Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 2 (11.1.1895)
- Date
- 1895-01-11
- Page
- Seite 23 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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23 Wo also ist die Wahrheit? Werde ich denn nirgends wahre, echte Perlen finden? Nirgends? Aber ich kenne doch erst ein Stückchen Welt, tröstete er sich. Ich muß sie näher betrachten, die Wahrheit mriß ich finden. Ich besuche hier Häuser, welche nicht mehr in der schmutzigen, finstern Gasse von Zapiecko liegen, welche, vom Licht umstrahlt, mit Reichthum geschmückt sind. Sollten sie von der Civilisation nur das täuschende Gewand entlehnt haben? Bis jetzt habe ich, ach leider, nur wenig Gute gesehen, mehr Auswürfe der Civilisation. Es galt weiter z» suchen. Bor Allein begab er sich zum Direktor Löw. Er traf ihn in einem herrlich eingerichteten Kabinet, über einem Aktenstoß. Lang und hager, hatte er ein von einem dunklen Backenbart beschattetes, blasses Gesicht und kleine, unruhig hin und her laufende Angen. „Gut, gut," sprach er zum Bittsteller, „Aber >vas will inan denn eigentlich von mir? Weiß denn der Doktor nicht, daß jetzt jeder Augenblick mir theuer ist?" Er sprach in scharfen, abgerissenen Sätzen, dabei eifrig gestikulirend. Jizchak konnte keine Antwort finden? „Woher ist Er eigentlich?" fragte Jener. „Und ivas tuifl Er hier?" „Ich bin alis Zapiecko," begann Jizchak, doch schon war der Hausherr auf ihn zugeeilt und stiitzte seine knochige Hand aus den Arm des Ueberraschten. „Ans Zapiecko? ans Zapiecko?" Bortresflich! Er nöthigte den verwunderten Jizchak iit ein Sainmtsnnteuil, selbst aber warf er sich ihm gegenüber auf einen Sessel. „Ans Zapiecko, sagen Sie? Kennen Sie die Stadt genau?" „Ich bin dort geboren nnd tvohnte dort bis jetzt." Der Direktor rieb sich befriedigt die Hättde und begann mit dem Fuße einen Marsch ans dem Parquet zu trommeln. „Wissen Sie? Ich kandidire sür jenen Wahlkreis in den Reichstag." Jizchak staunte immer mehr. „Bis jetzt wurde dort immer ein Edelmann anfgestellt. Die jüdischen Wühler sind dort jedoch in der Ueberzahl; wäre das nicht eine Schande, wenn die Inden nicht für mich stimmen? Sagen Sie selbst!" Ohne die Antwort abzuwarten, ging er mit großen Schritten im Kabinet auf nnd nieder. „Erzählen Sie mir etwas von Zapiecko!" Jizchak begann mit der größteit Bereitwilligkeit zu berichten, wie viel Elend in dieser Stadt herrsche, wie finster, von der Kultur noch gar nicht beleckt die Menschen dort sind. . . Er sagte, daß Alle unter dem Pantoffel des Wunderthäters sich befinden. „Welchen Wunderthäters?" fragte der Andere rasch. Jizchak nannte ihn, und der Direktor rieb sich vergnügt die Hände. „Wunderbar! Also den muß ich gewiitnen! Ist er reich?" „Ich glaube, sehr reich!" Jizchak verstand jetzt, um tvas es sich handle. Er tvar empört. „Bestechen, bestechen . . ," fiel er ein, feilt vis-ii-vis ließ ihn jedoch nicht zu Worte kommen. „Und in der Stadt?" | „In der Stadt," rief Jizchak laut, „macht sich eben der Einfluß wes Wnnderrabbi am traurigsten fühlbar; welcher den blinden Danfen anssaugt nnd verdummt.. . . Ich denke, daß er die stärkste Mchranke gegen das Bordringen des Fortschritts bildet, daß vor Allem seine Macht gebrochen, untergraben und vernichtet werden müßte." Der Direktor lachte. „Phrasen, junger Herr, nichts als Phrase»! Auch ich huldige Ihren Grundsätzen; können die aber immer durchgeführt werden? Branche ich doch jetzt seiner als Berbiindeten, ich hoffe, an ihm een mächtigsten Bundesgenossen zu haben." (Fortsetzung folgt.) Fitterarische Mittheilungen. — William Wolf. Gesarnmelte musik-ästhetisch e A ufsätze. Stuttgart, Karl Grüninger 1894. Wir glauben, uns den Dank unserer Leser 31t verdienen, wenn wir sie auf das obengenannte Werkchen, obgleich es, streng genommen, in den Rahmen der sonst an dieser Stelle besprochenen Bücher nicht hineinpaßt, in Kürze aufmerksam machen, da es einer Kunstgattung angehört, der von alter Zeit her in jüdischen Kreisen viel Neigung und Interesse zugewendet wird. Der Verfasser, durch die gemeinsam mit Marksohn herausgegebene „Auswahl alter hebräischer Synagogalmelodien" (Leipzig, Breitkopf & Härtel) einem größeren Publikum rühmlichst bekannt, betritt mit den „gesammelten musik-ästhetischen Aufsätzen" ein Gebiet, das seiner Schwierigkeit wegen verhältnißmäßig wenig angebaut ist, zu dessen Bearbeitung er aber, wie wenige, berufen erscheint. Denn nicht nur, daß er durch tiefeindringendes, selbstständiges Studium mit den einschlägigen Fragen auf das Genaueste vertraut ist, — eine im Erscheinen begriffene und demnächst in ihrem ersten Bande vorliegende Musik - Aesthetik des Verfassers legt von Neuem vollgültig Zeugniß dafür ab — besitzt er auch in außerordentlich hohem Grade die Gabe, die subtilsten fachwissenschaftlichen Untersuchungen ohne Gefährdung der Gründlichkeit in einer auch den Laien durchaus klarem und verständlichen Ausdrucksweise anzustellen. Am glänzendsten zeigt sich diese Befähigung, im besten Sinne populär zu schreiben, iuder ersten längeren Abhandlung „lieber Tonmalerei", in der der Verfasser einerseits die Berechtigung dieses Seitengebietes der Tonkunst mit unwiderleglichen Gründen nach weist, andererseits mit Nachdruck die Zulässigkeit der tonmalerischen Produktion begrenzt und den Musiker davor warnt, in unkünstlerischer Weise auf das Gebiet der optischen Malerei hinüberzugreifen. Die drei andern Aufsätze: „Musikalische Darstellung von Schlaf und Tod", „Unhörbares in der Musik" und „Musik hören—und sehen", behandeln in kürzerer Fassung Fragen und Probleme, die das Interesse des denkenden Musikfreundes um so mehr erregen, als sie bisher noch keine ihrer Bedeutung würdige Darstellung gefunden haben. M. H ßl. Silberstein, Dr. Adolf: Im Strome der Zeit. Ausgewählte Blätter. Budapest 1894. I. Wiener. Silberstein, ein geistvoller Mitarbeiter des „Pester Lloyd", veröffentlicht unter obigem Titel seine kritischen Aufsätze und Studien, die Gemeingut aller Litteraturfreunde, so weit die deutsche Zunge klingt, zu werden verdienen. Zu den Perlen der Sammlung, welche ein vornehmer, belehrender und ergötzender Geist durchweht, gehören: „Die Entdeckung des Judenthums", Moses Mendelssohn", „Heinrich Heine", „Ludwig Börne" u. A. m. Der Leser, der auch einen anregenden Zeitvertreib verlangt, wird von dieser Sammlung kritischer Studien, die in ihrem Genre eine erste Rangstellung einnehmen, doppelt befriedigt sein, denn das Werk ist nicht nur litterarisch hervorragend, sondern auch sehr interessant. ---- Das Novemberheft der „Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judenthums" (Breslau, Schlesische Buchdruckerei, Kunst- und Verlagsanstalt) hat folgenden Inhalt: Samuel Krauß: Die biblische Völkertafel im Talmud, Midrasch und Ta.rgum (Schluß). — S. H. Margulies: Zur Erklärung zweier Mischnastellen. — M. Gast er: Ein Targnm der Amidah. — David Kaufmann: Die Schuldennoth der Gemeinde Posen während des Rabbinates R. Jsak b. Abrahams (1668-1085).