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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-01-11 · Heft 2 (11.1.1895) · p. Seite 22

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 2 (11.1.1895)
Date
1895-01-11
Page
Seite 22 (sequence 10)
Language
German
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22 .siiub war schön; es hatte ein blasses, winziges Gesjchtchcn, aber zwei dunkle, große Gingen, in denen etwas von keimender Melancholie war wie man sie bei den Judenkindern des Ostens oft findet. Es trug ein weißes, sauberes Kleidchen, in der Hand hielt es" ein kleines Sträußchen glühend rother Erdbeeren, die ersten des Jahres. Antonia ergriff das Kind, zog es an sich und begann es mit Innigkeit zu Herzen und zu küssen, während das Kind sie nmhalste. „Wie beißt Du, Kindchen?" „Esther." „Und Ivo ist Deine Mutter, Herzchen?" „Todt — Mutter ist gestorben, habe nur noch einen Vater und ein Brüderchen. Ja, Mutter ist todt." „Ach, Du armes Würmchen, Du!" Und es brach ans ihr hervor jene Innigkeit, wie sie jedes Weib besitzt, wenn ein Kind sein Empfinden berührt. Dann saß sie ganz schweigend und wiegte das Kind in ihren Armen; ihre Flechten hatten sich gelöst, lang und schwer, und fielen über ihre Schultern herab. Neben uns stand ein Kirschenbaum, ganz überdeckt von duftenden Blüthen; einige fiele» auf ihr dunkles Haar wie riesige Schneeflocken. Auf ihrem Gesicht lag noch ein matter Abglanz des verlöschenden Sonnenlichtes. Eine Biene summte, immer schwächer, bis sie verschwand. Inzwischen kamen unsere Eltern, und sie standen überrascht da vor dem reizenden Bild. Sie aber raffte sich auf, wie beschämt. Sie schickte das Kind weg. Und als wir dann bei Speise und Trank saßen, da war der Zauber dieser Minuten verschwunden. Man scherzte, man lachte, aber ich saß still und in mich gekehrt da. Mama neckte mich; ob ich denn verliebt bin? Ja, Mama, sagte ich; sogar sehr: in dich und in die Natur. Wir erhoben uns und gingen. Es war spät geworden. Unser Wagen kam uns entgegen, in den wir einstiegen. Wir fuhren langsam, langsam durch den dämmernden Abend. Am Westen hatte der Himmel eine zartrosa Färbung, dann wieder ein mattes, weißliches Blau. Von fern leuchtete der Abendstern, ganz einsam. Eine Fledermaus flog ganz nahe an Antonia vorbei, daß sie einen leise» Schrei ausstieß. (Fortsetzung folgt.) Aer Iudenzrmge. Eine Erzählung aus Ostgalizien von Wilhelm Feldmann. (Fortsetzung.) XIII. s war schon sehr spät, als die jungen Leute auseinandergingen. Moritz ließ Jizchak nicht von seiner Seite. „Das habe ich nicht von Euch erwartet," sagte er ohne Groll. „Na, na, Ihr habt mich da in eine schöne Patsche gebracht." Er lachte belustigt auf. „Ich denke, daß Du nicht so bald Präsident werden wirst," sprach Einer aus der Gesellschaft jener Parlamentarier, Henio genannt. „Glaubst Du in der That, daß es sich nur blvs um diese fragliche Ehre handelt?" erwiederte Moritz mit ungelogener Entrüstung. „Könnt Ihr es denn nicht glauben, daß ich wirklich das Wohl der Juden erstrebe und gerne daran arbeiten würde? . . ." Er sprach noch länger darüber, voll Gefühl und Ueberzeugnng bald aber schlossen sich zwei andere Bekannte an, welche Moritz seinem Begleiter vorstellte. Jizchak bemerkte ihre hohen Chlinder und zierlich gedrehten Schunrrbärtchen. Ihre Name» endeten auf „ski". Sie brachten einige intereffante Neuigkeiten und Stadtklatsch. Das Gespräch nahm eine ganz andere Wendung. Witze und Bemerkungen flogen hinüber und herüber. „Laßt uns zu Sophiechen gehen," schlug Henio vor. „Zu Sopherl," wurde beschloffen. Man blieb vor einer Vorstadtkneipe stehen. „Ihr haltet mit, Jizchak, nicht wahr?" sprach Moritz. „Wir wollen ein wenig Ulk treiben. Was? Ewig arbeiten und spintisiren? Kommt." Jizchak sträubte sich. Er wußte nicht, wie er sich in dieser lustigen, eleganten Gesellschaft zu benehmen hatte. „Vielleicht wollt Ihr als gewesener Rabbinatskandidat Euch nicht entweihen? Kommt Alle! Ich halte Euch frei." Jizchak trat mit den Anderen in ein ganz abgesondertes, durch eine flackernde Gasflamme erleuchtetes Zimmer. Ein Tischchen und mehrere an den Fußboden befestigte Stühle, ein Sopha, Kleiderrechen und ein frivoles Bild vervollständigten das Ameublement. Die Gäste klopften den Wirth vertraulich auf die Schulter. „So lange waren die Herren nicht hier gewesen," beklagte er sich. „Wir wollen uns heute für Alle? schadlos halten." Man brachte Krehnwürstel und Bier. Jizchak saß schüchtern auf der Stuhlecke und sprach kein Wort. Er ließ es sich wohl schmecken. Der Kellner brachte einen heißen Grog und öffnete die aus dem Alkoven ins Billardzimmer führende Thür. Alles ging hinein, nur Jizchak blieb, Zeitungen durchblätternd, beim Tisch. Das Klopfen, Springen und Rollen der Kugeln, mit Lachsalven und lustigen Ausrufen untermischt, begann jetzt. Jizchak blickte nicht hin. Er war über das Reden und Treiben der jungen Leute empört und fühlte sich fremd. Er vermochte es sich nicht zu erklären, was Moritz hier zu suchen habe. . . . Ihr Bruder! Er wollte ihren Namen hier nicht aussprechen. Die Gesellschaft stürzte jetzt wieder in den Alkoven. Alle waren bereits sehr angeheitert, hatten geröthete Wangen und glänzende Augen. Moritz hatte offenbar stark über Durst getrunken. Er bemerkte, daß Jizchak sich entfernen wollte. „Holla!" rief er. „Nicht durchgebrannt!" Und er setzte ihn mit Gewalt auf den Sessel. Schließlich gelang es Jizchak aber doch, unbemerkt zu entkommen. Er gab dem Wirth einen halben Gulden. Seine Tasche war schon sehr leicht, aber das Herz von Scham und Schmerz voll. Er hätte weinen, strafen, sich bis aufs Blut geißeln mögen. XIV. Am nächsten Tage machte er sich mit den übrigen Karten des Doktors auf den Weg. Des Morgens hatte er mit seiner Hausfrau abgerechnet, und nachdem er das für die Wohnung Gebührende bezahlt hatte, blieben ihm nur einige Kreuzer in der Tasche. Dies erschütterte ihn mehr als alle Betrachtungen; die Schrecken seiner Lage erfüllten ihn mit Angst und Verzweiflung. Er zitterte bei dem bloßen Gedanken, daß der heutige Tag ebenso fruchtlos sein könnte, als es die bisherigen gewesen waren, und er sah sich bereits im Geist aller Mittel entblößt. Wo ist Wahrheit auf dieser Welt? fragte er. Das. was er bis jetzt gesehen, war doch nicht die Verkörperung der Civilisation. Was er aus der Ferne für echte Perlen gehalten, waren, in der Nähe gesehen, nur Glaskorallen, gerundet, schön geglättet, durch herrliche Farbenpracht blendend und lieblich an einander klingend, aber doch I nichts als hohles Glas.

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