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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-01-11 · Heft 2 (11.1.1895) · p. Seite 21

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 2 (11.1.1895)
Date
1895-01-11
Page
Seite 21 (sequence 9)
Language
German
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21 und sie konnte nie seinen frühen Tod verschmerzen. Und dann hatte sie so viel zu kämpfen, und unsere Verhältnisse wurden schlimmer und schlimmer. Sie ahnte nicht, daß ich sie oft belauscht, und tagsüber, wenn ich zu Hause war, hatte sie stets ein freudiges Lächeln auf den Lippen. Sie war und blieb mein Stolz. Wenn ich mit ihr durch die Straßen schritt, sie mit ihren noch immer jugendlichen Bewegungen, so war es ein Hochgefühl, das mich erfüllte. Wir machten allerlei Pläne für die Zukunft. Ich wollte nie von ihr gehe», und es erschien mir trostlos, ohne Mama leben z» müssen. Wir kamen von unser» kleinen Spaziergängen immer vergnügt heim. Wir hatten selten Besuch — nur daß hier und da ein Verwandter oder ein alter Freund kam. Bis wir die Familie Arndorf kennen lernten, die in die neue Villa uns gegenüber eingezoge». Dr. Arndorf war ein vornehmer Herr, ganz modern in seine» Gesinnungen, und obgleich er ^wirksamstes Mitglied der jüdischen Gemeinde war und für seine Glaubensgenossen in tvärmster Weise eintrat, erinnerte doch nichts — weder seine Lebensweise noch seine ganze;Art — an seine Abkunft. Er genoß in allen Kreisen der Gesellschaft wärmste Achtung, aber er verkehrte größtentheils mit christlichen Familien. Wir waren aber sehr rasch befreundet worden; zuerst waren es wissenschaftliche Interessen, die uns zusammengeführt, dann kam, ohne daß wir es beabsichtigten, eine warme Herzlichkeit zwischen uns auf. Und ich war rasch befreundet worden mit seiner jungen einzigen Tochter Antonia. Sie hatte etwas von jener melancholischen, herben Schönheit an sich, die den feineren jüdischen Frauen oft eigen ist, eine Schönheit, von der der Verstand träumt und die das Gefühl enttäuscht; etwas Vollendetes und Tadelloses, das wir bewundern, aber nicht lieben können. Auch sie selbst war mehr mit Verstand als mit weichem Gefühl von der Natur ausgestattet worden. Sie war sich ihrer Schönheit und Vornehmheit bewußt, und sie nahm all die reichen Huldigungen, die man ihr entgegeubrachte, als etwas Selbstverständliches hin. Und wir standen 31t einander in einem ganz eigenthümlichen Verhältnisse; es war wenig Sympathie zwischen uns, unsere Naturen waren grundverschieden: ich mit meinem warmblütigen Enthusiasmus paßte nur schlecht zur kühlen skeptischen Art ihre? Wesens. Sie liebte das Widersprechen mehr ans Laune, als aus Prinzip; aber das gerade war es, was mich reizte, mich immer wieder zu ihr hinzog, trotzdein ich mich oft innerlich verwundet fühlte, trotzdein sie meinen Geist zu beherrschen suchte. Es brach oft zwischen uns ein heftiger Kampf unserer Naturen, unserer Temperamente aus — aus dem wir verstimmt, ja sogar mit haßerfüllten Gefühlen weggingen. Aber immer wieder kamen wir uns entgegen. Es war etwas wie Dämonie in diesem Weibe, dem ich nicht widerstehen konnte; vielleicht war es nur feingespielte Pose, die ich damals aber nicht durchschauen konnte. Wir machten oft weite Spaziergänge, wir sprachen dabei von allem Möglichen, den» sie hatte kein oberflächliches Wissen, aber zu intimem Aussprechen kamen wir nie. Sowohl ihre Eltern als meine Mutter sahen uns gern zusammen und sie mochten Zukunftspläne hegen. Sie hatte mich nur einmal für wenige Tage bezwungen — aber ^ill' meine Gefühle erloschen dann ebenso jäh, wie sie gekommen. Es war an einem reizenden, lauen Frühlingstage, als wir Alle einen gemeinsamen Ausflug ins nahe Birkenwäldchen unternahmen. Junges, zartes Grün war auf den Wiesen und Feldern, an den Bäumen, deren Knospen eben gesprungen. Es war dieser in Träume eiulullende Frühlingsduft, der unsere Sinne in süße Betäubung bringt, das Sonnenlicht hatte die matte Farbe von Elfenbein. Auch sie sah an diesem Tage reizend aus in ihrem neuen Hellen Kleide, das ihr so gut stand; ihre feinen Züge hatten etwas Weicheres bekommen; ein leiser Anhauch von Sinnlichkeit und Träume lag auf ihrem Gesicht, und in ihren Augen war das Lächeln der Frühlingssonne. Auch ihre Stimme hatte eine etwas andere Klangfarbe bekommen; es klang etwas wie Sehnsucht in ihr, gedämpft zwar, aber doch merkbar. . Eine Heiterkeit überkam uns, wie sie zwischen uns noch nie gewesen und von der Art, wie man sie nur in den Hochmomenten des Glückes empfindet. Allo waren in dieser Stimmung; auch Mama war so lustig, wie ich sie lange nicht mehr gesehen. Wir trieben allerlei Schabernack; wie die Kinder sprangen wir über die kleinen Hügel, über die Kalkgruben. Ich setzte mir Antonias Hut auf, und sie warf sich meinen Paletot um. Dann hielt sie eine lange, drollige Ansprache an die Natur mit einem Pathos, daß wir aus dem Lachen nicht heraus kamen. Dann hatte ihre Stimmung plötzlich umgeschlagen ins Melancholische hinüber. Sie sang leise vor sich hin mit einer ganz seinen Stimme, und es war jenes tiefgefühlte Lied von Rubinstein, das ich nie ohne Rührung hören konnte und das mich stets in eine eigne Stimmung versetzt: „Ich bin vom Stamme jener Asra." Dann schwieg sie. Wir schritten zusammen durch die Waldalleen, entfernt von den Unsrigeu. Nur verhallende Stimmen drangen ab und zu zu rms; hie und da ein Schuß von irgendwo, ganz von fern — bis er verhauchte; eines Kuckuks Ruf: dann wieder minutenlange Stille, nur daß hie und da ein dürrer Ast ächzte oder daß der Wald aufrauschte wie in erwachender Leidenschaft. Ich aber hörte nur ihren Schritt, der etwas Müdes hatte, und das Pochen meines Herzens. Ich wagte nicht, zu ihr aufzuschaucn, sie anzusprechen. Hatte ich sie verkannt? Ruhte etwas tief, tief in ihrer Seele — eine feine Empfindungswelt, die sich scheu vor der Welt verbarg, die ich bisher aus ihr nicht hervorzuzaubern vermocht? Das vergliunnende Sonnenlicht brach durch alle Zweige, der Wald begann zu glühen in brennend rokhen Farbe», und auch sic übergoß es ganz, daß sie dastand, wie in einen rosigen Schleier gehüllt. Und dairn blickten wir uns einen Moment lang an, lind ich glaubte in ihren Augen keimende Liebe zu lesen. Wir waren an den Rand des Waldes angelangt, dort, wo die Waldschänke stand. Wir setzten uns auf eine der Bänke, die vor dem Hause standen; von hier konnte inan über weite Felder zur Stadt Hinblicken, deren Dächer jetzt schiuimerten und glänzten. Sie legte Hut und Schirm weg, ihre Handschuhe sielen zu Boden. Sie blickte iveit weg, zu den Thürmen der Stadt hinüber. Vom Walde drang ein schwerer, schwüler Duft von Harz und Kräutern. Wir waren allein, nur daß sich ein alter Hund herumtrieb. Fern brauste ein Zug heran, von Rußland kommend; ein schriller Pfiff, dann nahm das schwere Athinen und Pfauchen ab, bis es allruälig verklang. Dann kam aus der Wirthsstube ein kleines, etwa achtjähriges Mädchen an uns heran und fragte uns nach unseru Wünschen. Da»

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