Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 2 (11.1.1895)
- Date
- 1895-01-11
- Page
- Seite 20 (sequence 8)
- Language
- German
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20 einen Ruf der Achtbarkeit erworben hat. Unter solchen Verhältnissen wage ich es, mich dem Throne, dem Gerechten — ehrfurchtsvoll zu nahen, und E. K. M. unterthänigst zu bitten: Daß Allerhöchst Dieselben geruhen möchten, durch ein Wort der Gnade mich und meine Glaubensgenossen vor unverdienter Geringschätzung zu schützen und vor unverschuldeter Verachtung huldreichst zu bewahren. Meine Glaubensgenossen alle, die hängen mit Liebe und unverbrüchlicher Treue an König und Vaterland und setzen heut, wie in den Prüfungsjahren des Befreiungskrieges gleich ihren christlichen Mitbürgern, Blut und Leben willig für König und Vaterland ein, denn sie sind Söhne Preußens, und der Glanz Ew. Majestät bestrahlet sie nicht minder, als die übrigen Unterthanen, die Ew. Majestät ihren König nennen. Ich selbst, Vater zahlreicher Familie, erziehe meine Kinder als echte Rinder des Vaterlandes in Gottesfurcht und Menschenliebe, und lehre sie zu leben und zu sterben für König und Vaterland. Berlin, den 22. September 1836. Wenn man dieses Schriftstück dem Inhalt der Kabinets-Ordre gegenüberstellt, muß man sagen, daß letztere eigentlich keinen Anlaß bot, mit solchen Vorstellungen dem König zu nahen, und wenn selbst, wie ersichtlich, hauptsächlich nur der zweite Theil der Kabinets-Ordre, der sich auf die Führung der Vornamen bezieht, die Herzen der preußischen Juden, in deren Namen Joöl Wolfs Meyer das Wort führt, bekümmerte, so kann doch nicht geleugnet werden, daß eine gewisse Ueberempsindlichkeit dem Schreiber die Feder in die Hand gedrückt hat. Um so gewichtiger erscheint die Antwort des Königs, die, wenn sie auch nachdrücklich auf diese Ueberempsindlichkeit hinweist, doch als eine überaus gnädige bezeichnet werden muß. Es war offenbar die damals schon höchst geachtete Stellung des Verfassers, an die er ja auch in seiner Einleitung unter Betonung der kommerziellen Wichtigkeit seiner kaufmännisch-gewerblichen Thätigkeit in äußerst geschickter Weise selbst erinnert, dann aber auch der trotz einiger Ueberschwänglichkeit in der Form so überaus warme und tiefste Ueberzeugung wie aufrichtigen Patriotismus verrathende Ton der Eingabe, welche ihr die folgende Antwort des Königs zutheil werden ließ: Aus Ihrer Eingabe vom 22. v. M., deren Anlagen hierbei zurückgehen, habe ich mit Befremden ersehen, daß Sie den Antrag gemacht, „daß Ich durch ein Wort der Gnade Sie und Ihre Glaubensgenossen vor unverschuldeter Geringschätzung schützen und vor unverdienter Verachtung bewahren möge", und Sie haben die Veranlassung zu diesem Gesuch aus einer öffentlich bekannt gemachten Verordnung des Justizministers über die unpassenden Umschreibungen des Namens Jude, und in welcher zugleich an eine frühere und nicht gehörig beachtete Verordnung wegen jüdischer Vornamen erinnert wurde, welche Meiner Ordre vom 19. Juni zu Grunde lag, entnommen. In dieser Ordre habe Ich den Ministerien und Behörden anbefohlen, in ihren Berichten sich, wenn von Juden die Rede sei, der modernen, vielfältigen Umschreibungen dieser Bezeichnung zu enthalten, und wenn hieraus Geringschätzung und Verächtlichkeit in Hinsicht auf Juden gefolgert werden sollte, so kann dabei nur böser Wille oder Jrrthum zürn Grunde liegen, indem Ich nichts Anderes beabsichtigt habe, als diejenige Bezeichnung, welche in allen Gesetzen und auch in dem letztern über die bürgerlichen Verhältnisse der Juden vom 11. März 1812 ausgenommen worden ist, für die allein richtige zu halten, mithin auch für diejenige, deren sich die Ministerien und Behörden zu bedienen haben. Sie werden hieraus meine Absicht, den gesetzlich bestehenden Zustand der Juden aufrecht zu erhalten und hieraus also auch entnehmen, daß es gar keines erneuerten Wortes der Gnade und Beruhigung bedarf. Eine vorurtheilsfrei unternommene Vergleichung der jetzigen und der früheren Zeiten in Bezug auf die Verhältnisse der Juden im Preußischen Staate kann wohl nur zum Vortheil der ersteren ausfchlagen; und treue Erfüllung der llnterthanen- und Bürgerpflichten wird, zu welcher Religion sich auch die Einzelnen bekennen, von Mir nach wie vor stets anerkannt werden. Ich verstatte Ihnen, von dieser Ordre jeden beliebigen Gebrauch zu machen. Berlin, 15. Oktober 1836. Friedrich Wilhelm. Die dem Verfasser der Eingabe und seinen Glaubensgenossen überaus günstige Tendenz der Antwort zeigt sich wohl am deutlichsten im letzten Satze der Kabinets-Ordre, die, der in diesem Satze enthaltenen Absicht weitester Publizirung entsprechend, denn mtd) schon ohne Zuthun des Adressaten am 21. Okt. 1836 in der „Allgemeinen Preußischen Staatszeitnng", der Vorgängerin des „Preuß. Staatsanzeigers", erschien. Am 22. Okt. berichtet die Vossische Zeitung über die Kabinets- Ordre, in mehreren Berliner Korrespondenzen vonr 18.. 19. und 21. Oktober erzählt um 28. Oktober das „Frankfurter Journal" bon ihr und der Wirkung auf das Publikum: . Das Schreiben soll für die Verhältnisse der Inden nicht blos beruhigende, sondern gnädige Aeußerungeu enthalten. Diese Nachricht hat hier im gebildeten Publikum einen sehr erfreulichen Eindruck hervorgebracht, und sie wird in den entferntesten Kreisen freundliche Theiluahme erregen." Hören wir aber zum Schlüsse noch, was Joel Wolfs Meyer selbst, dessen Andenken in unserer Gemeinde fortlebeu wird, über die Aufnahme der Antwort beim Publikum und besonders bei seinen Glaubensgenossen sagt. In einem begeisterten Dankschreiben an den König, dessen schöner Wortlaut auch im Konzept vorliegt, sagt er: „Soll ich es schildern, wie Tausende durch das väterlich Königliche Wort aufgerichtet, freudig belebt, durch 1000 Briefe aller Welt mit Sturmeseile die wahren Königlichen Gesinnungen meines Herrn verkündet tuuvbeit?" e_ m mal nriiiyii;' uMMM w -. .. WMM i 1 FEUILLETON g 1 m mufwnuriii, MltilUlm:1' H -%*!•—! 1-1 nminwudüiggz IflmTuBTTOEäS Uorurtheilc. Novelle von Hermann Menkes. (Fortsetzung.) W^ls ich alter wurde, und ich in meinem Städtchen als eine 21 rt Ungeheuer von Gelehrsamkeit galt, war ich über LT3 all' die Gefühlsüberschwänglichkeit meiner ersten Jugend' jahre längst hinausgewachsen; für die Leiden meiner Glaubensgenossen da und dort hatte ich mir dennoch ein warmes Herz bewahrt. Es war der Stolz des Juden in mir. der sich isolirt und bekämpft weiß, ohne die Gründe des Hasses zu kennen; eine starke Empfindlichkeit, die stets schweigsam und resignirt bleibt. Mochten sie uns Alle verachten — in uns steckte doch viel mehr menschlicher Adel, als sie uns zutrauen wollten. Ich war ernst, still und zurückhaltend geworden, und sie schalten mich Alle kühl und unzugänglich. All' meine Liebe schenkte ich meiner Mutter, und sie belohnte mich mit all' der innige» Zärtlichkeit, deren ein junges Herz bedarf. Ich verehrte ihr vornehmes Wesen, all' das Feine, das ihr anhaftete. Mama war noch immer schön, trotzdem eine Welt unausgesprochenen Leids hinter ihr lag. Wie oft hörte ich sie in stiller Nacht ganz leise hinweinen, daß es mir das Herz zerriß. Denn sie hatte Papa leidenschaftlich geliebt