Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 2 (11.1.1895)
- Date
- 1895-01-11
- Page
- Seite 24 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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24 Sprechfaal. Verehrter Freund! (^^auk Ihrer eigenen Freundlichkeit, sowie der einiger Leser Ihrer Zeitschrift, ist das Ersuchen, das ich in den Schlußzeilen meines ersten Aufsatzes über Bernstein in Ihrer letzten Nummer ausgesprochen habe, erfüllt. Ich bitte Sie, dies mitzutheilen, damit sich nicht auch andere liebenswürdige Leser, die mir nach dieser Hinsicht dienlich sein wollen und können, mit der Zusendung oder Nachweisung der Bücher bemühen. Meinen Zweiten Aufsatz, der nur einiger Umgestaltung bedarf, werde ich demnächst folgen lassen. Aber das Wichtigste, was sich aus den nun endlich erlangten ersten Abdrücken der beiden Arbeiten ergiebt, sei schon hier mitgetheilt. Ich bemerkte am Schluß meines ersten Aufsatzes, die Angabe, daß Bernstein die beiden Ghetto - Geschichten gegen Ende der dreißiger Jahre geschrieben, beruhe zwar auf sonst verläßlicher Quelle, doch hatte ich keinen Beleg dafür. Ich hatte beim Niederschreiben dieses Satzes die Empfindung, als triebe ich da die Vorsicht etwas zu weit, denn wie verläßlich die gedruckten Quellen schienen, und daß ich auch aus noch weit triftigeren äußeren Gründen an dieser Erscheinungszeit kaum noch Zweifeln konnte, werde ich demnächst darlegen. Aber ich dachte: „lieber zu vorsichtig, als unvorsichtig" und fügte die Einschränkung bei. Das war sehr wohl gethan, denn die Novellen sind thatsächlich — zwanzig Jahre später geschrieben. Mit bestem Gruß Berlin, 6. Januar. Ihr ergebenster Karl Emil Franzos. * Geehrter Herr Redakteur! .^Lerr Dr. Strauß zitirt in der letzten Nummer Ihres gesch. Blattes in Beziehung auf den Leitartikel vom 14. v. M. einen Goetheschen Ausspruch, aus dem zu ersehen, wie dieser Dichterfürst über die Bibel gedacht, wie er das Buch der Bücher beurtheilt hat. Ich möchte diesem Ausspruche noch einige hinzufügen. Im dritten Buch „Aus meinem Leben" schreibt er: „Ich hatte zuviel Gemüth an dieses Buch verwandt, als daß ich es jemals hätte wieder entbehren können." Seine „Sprüche in Prosa" enthalten noch folgende Urtheile über die Bibel: „Man streitet viel und wird viel streiten über Nutzen und Schaden der Bibelverbreitung. Mir ist klar: schaden wird sie wie bisher, dogmatisch und phantastisch gebraucht; nutzen wie bisher, didaktisch und gefühlvoll ausgenommen." Und an einer andern Stelle heißt es: „Ich bin überzeugt, daß die Bibel immer schöner wird, je mehr man sie versteht, d. h. je mehr man einsieht und anschaut, daß jedes Wort, das wir allgemein auffassen und im/Besonderen auf uns anwenden, nach gewissen Umständen, nach Zeit und Ortsverhältnissen einen eigenen, besonderen, unmittelbar individuellen Bezug gehabt hat." Noch will ich den Satz erwähnen, den Goethe in der „Farbenlehre" ausgesprochen, und der uns zeigt, wie dieser Dichter und Denker über den Werth der Bibel geurtheilt hat: „Je höher die Jahrhunderte an Bildung steigen, desto mehr wird die Bibel zum Theil als Fundameut, zum Theil als Werkzeug der Erziehung, freilich nicht von naseweisen, sondern von wahrhaft weisen Menschen genützt werden." Mit Hochachtung Könitz, 4. Januar. Dr. Grabowski, Rabbiner. * Hochgeehrter Herr Redakteur! ^^iel wurde in diesem Jahre die Bedeutung von rea erörtert. Ich weiß/ nicht, ob auf die ttebersetzung der LXX hingewiesen wurde. Ich werde auf dieselbe bei der Lektüre von Euripides' Herakles aufmerksam. Ulrich v. Wilamowitz-Möllendorff macht in seinem Kommentar zu dieser Frage die Seite 92 (zu Vers 192) folgende Bemerkung: „>> :i/jt<unr bezeichnet,die^Menschcn, mit denen wir in keiner andern als einer zufälligen und vorübergehenden Berührung stehen, die nicht unsere nhoHti i:7ztz(>( r.vcc/vjr.hu sind; das deutsche „unsere nächsten" giebt den Sinn ganz schlecht/ wieder, und ein Spruch wie r.yrm^n-u t<>v Tihißioroorjoj of-nvror wird dadurch seiner ganzen Kraft und Bedeutung entkleidet." Auf diese Erklärung wollte ich heute die Aufmerksamkeit lenken. Mit vorzüglicher Hochachtung Gießen, 31. Dezember. I. Hermann. 'j* Sehr geehrter Herr Redakteur! o (j$| nknüpfeud an Nr. 1 (Sprechsaal) gestatten Sie mir gütigst die §£5 Frage: Sollte sich in den israelitischen Waisenhäusern nicht manches Mädchen finden, das sich für den Beruf einer Pflegerin eignet, besonders wenn von den Vorsteherinnen darauf hingewirkt wird? Ganz gewiß würde manches junge Mädchen mehr Befriedigung und ein sorgenloseres Leben finden, als was die Heirath einem solchen Mädchen im Allgemeinen bietet. Es ist ein edles, wohlthuendes Gefühl, kranke, ja oft alte und verlassene Menschen, besonders „alte Mütterchen", zu pflegen und ihnen behilflich zu sein. Was für ein Lohn liegt schon in einem Blick solcher Armen. Gewiß, es ist das Schönste und Erhabenste aller Wohlthätigkeit. Es wäre sehr zu wünschen, daß alleinstehende Wittwen und junge Mädchen sich mit diesem erhabenen Lebenszweck zum Wohle der Menschheit mehr vertraut machten. Sollte der hochverehrte Vorstand sich entschließen, zur Pflege der Armen zwei Pflegerinnen nach Leipzig zu senden, so bin ich gern bereit, denselben in meinem bescheidenen Heim, vorläufig auf ein Jahr kostenfreie Aufnahme zu gewähren, um der Sache Grund und Boden zu verschaffen. — Nach meiner unmaßgebenden Ansicht gehört es zu der Heirathsausstattung jedes Mädchens, das auf Bildung Anspruch macht, daß dasselbe etwas von der Krankenpflege und Kindererziehung versteht. Wie viel Sorge, Jammer und Kummer könnte dadurch verhütet und wie viel unnöthige Kosten erspart werden! Ich hoffe aufrichtig, daß in nicht zu langer Zeit das Heim in Berlin nach allen Richtungen in Deutschland Schwestern senden kann, und ich bin gewiß, daß dieselben überall freudig Aufnahme finden werden. Mit vorzüglicher Hochachtung Leipzig-Plagwitz. Frau Amalie Ullmann. * Sehr geehrter Herr Redakteur! entschuldigen, wenn ich es mir erlaube. Sie auf einen Jrrthum aufmerksam zu machen, welcher in der Biographie über Anton Rubinstein in der „Allgem. Zeitung des Judenthums" sich eingeschlichen hat und den mehrere deutsche Blätter wiederholt haben. Anton Rubinstein war in Rußland, in Beffarabien, in dem seinem Vater Grigory^) gehörenden Landgute Wychwatyniee geboren, keineswegs aber in Rumänien; weil Beffarabien bekanntlich schon seit dem Frieden von Bukarest, 28. Mai 1812, zu Rußland gehört. Der Großvater des Komponisten, Roman Rubinstein, wohnte zuerst in Zrstomir, Gouvernementstadt Wolyniens, dann eine Reihe von Jahren in Berdyczew, Gouvernement Kiew, wo er auch starb. Das von ihm dort erbaute Haus befindet sich bis heute in Berdyczew an der Bialopolaer Straße und wird noch jetzt „Nubinstein's Haus" genannt. In diesem Haus wurden fast alle Kinder des Roman Rubinstein und auch Grigory, der Vater des Komponisten, geboren. Ein Onkel des Komponisten, Abraham Rubinstein, war 1859 -1662 gewählter Bürgermeister von Berdpczew; dessen Sohn, Herr Wsewolod Rubinstein, ist Direktor der Jndustriebank in Kiew. Eine Kousine des Komponisten, Olga, geborene Rubinstein, ist die Frau des Generals und früheren General- Gouverneurs Czertkow, der neulich als Spezialgesandter nach Paris geschickt wurde. Viele alte Leute in Berdyczew, welche den Großvater des Komponisten persönlich gekannt hatten, erzählen noch heute, wie er, auch nach dem Uebertritt zum Christenthum, sich der Angelegenheiten der israelitischen Gemeinde warm anzunehmen pflegte, und man weiß sich vieler Einzelheiten zu erinnern, welche seine Herzensgüte und Freigebigkeit sympathisch darsteüen. Mit aller Hochachtung Warschau, 3. Januar. Joachim Silberstein. *) Die Mutter des Komponisten war eine geb. Nathansohn. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.