er sich außerhalb der Schule vor. Sein medizinisches Studium begann Poppelauer in Breslau.

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