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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-01-11 · Heft 2 (11.1.1895) · p. Seite 18

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 2 (11.1.1895)
Date
1895-01-11
Page
Seite 18 (sequence 6)
Language
German
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18 Allein es ist noch durchaus nicht nachgewiesen, daß jene traurigen Erfahrungen durch die mangelhafte Qualität der ersten Kolonisten bedingt gewesen seien; viel wahrscheinlicher ist es, daß die Mängel in der Organisation der russische» Komitees und die Unstätigkeit in der obersten Verwaltung in Argentinien selbst zu jenem Mißerfolg in erster Linie beigetrageu haben. Soll sich doch noch in diesem Jahr Baron Hirsch selbst einem Korrespondenten der Frankfurter Zeitung gegenüber geäußert haben, daß es ihm leider bisher noch nicht gelungen sei, zur Leitung des Unternehmens „tbe rigth man in tlie rigth place“ (den rechten Mann am rechten Platz) zu finden. . . . Allein, wenn es auch wahr gewesen wäre, daß an jenem Mißlingen der ersten Versuche einzig und allein der Umstand Schuld sei, daß die ersten Ansiedler keine Bauern von Hause aus gewesen seien, soJhätte eben eine weise Verwaltung dies voraussehen müssen. Wir wollen hier nicht untersuchen, wen die Schuld trifft an jenen häßlichen Auftritten, welche sich in den argentinischen Kolonie» des Baron Hirsch abgespielt haben; tvir wollen auch dahingestellt sein lassen, ob bereits 5000 oder blos 3000 Kolonisten angesiedelt worden sind: für die Beurtheilnug der Aussichten der Gesellschaft auf Verwirklichung ihres groß angelegten Planes ist dies ziemlich gleichgiltig. Viel wichtiger ist dagegen die Thatsache, daß die Gesellschaft sich als unfähig erwiesen hat. ihr Versprechen einzulösen und denjenigen Hilfe und Rettung zu bringen, welche derselben am meisten bedürfen und um derentwillen sie ins Leben gerufen worden war. Einem Korrespondenten des — wenn wir nicht irren — „New- Nork Herold" hat Baron Hirsch persönlich erklärt, daß er nur in Folge der durch die Maigesetze geschaffenen verzweifelte»! Lage des größten Theiles seiner russischen Glaubensgenossen dazu veranlaßt worden sei, die enormen Sunnnen für die Kolonisation Argentiniens durch russische Juden zu opfern. Und wen» konnnt nun diese Wohlthat zu Gute? Nicht jenen unglücklichen Opfern der Maigesetze, »velche von Haus und Herd gejagt wurden und nicht »vissen, wohin sie sich wenden sollen, sondern einigen Tausend alteingesessenen jüdischen Bauern, welche, unter der in Europa gegenwärtig allgemeinen Kalamität der Landwirthschaft leidend, gern mit freinder Hilfe in der neuen Welt ihr Heil versuchen möchten. Allerdings giebt es auch unter den jüdischen Bauern, obgleich sie von den Ausweisungen nicht betroffen wurden, viele wirklich Hilfsbedürftige, allein gerade diese konnten von den Lokalkomitees nur in seltenen Fällen berücksichtigt werden, da zu de» Bedingungen für die Aufnahme in den Unterthanenverband des Baron Hirsch auch die gehört, daß die Bewerber über eine nicht unerhebliche Summe baaren Geldes verfügen müssen. Es rvird für die Leser dieses Blattes vielleicht nicht ohne Interesse sein, einige dieser Bedingungen, wie sie vor Kurzem durch die hebräischen Blätter bekannt gemacht wurden, kennen zu lernen: „1. Es werden nur solche Personen angenommen, welche sich von Jugend ans mit Landarbeit beschäftigt haben. 2. Es werden nur ganze Familien angenommen, bestehend aus Mann, Frau und 3 bis 4 unverheiratheten Söhnen. 3. Diese Familien dürfen nur Landarbeiterfamilien sein, welche in einem Dorfe wohnen, mit der Landarbeit vollkommen vertraut und außerdem genügsam, friedfertig, nicht habgierig, nicht genußsüchtig und nicht faul sind. Sie »nüssen ärztlich untersucht werden, ob sie vollkommen gesund und kräftig sind. 4. (wörtlich): „Für den ersten Transport müffen die Familien einander in jeder Beziehung möglichst gleich sein; sie sollen »voinöglich schon seit jeher mit einander bekannt und in ihren Sitte» und Gewohnheiten gleich sein, damit sie in ihrer neuen Kolonie friedlich neben einander wohnen können (sic!). 5. Die Fainilien müssen dein Central-Komitee dir Kosten ihrer Uebrrsiedelung nach Argentinien im Voraus erstatten, sowie sie die behördliche Erlaubniß zur Auswanderung erlangt haben." Wenn jetzt, nach mehr als drei Jahren, noch solche Bedingungen erforderlich sind; wann soll dem» endlich die in Aussicht genommene Massenemigratiou beginnen? Man spricht allerdings zunächst noch von Pionieren; was sollen aber in diesem Falle die Pioniere für die Gesammtheit leisten, wenn sie in gesonderten Kolonien angestedelt werden und wenn vorausgesetzt wird (ob mit Recht oder Unrechtmag dahingestellt bleiben), daß es zur Erhaltung des Friedens inner, halb der Kolonie erforderlich sei, daß die Einwohner derselben in Sitten und Gebräuchen rc. möglichst gleichartig und auch überdies seit länger mit einander bekannt sein sollen? Wenn endlich einmal der große Nachschub der überschüssigen jüdischen Bevölkerung ans den Städten des Ansiedelungsrayons Nachfolgen soll, denkt man etiva alsdann die Kolonien der Pioniere aufzulösen und deren Insassen auf die verschiedenen neuzugründenden Ansiedelungen zu vertheilen? Damit dürften dieselben schwerlich einverstanden sein. Oder denkt man vielleicht, daß jene Mnsteranstalten schon durch ihre Existenz die nachfolgenden Händler, Melamdim rc. zu Muster- Landwirthen inachen werden? Ein solcher Optimismus wäre im Vergleich mit dem jetzt herrschenden Pessimismus (siehe die Bedingungen!) geradezu uilbegreiflich. Von »velcher Seite tvir auch die bisherige Thätigkeit der Gesellschaft, sowie insbesondere die Richtung, welche sie sich gezwungen sah einzuschlagen, betrachten, werden wir inimer zu dem Schluffe gedrängt, daß sie sich unfähig erwiesen hat, ihre Versprechungen auch nur im Entferntesten zu erfüllen, und daß eine Verbesserung der traurigen ökonomischen Lage der russischen Judenheit von ihr nicht zu erwarten sei. Ueber die mannichfachen Nachtheile, welche das geradezu prahlerische Auftreten der Gesellschaft den russischen Inden direkt oder indirekt bringen mußte, »vollen »vir in einem folgenden Briefe sprechen. I,. E. Erinnerung en. Von Dr. Albert Levy. (™3h» diesen Tagen schickt man sich in unserer Gemeinde an, ein 25 jähriges Anitsjnbiläum zu feiern. Gerade bei dieser ^^Gelegenheit dürfte man sich aber auch mit Fug eines Mannes erinnern, der vor nnumehr 25 Jahren, an» 25. September 1869, aus einem langen und thätigen Leben abberufen »vurde. Von der Wirksamkeit dieses Mannes — Joöl Wolfs Meyer — innerhalb der hiesigen jüdischen Gemeinde, in »velcher er bis zun» 14. Juli 1843 auch das Amt eines Gemeinde-Aeltesten bekleidete, verlautet manch' rühmendes Wort: Was aber seiner Persönlichkeit eine »veit über den Rahmen hiirausgehende Bedeutung verleiht und ihn dankbaren Gedenkens auch heute noch »vürdig erscheinen läßt, das ist sein »viederholtes energisches Eintreten für die Gesammtheit seiner Glaubensgenossen im engeren Vaterlande Preußen und sogar über dasselbe hinaus. Wer sich in die Akten der hiesigen Gemeinde und besonders a»»ch in einige Schriftstücke vertieft, die sich unier den nachgelassenen Papieren Joöl Wolff Meyers vorfiirden, der wird »nit inniger Genugthnung »vahrnehmen, »vie im Herzen dieses Mannes ei» heiliges Feuer loderte, das ihn bei jeder Gelegenheit ans das Wärmste und Thatkrüftigste für die Rechte und die Ehre seiner jüdischen Mitbürger eintreten hieß, der wird auch mit aufrichtiger Belvundernng den

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